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„Spirit of Entebbe“ hat mit „Die Juden sind ihr Unglück“ eine staatlich geförderte Medienfälschung durchgearbeitet:

„[...] (Nahost-)Geschichte wird heute nicht mehr von den Siegern geschrieben, sondern von den Verlierern, und deutsche Filmemacher reichen da, jedenfalls wenn es gegen die Juden geht, gern die helfende Hand. Gefördert von der Filmstiftung NRW. „

 

„[...] einzig der wissenschaftliche Takt vermag darüber zu wachen, daß das unabdingbare subjektive Element, an dem Spontaneität und Produktivität von Wissenschaft haftet, nicht ins Wahnhafte wuchere.“ (Adorno, „Schuld und Abwehr“, 139)

Im Gegensatz zur „Zeitschrift für Sozialforschung“ hat die Bahamas auf markiges Auftreten sich verpflicht. Das war mitunter berechtigte und lesenswerte Reaktion auf die verhärteten Verhältnisse – von der Ohnmacht gegen diese lässt man sich leider doch zu oft dumm machen.  Die errichtete Sparte verlangt Opfer und sei es der Reflexion. Zur Theorie pflegt man ein mitunter dann doch recht instrumentelles Verhältnis, der Effekt ursurpiert Konsistenz. Sören Pünjer baut diesem ganz postmodernen Eklektizismus ein Denkmal, weil er wegen Wulffens Häuschen gegen die Piratenpartei mit Assad gegen die Islamisten weil für die Alaviten segelt:

„Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz.“ (Bahamas 63, S. 14)

Die gleiche Strategie der Verharmlosung ist für das postnazistische Deutschland in „Schuld und Abwehr“ dokumentiert: Die Faktizität der Ereignisse wird lächerlich gemacht und als „Hörensagen“ abgewehrt, wenn nicht gleich die Erstschuld der Verfolgten (hier: „angezettelt“) behauptet wird. (S. Adorno, s.o., 165) Das Einverständnis mit dem Mord hat sich schon hergestellt, wenn nur die Identität der Opfer vom Hörensagen erwiesen wird als menschenfeindliche, hier djihadistische. Gegen diese Tendenz ist noch jeder Islamist zu verteidigen. Auch er soll für den Sturz eines Folterfürsten demonstrieren dürfen, ohne von einer Panzergranate zerfetzt zu werden und ohne von einem Schrapnell den Unterkiefer herausgerissen zu bekommen. Dass es Assad ist, den Pünjer hier in der Bahamas in Schutz nimmt, zeugt von der Gravidität der Verdrängungsleistung. Assad, jener antisemitische Baath-Klon Saddam Husseins, Helfershelfer der iranischen Henker, dem Israel noch vor ein paar Jahren einen Atomreaktor im Bau unter den Händen zerbombt hat, der die Raketenlieferungen an die Hisbollah organisierte, der im Libanon nun wirklich nicht der christlichen oder laizistischen Minderheit beisteht, sondern mitverantwortlich für die Morde an halbwegs demokratischem Personal war, Assad, dem nach den importierten Pasdaran nun die Hisbollah zur Hilfe eilt, jener Assad soll auf einmal ganz hilflos von djihadistischen Elementen konfrontiert sein und Benevolentien für Laizisten bereit halten. Mit den groben Sprüchen Pünjers maskiert sich unreflektierte Angst und Hilflosigkeit. Das ganze Schützenfest von Tiraden gegen die Piratenpartei, die grobschlächtigen Versuche, ihr Entstehen theoretisch einzufangen, ist nur Abwehr gegen eine tiefe Verunsicherung, in der man sich selbst die ärgsten Feinde Israels noch zu Garanten seiner Existenz umlügt.

Was zuerst zu kritisieren bleibt an den unausweichlichen Revolten in den arabischen Staaten: Dass man sich in Europa schon allseits darauf einstellt, nun mit „demokratisch gewählten“ Mehrheiten der Islamisten reden und verhandeln zu müssen. Als hätte man nicht vorher um die relative Schwäche der laizistischen und demokratischen Elemente gewusst, fällt man diesen nun vollends in den Rücken, indem man sie für nicht existent, weil abgewählt, bestimmt. Dieser Zirkelschluss ist das deutlichste Indiz dafür, welch geringen Rückhalt demokratische, laizistische Gesinnung in Europa selbst hat. Feiern Faschisten Erfolge wie in Ungarn, Österreich und Italien, wüten in Bulgarien und Rumänien Pogrome gegen Roma und andere Minderheiten, schiebt man Roma aus Frankreich und Deutschland ab, hat man also in Europa längst gelernt, nazistischen Terror durch die Umwandlung seiner Forderungen in allgemein gültiges Recht zu bändigen, ist es nur konsequent, dass die europäischen Regierungen den Islamisten den Hof machen, wenn sie doch nun mal gewählt sind. Die freiheitliche Gesinnung liegt ihnen ebenso wie Sören Pünjer ganz und gar fern. Kein gesellschaftliches Rätsel darf sich ihnen mehr stellen, das der Identifikation in drei Sätzen widersteht.

„Don’t be a maybe – just be“. Nicht das erste Mal versucht Marlboro die urbanisierte Abkehr von ihren Caspar-David-Friedrich-Cowboys, die seit den dauerrauchenden Schafhirten aus „Brokeback Mountain“ auf ewig mit der Homosexualität assoziiert sind. Die „Just be“ oder „Maybe“-Kampagne knüpft direkt an jene „Be unstoppable“-Kampagne an, die unten bereits voranalysiert wurde. Übernommen wird der Verweis auf das, was sein soll: Die Hinwendung zum Rauchen, die Abkehr von der Idee des Nichtrauchens, die bekanntermaßen zum magisierten Jahreswechsel Hochkonjunktur hat. Kein „Maybe“ – „vielleicht [sollte ich mal aufhören]“ sondern „just be“, ohne Rest und Nichtidentisches soll der Kunde sein. Kein „Maybe“ bedeutet auch: Zweifel sind für Homosexuelle. Kein May, das heißt kein Mai, kein Frühling, keine Jugend, keine Erlaubnis, kein Mayday, keine Rettung. Die Formel schwört den Raucher auf seine Identität ein, macht ihn seinem Objekt gleich, will ihn zur Mimesis an ihn beherrschende Natur zwingen, ihn noch ganz mit dem hungernden Feuer der Synapsen nach dem Nervengift eins machen. „Just be“. Kein Anderes wird akzeptiert. Die Einsamkeit dieser masochistischen, narzisstischen Projektion spricht die Vereinzelten an, die in der Kippe die pubertäre, hilflose Distanzierung von der zudringlichen Masse zelebrieren. Gereifte Solidarität, Abwägen, Vernunft, Differenz werden durchgestrichen. Der schnarrende, einsilbige Befehlston des Plakats ahmt schon den Faschismus vor, den verordneten Daseinszweck, dem zu gehorchen noch als lustvoll verkauft wird. „Sit or stand!“, „Up or down!“, keine Zwischentöne sind erlaubt zwischen Männlichkeit („Stand“, „Up“) und zu unterwerfender Homosexualität und Weiblichkeit („down“, „sit“). So reagiert der autoritäre Charakter, Herr Herrenmensch. Eine Belohnung, ein Äquivalent für Geld und Lebenszeit wie es in den „West“-Werbungen der letzten Dekade in sterilen Karikaturen von Frauen präsentiert wurde, muss gar nicht mehr vorgegaukelt werden – das Sein zur Zigarette ist als ausreichende Belohnung vorgesehen für das Durchstreichen aller Alternativen.

Die Aufgabe der Überreste von Lust oder Widerständigkeit wird in zahllosen anderen Zigarettenwerbungen zum souveränen Willensakt vexiert: Der HB-Mann, Vorläufer des Wutbürgers, unterdrückte und kanalisierte einst seine berechtigte Aggression im Rauch, für eine Camel solle man meilenweit durch die Wüste gehen, die West-Domina verordnete den ewigen Test („…the West“), gehemmte Vorlust ist Programm wie die Garantie, dass es zur Lust niemals kommt. Lord verspricht vor allem weiblichen Kompensationswünschen ein kleines „extra“ für das Opfer des Alltages in männlicher Dominanz. Lucky Strike lieferte sicherlich den Vorläufer der autoritären Ontologie der Marlboro-Werbung. Eine Urban Legend wollte im Verzicht auf menschliche Werbeträger („nichts außer der Schachtel“) einen schuldbewussten Tribut an Krebsfälle bei Lucky-Strike-Girls deuten – wäre dies wahr, so wäre das verkaufsträchtige „sonst nichts“ gleichzeitig eine recht zynische Instrumentalisierung von Trauer. Der alte disziplinierende Werbespruch von 1928 „Reach for a Lucky instead of a sweet.“ verrät hingegen das wahre Programm, die Affirmation des Opfers in der industrialisierten Gesellschaft und den Verkauf der Zigarette als äquivalentes Substitut.

Nachtrag:

Der Vergleich mit dem regressiven Hören liegt auf der Hand:

„Historisch gehört das regressive Hören einer Gesellschaft an, worin der Druck von Reklameerzeugnissen so unerträglich geworden ist, daß „dem Bewusstseinvor der Übermacht des annoncierten Stoffes nichts…übrigbleibt als zu kapitulieren und seinen Seelenfrieden sich zu erkaufen, indem man die oktroyierte Ware buchstäblich zur eigenen Sache macht.“ (TW Adorno nach Alfred Schmidt in ZFS I:51*)

Zu einem Kuriosum, das einem als Reisender begegnen kann, zählt die altruistische Gastfreundschaft in sehr armen Staaten. Das sprichwörtliche letzte Schwein wird geschlachtet, um dem alten Gastrecht keinen Makel zuzufügen. Deutsche reisen mit Motorrädern und Fahrrädern entlang irgendwelcher nostalgischer Handelsrouten. Sie werden beschenkt und eingeladen, im Austausch für ein wenig Plausch und auch mal eine Adresse. Wehe den Gastgebern, wenn sie selbst nicht einmal aus Abenteuerlust sondern schon von Folter und Hunger vertrieben Zuflucht in Deutschland suchen sollten. Was man Gästen und Flüchtlingen in Deutschland anzutun vermag, geht weit über Erkaltung oder Geiz hinaus, es ist schon Hass auf jene, die es wagen, hier auf ein Gast- und Asylrecht zu pochen, das noch in den ärmsten Staaten Afrikas Millionen einlösen können:

„Dreimal am Tag bekamen die Asylbewerber Brot mit Käse, mittags noch eine Suppe dazu. Das Brot wurde rationiert. Wenn die Heimbewohner nach mehr fragten, hieß es, es gebe für jeden nur zwei Scheiben. Aus Protest traten die Afghanen in einen Hungerstreik und randalierten in der Küche. „An so vielen Abenden bin ich hungrig zu Bett gegangen“, erzählt Sepehr. „Es waren übrigens auch schwangere Frauen dort, für die das bedrohlich war.“

Von Schneeberg im Erzgebirge ging es später nach Neustadt in der Sächsischen Schweiz. Dort wohnten die Asylbewerber in Containern. Einige der Bewohner waren schon seit Jahren hier. „Ein total verlassenes Dorf“, meint Sepehr. Nur alte Menschen auf den Straßen. Ständig wurde er angestarrt, im Supermarkt folgte ihm das Sicherheitspersonal. Die Vorstellung, an diesem Ort womöglich Monate verbringen zu müssen, quälte ihn.“

„Homosexualität: Ich bin ein Niemand.“ V. Marian Brehmer: http://www.berliner-zeitung.de/gesellschaft/homosexualitaet–ich-bin-ein-niemand-,10808022,11376420.html

http://nichtidentisches.myblog.de/nichtidentisches/art/221943032/Horst-Eberhard-Richter-zwischen-Mord-und-Krieg

Langsam stieg in mir ein Erinnerungsfetzen auf, dass ich einst etwas über diesen Richter schrieb. Es ist noch weitgehend lesbar.

In „Die demokratische Talibanisierung – Ghanas Krieg gegen die Homosexualität“ schrieb ich:

Als Barak Obama 2009 auf seiner ersten Afrika-Reise als US-Präsident Ghana besuchte, titelten die Zeitungen triumphal „Welcome home!“. Eine bebilderte Publikation prahlte: „Obama! Africas gift to the world!“ Da  war er noch ihr Heilsbringer, einer der ihren. Dieses Jahr war Obama einer der Unterzeichner der UN-Resolution zur Anerkennung von Homosexualität. Das dürfte ihn die virtuelle Präsidentschaft Ghanas kosten und bislang verhält er sich auch still gegen die ghanaische Homophobie.

Das muss aktualisiert werden: Seit neuestem stellt Obamas Administration wie Großbritannien Gelder für Länder in Frage, in denen LBTG-Rechte verletzt werden. Wer wissen möchte, was Internet-Ghanaer davon halten und in welchen intellektuellen Zustand sie sich befinden, kann die 500+x Kommentare auf Ghanaweb einsehen.

Kleine Auszüge:

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Frömmlerei:

let Read the Bible and we will understand where every one is belonging to. Either you are HOT or COLD there is not lukewarm Position.
ANY Ghanain leader who does not stand up and speak against this abominable act if not fit to rule this country.

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Rassismus und patriotisches Geheul:

…listen to this HOUSE SLAVE, africans killer obama ranting his stinking arse…. can’t touch ghana, you house slave obama… ghana, A NATION FREED FROM WHITE OPPRESSION BY NKRUMAH IS FREE FOREVAAAARR!!!

can’t tough ghana,,, you bastardized scum obama.

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Todesdrohung:

Would you have been born if your father were a gay? What about your prostitute mother, if she were a lesbian?

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„Die Juden und die Schotten“ – Verschwörungstheorie:

There is no wonder.WE don’t need to expect any other thing than his pointing finger on Africans, and he must not forget that he is ruled by the babylonians behind the White House which was built through mystical rituals by the Scottish.I expected this man Obama to embark on African progress on technology education etc. Has he forgotten he is a black man? His grandmother from the father side is certainly shedding tears.

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Lynchdrohungen:
What about if we throw you into a village pit latrine with all the gay people in Ghana?

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AIDS-Verschwörungstheorie:

MORE THAN HALF THE WESTERN EMBASSY STAFFS ARE GAY OR LESBIANS,AMERICA CANADA UK FRENCH.THEY WANT TO EXPORT AIDS HIV TO THE BELOVED AFRICA WATCHOUT

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Kategorie „ranting elder“:

have always say it that small age presidennts have bring no good to the globe.look at what happens in libya ,after they want africans to go gay and lesbian.dam it ,ghaddafi was right.GHADDAFI GHADDAFI

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Morddrohungen:

You have robbed our strong productive young men for over 300 years, you have robbed our gold, timber, diamonds, bauxite, cobald,sulphur and everything burried in the african soil. The only thing we africans still have is our morality which you are trying to rob now. I will execute anyone who I have evidence to have engaged in homosexuality. If you need them, pleas bring a ship to ghana and take them away to your country.
Obama is one of the biggest Idiot in this world.

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Und noch ein besonders dialektischer Standpunkt:

Homosexuality has been always considered as a taboo or a moral problem in our society. On the other hand, i think the government and the religious groups needs to do alot in combating the rising number of this homos in our society. Ofcourse thier civil right has to be respected.

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Zu ergänzen bleibt die „humanistische“ Position:

Joe, you got one thing right, that they are sick or why will a man want to have sex with another man? So is discrimination the cure for their mental or physical disease?

So what do do to the heterosexual men who have anal sex with women? Shit and dirty things don’t come from women anus? Stop the homophobic bigotry and let try to help those who are willing to change. Hate is not the cure for homosexuality.

Ahmed  & Salim“ ist eine dialektische Doppelblindstudie zu medialem Avantgardismus und Terror.

 

 

Ende der 1990-er, in der Nähe des Bodensees, passierte ich auf einer naturkundlichen Exkursion eine Mülldeponie, in der wir ein individuenreiches Vorkommen von Bombina variegata vermuteten. Unter rostigen Altglascontainern hatte sich eine riesige Pfütze aus Flaschenausfluß und Regenwasser gebildet, in der tatsächlich einige Exemplare sich wacker hielten.  Es roch nach Gärprozessen und Unmassen von Müll.

Im Kernbereich dieser süßlichen Dunstschwaden lagen auch einige Containerwohnungen am Eingang der Deponie. Hier, drei Kilometer vom nächsten Ort entfernt, hatten deutsche Behörden eine modrige Unterkunft für Flüchtlinge errichtet. Misstrauisch blickten einige Kinder heraus. Sie waren unbewacht aber ich ahnte, dass ihnen vorerst jegliche Lust, dieses Land zu erkunden vergangen war.

Heute verdächtigt man bestimmte Behörden, ob sie nicht „auf dem rechten Auge blind“ seien, weil ihnen nicht bei Serienbrandstiftungen und Serienmorden, deren Opfer Nichtdeutsche waren, der Verdacht an eine nazistische Tätergruppe kam. Ich erinnere mich an Deutschland, 30 Jahre lang. Nein. Hier war niemand „auf dem rechten Auge blind“. Die Behauptung dessen ist ein Euphemismus.

„Can they be healed?“ Diese Frage zählt noch zu den harmloseren Kommentaren, die sich in Ghanas Onlinezeitungen zu Homosexualität finden. Und es bleibt nicht bei Kommentaren. Der ghanaische Minister für die „Western Region“ ersuchte jüngst den Inlandsgeheimdienst Ghanas, sämtliche Homosexuelle in der Region zu inhaftieren und ihnen den Prozess zu machen. Er forderte außerdem öffentlich die Gesellschaft und insbesondere Vermieter zur Denunziation von Homosexuellen auf.

Dieser Fanatiker vertritt einen Konsens der breiten Mehrheit in Ghana. Der einvernehmliche homosexuelle Akt unter Männern wird im Criminal Code 1960, Chapter 6, Sexual Offences Article 105 zusammen mit Sodomie als minderes Verbrechen (Misdemeanor) illegalisiert. Homosexuelle leben unter der ständigen Bedrohung durch Übergriffe von Seiten selbstgerechter Christen, übereifriger Polizisten und empörter Jungmänner. In Zeitungen werden Fälle von Kindesvergewaltigung grundsätzlich als „Homosexualität“ und „Sodomie“ bezeichnet.

Als Barak Obama 2009 auf seiner ersten Afrika-Reise als US-Präsident Ghana besuchte, titelten die Zeitungen triumphal „Welcome home!“. Eine bebilderte Publikation prahlte: „Obama! Africas gift to the world!“ Da  war er noch ihr Heilsbringer, einer der ihren. Dieses Jahr war Obama einer der Unterzeichner der UN-Resolution zur Anerkennung von Homosexualität. Das dürfte ihn die virtuelle Präsidentschaft Ghanas kosten und bislang verhält er sich auch still gegen die ghanaische Homophobie. Die britische Regierung hingegen will mit der Resolution offenbar Ernst machen und droht einigen afrikanischen Staaten des Commonwealth den Entzug der Budgethilfen an, wenn sie nicht Homosexualität legalisieren würden. In Uganda hörte man natürlich den erwartungsmäßigen Aufschrei und großmäuligen Patriotismus: „If they must take their money, so be it!„.

In Ghana ließ sich der international als großer Demokrat gefeierte Präsident und radikaler Pfingstkirchler Atta Mills auf das gleiche Niveau herab. Seine Partei werde niemals Homosexualität legalisieren und die Briten sollten gefälligst nicht Ghana ihre kulturellen Werte aufoktroyieren.

Das ist auch der Tenor der Gossenkommentare: „It is our culture“. Und es ist wahr. Es ist ein Bestandteil afrikanischer Leitkultur geworden, Homosexuelle zu hassen und bis hin zum Mord zu drangsalieren. So hustet die „spirituelle Lunge der Welt“. Wie bei der Verfolgung von „Hexen“ und Dieben sehen sich gerade die frömmsten Christen und liebsten Menschen noch im Recht, extremen Sadismus walten zu lassen, wenn es kollektiv sanktioniert ist. Das ghanaische Ministerium für Bildung wird diese Situation weiter anheizen. In einer Erklärung gab der Minister an, Homosexualität werde bald ein Phänomen der Vergangenheit sein. Zur Bekämpfung vor HIV/AIDS und aus dem Etat der vermutlich von Entwicklungshilfe finanzierten HIV-Abteilung seines Ministeriums seien massenhaft Lehrer ausgebildet worden, um in Schulen vor den Gefahren der Homosexualität zu warnen. Wie üblich werden Vergewaltigung, Prostitution, HIV und Homosexualität in einem semantischen Feld platziert, man verspricht die Abschaffung von sexueller Gewalt und die Abschaffung von Homosexualität und HIV in einem. Der Effekt bleibt nicht aus. Kommentare lesen sich wie folgt:

„find this junior homos and kill dem b4 they grow to spread their shit around my BELOVED GHANA“

„Homosexualism is a sin that leads to a country’s downfall. God have mercy upon those homosexuals and forgive them their sins.“

„i think the GES is doing a good job but i think it can not be completely abolish but at least we can go far with the campaign, bravo.“

Ebenso besorgniserregend wie diese berechenbaren Auswüchse, die durchaus von kompetenten und ironischen Verteidigungsreden angefochten werden, ist eine andere Sparte von Kommentaren. Die Online-Zeitung „Ghanaweb“ hatte den Bericht in einer Mischung aus Archivautomatismus und Berechnung mit einem Bild eines unbekleideten lesbischen Pärchens publiziert. Ein gutes Drittel der Kommentare lobt den Beitrag, fordert aber dieses „pornographische“ Bild im Interesse der nationalen Moral zu entfernen. Diese Blockwartmentalität ist in Ghana widersprüchliche Realität wie das allgemeine Missverhältnis zwischen Rede/Prahlerei und Tat. Zwar gibt es immer wieder Gewaltakte und es herrscht ein gesellschaftlicher Konsens über die Homosexualität.

De facto aber lässt man sich in Ruhe, Christen, Traditionalisten und Moslems leben in einem unvergleichlichen Liberalismus nebeneinander her. Lynchmorde geschehen, sind aber dennoch eine Ausnahmeerscheinung. Man rümpft die Nase und lästert über Schwule, man ist aber auch in der Lage, sie weitgehend in Ruhe zu lassen. Das gleiche gilt für Prostituierte. Besorgniserregend ist allerdings der Anstieg von regierungsoffiziellen Drohungen und Kampagnen – so prahlen viele afrikanische Minister über ihre konstruktiven Pläne (ein ghanaischer Minister versprach, Überflutungen bis 2013 „total“ abzuschaffen), bisweilen haben sich aber dieselben als sehr kreativ und fähig erwiesen, wenn es um Projektion, Destruktion und Propaganda geht.

Fatal wäre es, die Wahrnehmung der erst jüngst errungenen Fortschritte des Westens im Umgang mit Homosexualität als „kulturelle Institution“ des Westens zu stärken. Die Gesetzgebung gegen Homosexuelle in afrikanischen Staaten wurde häufig noch unter den Kolonialherren formuliert. Insofern erscheint es wenig angemessen, von diesen Staaten eine sofortige Abschaffung der homophoben Paragraphen zu fordern, zu deren Aufhebung die progressiven Kräfte in westlichen Demokratien Jahrzehnte brauchten. Dringlicher wäre eine ausformulierte öffentliche Kritik an der Homophobie, die reflexiv ist und auf staatliche Pressalien verzichtet. Die afrikanische Homophobie zu skandalisieren ist etwas anderes als ihre Abschaffung mit ökonomischen Drohmitteln einzufordern.

Der erste reflexive, wenngleich mit rechtlichen und institutionellen Unwägbarkeiten überforderte Schritt wäre, Homosexualität als Asylgrund anzuerkennen und gangbare Fluchtwege nach Europa einzurichten. Das scheitert schon am Rassismus der Europäer. Indes droht Homosexualität erst recht zum Gegenstand nationaler Selbstbehauptung zu werden – nach gutgemeinten Forderungen aus dem Ausland bleiben die Homosexuellen vor Ort verwundbar, aber sie sind zudem noch ein ärgerliches Politikum, an dem jeder bei Gelegenheit seine Frustration auslassen kann.

Der zweite reflexive Schritt beinhaltet die Etablierung eines intellektuellen Standpunkts, der auf eben jene Windbeutelargumente der kulturellen Besonderheit routiniert zu reagieren weiß. Es gab Homosexualität als akzeptierte Institution in einigen afrikanischen Gesellschaften, Homophobie als rechtliches Dogma ist ein koloniales Erbe, die Anerkennung der Homosexualität bedeutet nicht die Legalisierung von Vergewaltigung, sie stellt keine Gefährdung anderer Individuen dar im Gegensatz zur Homophobie, Staaten die Homosexualität akzeptieren sind wirtschaftlich erfolgreich und erleben keine HIV-Epidemie usw. usf.

Der komplexeste Punkt ist der Widerspruch der individuellen Homosexualität zur Reproduktion und zur Macht des Kollektivs in Afrika. So sagt der homophobe Einpeitscher Bahiti in Uganda:

“The potential for homosexuality to destroy our family is so huge that if you don’t act now in the coming years our society will be finished.

Wer keine Kinder zeugt, bringt das Ewigkeitsversprechen in Gefahr, das die afrikanischen Religionen, das afrikanische Kollektiv und das synkretistische Christentum anbieten. Wer stirbt, geht als Ahne in eine Ahnenreihe ein oder kommt in den Himmel, zumindest hat er Familie, die ihn fortleben lässt. Wer keine Kinder oder Enkel hat, wird als Ahne in ewiger Einsamkeit leben und vergessen werden. Die Ethnologin Laura Bohannan berichtet aus Nigeria, dass man alte, erwührdige Menschen nicht eines natürlichen Todes sterben sieht – sie werden immer Opfer von Hexerei und meistens sind sie selbst als Hexen gefürchtet. Das schlimmste, was einem illegitimen Hexer geschehen könne, sei es, alleine in seinem Haus zu sitzen und keinen Besuch von Freunden und Verwandten zu haben. Andere fanden in verschiedenen Teilen Afrikas die verstörende Meinung vor, der Tod an sich sei unnatürlich und immer Wirkung eines spirituellen Verbrechens. Unfruchtbar zu sein ist jedenfalls auch heute noch für eine afrikanische Frau das schlimmste Unglück. Homosexualität stellt den Wert der Reproduktion an sich in Frage, sie ist eine Erinnerung an die tabuierte Todesdrohung und eine Identifizierung mit der Unfruchtbarkeit. Dass man ohne Kinder glücklich sein könne gerät jenen Frauen zur Provokation, die sich unter dem gesellschaftlichen Zwang kein Glück ohne Kinder vorstellen können.

Zugleich erfrecht sich das Individuum noch, dem Zugriff des Kollektivs zu entfliehen und sich als Besonderes, Individuelles zu behaupten. Das afrikanische Kollektiv ist Gesetzgeber. Erlaubt man Individuen das Ausüben eigener sexueller Interessen, wird das mit einer Kette anderer Tabubrüche assoziiert: Kindesvergewaltigung, Sodomie, Kannibalismus, Hexerei, Korruption. Diesen Mechanismus bewusst zu machen ist eins mit der Verteidigung des Privaten gegen das Öffentliche.

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„An overwhelming majority of respondents disapproved of homosexual behaviour. In three countries – Zambia, Kenya and Cameroon – this was a massive 98%. Interestingly, one of the countries with the highest numbers of people – 11% – accepting homosexuals is Uganda, where an MP is trying to get legislation passed which would punish homosexual acts with life in prison and even death in some cases. The former Portuguese colonies of Guinea-Bissau and Mozambique were also relatively tolerant of homosexuality.“

(BBC News – Ten things we have learned about Africa. 15.4.2010: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8620249.stm)

„Mit Wall-E erreicht die zur Mythologie verwandelte Ideologieproduktion auf der Höhe der technologischen Möglichkeiten ihren eigenen Höhepunkt. „Konsum- und kulturkritisch“ wird Wall-E in praktisch jeder Rezension genannt, jedoch steht der Verdacht nahe, dass hier der letzte „Widerstand der Individuen gegen Selbstverrat“ überwunden werden soll: man „baut das gegen die Individuen Gerichtete ein in das, was ihnen familiär ist“ (Marcuse nach Fritz-Haug). Möglich wiederum ist auch, dass das Privatprojekt eines Konzerns wie Walt Disney sich aus eigenem Interesse das populäre Unbehagen gegen Kulturindustrie und Verwertungszwang zu Nutze macht und als total opportunistisches Kapital aus seiner eigenen Gegenbewegung noch selbiges schlägt: gemäß dem Lenin-Zitat: „Die Kapitalisten verkaufen uns noch den Strick, an dem wir sie hängen.“ Tauchen wir also tiefer in die Materie ein, um die als unbegriffene zum Hängen und Würgen treibenden Widersprüche mit hochsensiblen Kakerlakenfühlern im Dunkel des Kinosaales zu ertasten. [...] „

Mehr:

Wall-E – Roboanalyse und robotische Theorie einer amüsanten und ganz anders kritischen Robinsonade.

Das Bekanntwerden der Täterschaft definiert die Opfer neu und macht den Terror gegen sie erst wirksam. Anstelle devianten Verhaltens innerhalb abgeschotteter krimineller Strukturen wurde Existenz zum Verfolgungsgrund. Nicht weil sie sich verhielten, sondern weil sie waren wurden Menschen ermordet – das ist der Kern des Nazismus seit seinem Anbeginn.

Die Aufregung über die fehlgeschlagene Verfolgung dieser Verfolger tutet ins falsche Horn. Die Existenz des Nazismus ist der Terror. Die auswendig gelernte Phrase, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen sei, ist schief projiziert. Nicht wird gesagt was Faschismus sei und was das Verbrechen. An gesundes Rechtsbewusstsein wird appelliert – und moderne Rechtsstandards im Ruf nach Zensur verraten. Der Faschismus ist Meinung, deren Existenz Terror ausübt, seine Praxis die Vernichtung.

Wer das Aufblühen der schon immer von Gewalt begleiteten völkischen Zorn-Zonen im Osten Deutschlands über Jahrzehnte mit ruhiger Miene anzuschauen vermochte, hat kein Recht, jetzt von Terror zu sprechen. Mindestens 182 Menschen wurden seit 1990 von deutschen Neonazis ermordet. Die Existenz des Nazismus ist gerade darum ein gesellschaftliches und kein polizeiliches Problem. Es mag sein, dass verschiedene Institutionen, allen voran der schon immer faschistisch durchwirkte Verfassungsschutz, versagt haben bei der Verfolgung der konkreten Morde. Dass die deutsche Gesellschaft sich darüber so plötzlich so ausnehmend empört ist Schuldprojektion.

Die postnazistische Gesellschaft hat den Nazismus integriert und nicht abgeschafft. Vieles wurde geschrieben über die institutionelle Durchwanderung von rechts und deren Traditionalität. Irritiert aber zeigt sich die liberale Gesellschaft über Kritik an ihrem eigenen Makel.

Man macht einen mittleren Skandal, wenn ein Politiker der „Jungen Freiheit“ ein Interview und vielleicht sogar Contra gibt. Der liberalen Presse, den Schulbüchern, den Demonstranten sieht man den täglichen antiisraelischen Exzess nach. Die NPD listet gleiche Meinungen in ihrem Programm, man nennt es antisemitisch. Die Zeit, die taz, die Süddeutsche, der Stern, ARD, ZDF, mitunter Arte bedienen diese Einstellungen nach Kräften – und wo sie Kritik daran nicht ignorieren können empören sie sich über die Aufweichung des Antisemitismusbegriffs, bemäkeln jüdische Überempfindlichkeit und Philosemitismus. Es gibt keinen Reflexionsprozess in diesen Medien – Kritik wird als liberaler Bonus eingereiht und neben die unabdingbaren empörten Hetzartikel gedruckt.

Eine vernachlässigte Opfergruppe von Neonazis sind Obdachlose, die als sichtbarste Opfer befürchten müssen, nachts überfallen und unter hässlichsten Schmerzen zu Tode gebracht zu werden. Obdachlose wurden aber bereits im Zuge der sterilisierenden Fitmachung von zumeist CDU-regierten Innenstädten systematisch verfolgt, mit Bettelverboten belegt und verschoben. Eigens zur Abschreckung von Obdachlosen wurden in den 1990-ern schräge Bänke entwickelt, die das Nächtigen auf diesen unmöglich machen.  Auch Bushaltehäuschen bieten seitdem allenfalls in kurze Strecken portionierte Sitzplätze an. Noch vor kurzem schloß ein Bürgermeister eine öffentliche Brücke mit Bauzäunen ab, damit dort niemand Schutz finden kann. In meiner Kindheit wurde einem Obdachlosen, der in einem verlassenen Bienenhäuschen nächtigte vom Dorfmob mit dem Feuertod gedroht, falls er nicht sofort weiterziehe. Diese widerwärtige Mentalität ist vom selben Holz wie jene, die aus Hass und Langeweile später auf wehrlose Schlafende einprügelt und sticht.

Ebenso hegten bislang alle im Parlament befindlichen Parteien den ausländerfeindlichen Konsens: Es kam nun mal beim Wähler schlecht an, die eigentlich gebotene Aufnahme von mindestens einer Million Kriegsflüchtlinge aus dem subsaharischen Afrika zu fordern. So blieben sie in ihren kongolesischen Camps, wurden rekrutiert, von Epidemien hingerafft, im Wald vom Hunger vernichtet und später massakriert, wo sie nicht selbst massakrierten. Dasselbe wiederholte sich in je anderer Form in Darfur, in Somalia, in den arabischen Staaten. Niemals ist in Deutschland eine universalistische „Operation Moses“ denkbar, bei der es um Hilfsbedürftige anderer Nationalitäten oder gar Hautfarben geht. Täglich werden Abschiebeflüge mit Roma oder Afrikanern organisiert. Die Infrastruktur zum Retten von Menschenleben stünde, man müsste ihren Zweck und damit ihre Richtung umkehren. Es sieht nicht danach aus. Die deutsche Öffentlichkeit ist slightly shocked über die Rechtsverletzung durch Nazis – und sah und sieht mit lauen Gefühlen und rechtlich abgesichert zehntausenden Schwarzen beim Ertrinken im Mittelmeer zu. Das ist kein Vergleich sondern eine Kontinuität. Die aktuelle Flüchtlingspolitik ist bekanntermaßen die Belohnung der nazistischen Brandsetzungen und Morde in Solingen, Mölln, Rostock und den ganzen anderen Orten.

Die Verkürzung gilt: Der Nazismus tötet heute im Mittelmeer – durch die Regierenden der bürgerlichen Parteien hindurch, die sich der Herausforderung, eine offene Gesellschaft zu schaffen nie gestellt haben. Triftige Ausreden werden zum Mantra: Jeder müsse ja einsehen, dass eine Volkswirtschaft nicht unbegrenzt Einwanderer aufnehmen kann und niemand oder wahlweise jeder wisse ja, wie sich solche Horden im Land benehmen würden. Das ist das Argument der Nazis und es wird konsensual geteilt. Und es ist wahr: Dieser auf den Nationalismus eingeschworene muffige Staat würde tatsächlich kollabieren, würde er mit der Verantwortung, die mit seiner ökonomischen Macht einhergeht, im Positiven Ernst machen und ein paar Millionen Flüchtlinge aufnehmen sowie in Kriegsgebieten bewaffneten Schutz für sie organisieren. Er würde ein anderer Staat werden, in dem die politisch bestärkte Hoffnung der Nazis, durch Terror Gesetze in ihrem Sinn zu formen, an die Wand der gesellschaftlichen kosmopolitischen Realitäten fahren müsste.

Die drei Nazis waren gewiss keine Wahnsinnigen – sie stuften die Möglichkeiten der Abschreckung und Umsetzung ihres wahnhaften Ressentiments in Realpolitik ganz realistisch ein. Gegen ihre Morde meint man wieder einmal vorzugehen mit Lichterketten, ökumenischen Gottesdiensten, kommunalen „Bunt statt Braun“-Kindergeburtstagen und gutherzigen Apellen, dass man doch ganz so radikal nicht gegen Ausländer sein muss. Und man meint wieder einmal, die NPD verbieten zu müssen. Das mag man tun – die Elemente nazistischer Weltbilder waren und sind mehrheitsfähig, sie sind politische Praxis und Gesetz.

Nazis morden, der Staat schiebt ab – auch das ist eine der halben Lügen der Linken. Dieser Staat, das sind alle. Die Flüchtlingspolitik rutschte in der Agenda der Linksautonomen immer weiter herab, vielleicht sind sie auch selbst erodiert worden. Die Methoden stehen allemal zur Disposition – durch die Straßen rennen und Parolen brüllen, ganz witzige Clownerien und Pink Block haben bislang keinem Flüchtling geholfen und keinem Blutsdeutschen den Nationalismus ausgetrieben. Bleierner Hedonismus macht sich bei den sogenannten Antideutschen im dem Namen der Reflexion und des Glücksversprechens breit, andere ächzen unterm Systemzwang, vermeintliche neue Facebook-Liberale spielen Kritik am Antisemitismus der Islamisten gegen Immigration aus, vermeintlich neue Brandsatz-Linke fluchen auf die Flüchtlingspolitik und wollen den gleichen Flüchtlingen in Afghanistan aber lieber die autochthonen Taliban als die ausländischen amerikanischen und deutschen Truppen zudenken. Und jene Millionen, die erfolgreich einwanderten, ducken weg um ihre eigene Integration nicht aufs Spiel zu setzen oder weil sie längst die ökonomische Lüge von den Grenzen der Aufnahmefähigkeit übernommen haben oder weil sie tatsächlich selbst keine Kurden, Schwarze, Schwarze aus anderen Teilen Afrikas und Juden mögen. Über allem steht die Angst, sich demokratisch zu organisieren und zu engagieren. Das ist mit dem Kulturalismus zu parallelisieren. Engagement bedeutet Risiko. Niemand will scheitern. Nichtstun ist die bequeme Wahl und Lebenslüge, virtualisierte Ersatzhandlung wird zur Folge der Verdrängung, gebotene Reflexionsprozesse werden zum „Spott auf die Dringlichkeit“ (Adorno) im Angesicht von Folter, Hunger und Tod.

Als Kind einer verrückten Avantgarde einer wahnsinnigen Zeit wuchs ich auf mit Platten von Degenhardt. Merkwürdig war dieses aspirierte Abhacken und Dehnen von Silben und selten malte jemand Bilder von solcher Präzision – allein mit einer grummelnden Gitarre und etwas speckiger Stimme. Keiner konnte so schön einen Vers auf „und“ verharren lassen und „Dollar“ so französisiert zu den merkwürdigsten Akkordfolgen singen. Als ich Punk schon wieder überwunden hatte, kehrte ich kurz zu Degenhardt zurück, sah ihn einmal in Heilbronn und er tat mir leid. Wie er da sang, seine Lieder, die immergleichen, vor den doch sehr wenigen Pilgerern, den betagten.

Degenhardt war autoritär genug, mit DDR und DKP zu fraternisieren – FJD vor der FDJ, ein sehr deutscher Sonntag. Bisweilen völkelte seine Musik explizit: Den Heimatbegriff und das deutsche Volkslied wollte er vor dem Nationalismus retten. Dieser Barde machte der Friedensbewegung noch den Schunkelwirt, als diese schon lang nicht mehr den Atomkrieg sondern Israel und die USA zur Abschaffung ausgeschrieben hatten. Man lachte immer noch gern über desertierende GI’s – Vietnam war schon lange sozialistische Diktatur. Der luzidere Teil des Altmeisters verwahrte indes eine Linke bequem aber gut gegen terroristische Ränder: „Bumser Paco“, das ist ein Meisterstück gegen den populären Machismus der Stadtguerrilleros. Gleichzeitig romantisierte er klandestine Praxis gegen die postnazistische Gesellschaft: Bankraub, Strommastsprengen, das geht ihm durch, über sowas schmunzelten Linke, solange sie nicht selbst hinter dem Schalter standen oder ihnen der Strom ausfiel. Anders als Biermann riskierte er nicht allzuviel gegen sein Publikum, das ihm gern die DDR verzieh wenn er nur „Ein schönes Lied“ anstimmte.  Die taz erklärt ihn in einem gar nicht schlechten Nekrolog gar zum Gewissen der Linken – dabei war er nur das gute Wohlfühl-Gewissen. Die Pointen wohlgezielt, selbstironisch ja, aber nie wirklich den eigenen, linken Kernbestand in Frage stellend. Nun ist der Herr Degenhardt tot. Und alle von Welt bis Zeit finden ihn, der nie in Radios spielbar war, plötzlich gut oder irgendwie indifferent unaufregend. Ich finde es sehr traurig. Beides.

Ich bin 0,000000014 %

Rätselhaft bleibt die mediale Obsession mit einer marginalen Strömung, die sich „Occupy Wall-Street“ nennt. Als noch 400 Menschen in den USA demonstrierten, leistete die ARD bereits Schützenhilfe und bauschte die Facebook-Party zu der künftigen Massenbewegung auf, die sie vorgab zu sein: „We are 99%“. Die üblichen linken Theoretiker freuten sich schon Koks-Löcher in den Bauch und riefen in den Feullietons jetzt endlich aber hallo mal die Revolution aus. Als sogar die Bundeskanzlerin ausdrücklich ihre Unterstützung demonstriert hatte, schlugen ein paar hundert Mutige auch in Deutschland ihre Zelte auf. Diese Sensation sorgte für Titelberichte auf allen Zeitungen. Angeblich zittere selbst China bereits vor „Occupy Wallstreet“. In der taz häckeln ganzseitig die angestaubten Geldabschaffer und Tauschringe an Kongressen über eine Zukunft ohne Geld und Flugmangos. Es scheint, als habe die Gesellschaft ein schlechtes Wissen gegenüber sich selbst und deligiere die entleerte Tätigkeit des Dagegenseins an Berufsdemonstranten.

Gerade weil wirklich wichtigere gesellschaftliche Prozesse stattfinden ist dieses überlobte Fehlcasting „Occupy Wallstreet“ interessant. In den USA herrscht tatsächlich eine Krise mit massenhaften Lohnausfällen und hoher Arbeitslosigkeit. Dort hat Empörung über einen starken Akteur in der Krise noch eine gewisse Berechtigung – wobei gerade hier an jene Millionen Häuserbauer zu erinnern ist, die gegen jede ökonomische Vernunft auf die unsichere Finanzierungslage vertrauten und sich über beide Ohren verschuldeten, während sie diese Schulden als Handwerkerlöhne fleißig in die Nationalökonomie pumpten und so die Krise der Industrie in den USA hinauszögern halfen. Gewiss nicht nur 1 % hat von dieser Krise im Vorfeld profitiert.

In Deutschland, das als exportorientiertes Industrieland mit starkem Binnenmarkt und extrem gutmütigen geographischen Bedingungen von der Krise der anderen satt und machtstrotzend wurde, erzeugt sich die 99%-Bewegung zu 100 % aus Ressentiment. In jeder Kommentarspalte kann man lesen, dass das alles ja gar nichts mehr mit originaler echter Wirtschaft, „Realökonomie“, zu tun hätte, Phantasiewerte würden da im Finanzsystem verhandelt. Diese großen Zahlen, Billionen gar, sollen mit den 39 Eurocent, die an der Kasse für ein Körnerbrötchen gezahlt werden, etwas zu tun haben? Das ist natürlich unmöglich einzusehen.

Herrschaft wird in Produktion verkleidet, schreiben Horkheimer/Adorno in ihrer dritten These zum Antisemitismus. Die Misere bleibt so aktuell wie das Zitat.

Der Fabrikant hat seine Schuldner, die Arbeiter, in der Fabrik unter den Augen und kontrolliert ihre Gegenleistung, ehe er noch das Geld vorstreckt. Was in Wirklichkeit vorging, bekommen sie erst zu spüren, wenn sie sehen, was sie dafür kaufen können: der kleinste Magnat kann über ein Quantum von Diensten und Gütern verfügen wie kein Herrscher zuvor; die Arbeiter jedoch erhalten das sogenannte kulturelle Minimum. Nicht genug daran, daß sie am Markt erfahren, wie wenig Güter auf sie entfallen, preist der Verkäufer noch an, was sie sich nicht leisten können.

Im Verhältnis des Lohns zu den Preisen erst drückt sich aus, was den Arbeitern vorenthalten wird. Mit ihrem Lohn nahmen sie zugleich das Prinzip der Entlohnung an. Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben. Jener ist der Gerichtsvollzieher fürs ganze System und nimmt das Odium für die anderen auf sich. Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein. (DdA: 185)

Adorno/Horkheimer verkürzen hier die Kritik der bürgerlichen Ökonomie nun gar zu arg, aber sie treffen das Problem: Der Reichtum der Industriegesellschaften ist nun mal ihre Produktion von Waren – Internet, Dienstleistungsgesellschaft, Universitäten und Finanzmärkte sind nur (bedeutende) Anhängsel der Industrie, ein jeder User braucht seine Hardware. Es sagt den Arbeitenden mit gutem Grund niemand ins Gesicht: die sollen ruhig noch etwas Angst vor der Krise haben, die ihren Arbeitsplatz angeblich bedroht – während Züge voller VWs nach China rollen, Lehrstellen unbesetzt bleiben und sich die Investition in die Bankenrettung als halbwegs einträglich für den Staat herausstellt. Es waren letztendlich nur ein paar Dutzend Milliarden die effektiv als Verlust gelten können, die ökonomisch Ungebildeten sollen ruhig glauben, dass hunderte von Milliarden „verbrannt“ wurden für die Banken.

Es sind aber gerade die Vertreter der Zirkulationssphäre, die noch die ökonomische Bildung verbreiten und auf solche Komplexitäten hinweisen. Sie durchschauen den Schein zwar nur halb, und in der anderen Hälfte treten sie nicht selten in autoritärer Abwehr nach unten oder gegen vermeintliche schwarze Schafe und echte Kriminelle oder reale Fehlregelungen. Dennoch dürfte ihnen am ehesten bewusst sein, dass sie als ein Prozent zwar die Herrschaft nicht haben über die Prozesse, von denen sie mitunter auch profitieren, dass sie aber gerade den Kopf fürs Ganze hinhalten müssen, ginge es nach den „99%“.

Zaristische Verhältnisse wie sie in den Oststaaten um den Kaukasus oder in Afrika als Oligarchien sich bildeten gibt es trotz aller Managerboni nicht in den demokratischen Industriestaaten. Unfähig, sich ohne Feindbild zu formieren, muss das Bild einer absoluten Minderheit entworfen werden: 1 %. Die pathische Projektion eines Verhältnisses von der totalen Übermacht der Ökonomie und der totalen Unterlegenheit der Zahl locken zum Angriff und letztlich zur gerechten Vernichtung. Die 99% scheitern an der Individuation. Die Halluzination einer solchen Masse und einer solchen Macht flößt jenen Angst ein, die Angst einflößen wollen. Ängstlich drängeln sie sich zusammen und jeder schreit „Haltet den Dieb“ um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Solche kollektiv gewärmte Paranoia erspart jeden kritischen Gedanken.

Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat ihren Anteil daran. Ein jedes Kind soll Schillers Glocke und den volksverträglichen Ritter Ribbeck vom Havellande kennen und man meint, es sei dann gebildet. Aber seinen Arbeitsvertrag gegen anonyme Marktinteressen und deren Personifikationen durchzusetzen muss es alleine lernen. Die Flucht ins Kollektiv der 99% ist logische Folge und rätselhaft ist allein, warum es ausschließlich aus diesem Grund nicht tatsächlich schon mehr geworden sind. Die generelle Sympathie der Medien und damit der Massen macht das und sich selbst verständlich. Die virtuelle Verfolgung der Personifikationen der Zirkulationssphäre eines übermächtigen Marktes durch ein paar rollenspielende Camper mag der Masse ihr Gelüst kompensieren – von der realen Verfolgung von Flüchtlingen, Zigeunern und dem Juden unter den Staaten, Israel, wird sie deshalb noch lange nicht absehen.

Die Lebensordnung heute läßt dem Ich keinen Spielraum für geistige Konsequenzen. Der aufs Wissen abgezogene Gedanke wird neutralisiert, zur bloßen Qualifikation auf spezifischen Arbeitsmärkten und zur Steigerung des Warenwertes in die Persönlichkeit eingespannt. So geht jene Selbstbesinnung des Geistes zugrunde, die der Paranoia entgegenarbeitet. Schließlich ist unter den Bedingungen des Spätkapitalismus die Halbbildung zum objektiven Geist geworden.

In der totalitären Phase der Herrschaft ruft diese die provinziellen Scharlatane der Politik und mit ihnen das Wahnsystem als ultima ratio zurück und zwingt es der durch die große und die Kulturindustrie ohnehin schon mürbe gemachten Mehrheit der Verwalteten auf. Der Widersinn der Herrschaft ist heute fürs gesunde Bewußtsein so einfach zu durchschauen, daß sie des kranken Bewußtseins bedarf, um sich am Leben zu erhalten. Nur Verfolgungswahnsinnige lassen sich die Verfolgung, in welche Herrschaft übergehen muß, gefallen, indem sie andere verfolgen dürfen. (DdA 207)

Der Sacharow-Preis der EU zeichnet 2011 posthum den Gemüsehändler Mohmaed Bouazizi aus. Der hatte, so die Darstellung, sich „als Zeichen des Protests gegen die tägliche Erniedrigung und Belästigung der Behörden“ selbst in Brand gesetzt und starb an den Verbrennungen.

Mit einer solchen ohne jede Problematisierung vorgetragenen Auszeichnung lobpreist die EU suizidale Autoaggression als „Protest“. Das ist Verharmlosung. Mag in vielen islamischen Gesellschaften der Märtyrertod hoch gehandelt werden, so bedarf es doch einiger Reflexionsausfälle, um den Suizid eines jungen Mannes als „Protest“ anzupreisen. Weil selbst den Verfassern nicht ganz so wohl dabei war, wurde daraus rasch noch ein „Zeichen des Protests“.

Autoaggression ist kein Mittel der freien Wahl sondern letzte Flucht. Das macht den EU-Preis so zynisch. Anstatt Menschen wie Bouazizi die Flucht und die Opposition im Exil zu ermöglichen, lässt man sie im Mittelmeer ertrinken – auf aktiven Mord wird vorerst noch verzichtet, auch wenn die faschistischen Parteien Europas dafür in den Startlöchern stehen. Bouazizi hat sich nicht nur verbrannt, weil er die Repression und Korruption nicht mehr ertragen konnte. Sondern auch, weil es für ihn keinen Weg ins nur wenige Kilometer entfernte Industrie-Paradis EU gab.

Die EU hat mit den arabischen Diktatoren zur Flüchtlingsabwehr über Jahrzehnte hinweg prächtig kooperiert. Nun zeichnet sie eines ihrer Opfer aus, weil es sich selbst getötet hat. Das sollte den demokratisch gesinnten Individuen in den arabischen Staaten eine deutliche Warnung sein. Wenn die infantilen Islamisten die bereits zementierte Frauensklaverei forcieren, was derzeit mehr als droht, wird die EU mit ihnen Verträge zur Einwanderungsabwehr abschließen, ihnen Öl abkaufen, Präzisionswaffen verkaufen und als Zeichen der liberalen Gesinnung dem einen oder anderen Opfer einen Orden posthum verleihen.

Ein Paradebeispiel für ein großes grünes Unugunu liefert die taz.

Naturschutz: Boliviens Präsident Morales legt sein Veto gegen das Projekt ein. Die Route hätte Rodung gefördert, die zum Klimawandel beiträgt.

Weiter im Text heißt es noch einmal in einer chiastischen Drehung:

„Die Straße hätte zur Rodung von Urwald beigetragen, die den Klimawandel fördert“.

Anhand solcher untalentierter Stilblüten lässt sich belegen, welche Verheerung der alles aufsaugende Begriff „Klimawandel“ anrichtet. Im Text verweist ein solcher Begriff auf eine Kastrationsdrohung, die das konformistische Einstimmen in den Applaus erzeugen will. Weil der Klimawandel dem allerletzten berliner Hinterwäldler ganz gewiss furchtbar schaden wird, darf ein Urwald in Bolivien nicht abgeholzt werden. Da nun der aufrechte Präsident Morales eingeschritten ist, sind die taz-Leser vor der großen Flut nochmal davongekommen und können weiter ihren täglichen Förder-Beitrag gegen die Förderung des Beitrags zum Klimawandels leisten.

In meiner Kindheit kaufte ich mit dem obligatorischen Micky-Maus-Heft von der örtlichen Tankstelle ein Regenwald-Zertifikat über 10 m² Regenwald. Damals kostete Heizöl ein paar Pfennige, die Autos rußten Grobstaub, in Heilbronn brannte eine Pershing 2 und E605 galt den Nachbarn als Wundermittel für die Rosenzucht. Viel hat sich geändert. Die Inflation bedingte wohl, dass heute beim Kauf eines ganzen Kastens Krombacher nur noch ein Quadratmeter Regenwald erhalten wird – bei einer Million Kästen ist das gerade mal ein Quadratkilometer, ein kleines Maisfeld also. Im somit zweifellos wertvolleren Disney-Heft wurde ich darüber aufgeklärt, wie schön der Urwald so ist, mit seinen Tukanen auf den Bäumen, den Leoparden im Wald, den bunten Fröschlein und den liebreizenden Blattschneiderameisen, die unter der netten Sonne zartes Grün sorgfältig ausschneiden und zu ihren putzigen Larven tragen. Je mehr ich dann darüber las, lernte ich den ästhetischen Wert einer solchen Landschaft schätzen, an der man Jahrmillionen alte Artenbildungsprozesse und allem voran die Mimesis bestaunen konnte. Ästhetik blieb mir bis heute der beste Grund, Natur libidinös zu besetzen und tiefe Verachtung reservierte ich für jene antiintellektuellen, verrohten Barbaren, denen eine Minute Wegersparnis durch einen schwäbischen Autobahnzubringer mehr wert war als ein in Jahrtausenden gewachsenes Habitat einer zweigestreiften Quelljungfer oder eines Hochmoorbläulings. Eine Art auszurotten ist im Regenwald um so leichter, wo sich Arten auf Minimalareale angepasst haben und gerade dadurch eine unvergleichliche Formenvielfalt erreichen. Einen Tropenwald zu fällen war und ist für mich ein noch weitaus größeres Banausentum als Gemälde des hochgeschätzten Renoir oder von Schiele öffentlich zu zerstören. Letztere sind im Vergleich dazu weitgehend bedeutungslose, reproduzierbare Dinge – „abgedungene Untaten„, wie ein zitierfähiger Philosoph verlautbarte.

Das erotische, intime Verhältnis zu Natur wird durch das kastrierende Gespenst „Klimawandel“ durchgestrichen. Wo keine Erinnerung an das Schöne des Regenwaldes zugelassen wird, hat man dieses Schöne selbst auf die Abschussliste gesetzt: FÜR den Klimawandel könnte so ein tumber Wald jederzeit gerodet werden. Und das ist leider die Praxis der aktuellen Biosprit-Barbarei, die sich von der Verwertung von Waltran und Pinguinfett für Lampenöl nicht allzuweit entfernt aufhält.

Schlimmer ist wahrscheinlich noch die intrapsychische Auswirkung: Mit der Natur wird einzig noch die Drohung assoziiert, ihre Zerstörung aus Angst vor ihrer Rache tabuiert. Leicht richtet sich die so erzeugte Aggression gegen Natur selbst, spätestens dann, wenn die simplen Lehrsätze von den drastischen Folgen einer Baumfällung am Amazonas sich blamieren und der Bauer hierzulande wie vor 50 Jahren auch seine Felder ganz rentabel mit dem leuchtstiftgelben Raps bemalen kann. Der inhaltsleeren Vernichtung des Formenreichtums unterm Diktat des expansionistischen Kapitals folgt die inhaltsleere Bewahrung im Namen des Klimawandels. Im steten Verweis auf den eigenen Schaden durch das globalgalaktische Verhängnis wird die narzisstische Abdichtung gegen das Andere perfektioniert – die Lust am Erleben des Anderen, das die ästhetische Erfahrung von Natur bietet und fördert stirbt ab.

Welcome home!

Und wie viel schöner wäre dieser Tag, wenn alle pazifistischen, nichtantisemitischen Antisemiten mal einen Tag Pause machen würden, anstatt ihr aus intellektuellen und emotionalen Erfrierungen herauseiterndes Ressentiment und ihren blassen Neid auf die Liebesfähigkeit dieser israelischen Gesellschaft in sämtliche Online-Zeitungen zu schütten.

Im Wort „Schutz“ knallt onomatopoietisch ein Schuss mit. Die Nazis hatten daran ihren Anteil: Schutzstaffel, Heimatschutz, Schutz der arischen Rasse – der Schutz ist assoziativ nicht von der Androhung des Gegenteils zu trennen. Wo das „be-schützen“ noch an etwas heimeliges, an eine gütige elterliche Hand erinnert, die von oben für das Hilflose eingreift und diesem Ruhe verschafft riecht das „schützen“ nach Aggressionen, nach Schützenfest und feudalem Patrouillengang, nach penetranter verfolgender Präsenz. Im verbenreichen Englisch nuanciert sich das Wort: safeguard, shield, protect, shelter, forfend – keiner der Ausdrücke atemt so kurz wie der Deutsche. Zu Recht vermutet man, dass dort, wo geschützt wird, auch geschossen wird, dass dementsprechend Gedanken nicht viel Zeit und Luft eingeräumt wird, wenn „Klimakiller“ an die Türe klopfen.

Dieses Unbehagen gegen die autoritären Komponenten der Schützerei hat Henryk M. Broder und sein publizistisches Netzwerk „Achse des Guten“ von je her veranlasst, dem „Klimaschutz“ mit äußerstem Unbehagen entgegen zu sehen und in ihm ein totalitäres Unterfangen zu erspüren. In der jüngsten Ausgabe von Broders „Deutschland-Safari“ wird Umweltministern, grünen Politikern und Kindern abgelauscht, was sie sich unter der „großen Transformation“, dem Klimaschutz vorstellen. Insinuiert wird dabei von Broder die „Ökodiktatur“, in der selbst Kinder den Müll ihrer Eltern durchschnüffeln und ihnen vorschreiben, was und mit welchen Verkehrsmitteln sie einzukaufen haben. Broders Gespür für die naive Hilflosigkeit der sich rundum gut Glaubenden lockt diesen das autoritäre Vokabular tonnenweise aus dem Munde. Im Rausch dieser vorauseilenden Selbstdenunziation schlägt Broders Polemik um in Relativierung. Eine Fensterkontrolle in Klassenräumen oder eine Solarstromvergütung ist weder qualitativ noch quantitativ vergleichbar mit der Zensur der Stasi oder den Massakern eines Assad – solches nahezulegen ist Verharmlosung, die in der „Deutschland-Safari“ zwar ohnehin ästhetisches und legitimes Mittel der Satire ist, aber in dieser Folge doch mit einigem Ernst vertreten wird.

Das trifft sich mit den Publikationen der AchGut-Autoren Miersch, Maxeiner und anderer, in denen viel vermeintlich liberales Febreze gegen den autoritären Stallgeruch der Nationalökologie versprüht wird. Wissenschaftlichkeit ist auf beiden Seiten kein Thema. Der Nationalökologie einer Merkel ist die Verzweiflung über ihre komplette Unfähigkeit auch nur annähernd etwas vom Thema zu verstehen anzumerken. Das trifft auch die interviewten Grünen Roth und Künast, die vor Ahnungslosigkeit über das von ihnen eingeforderte triefen und auf Broders nicht besonders talentiertes Gestichel nur hilflos reagieren. Da wird dann getüncht mit grünen Phrasen.

Tatsächlich haben weder die Grünen und erst recht nicht Merkel den Rückgang des Artenschwundes nennenswert gebremst. Statt auf Offensichtlichkeiten wie Flächenverbrauch, Agrarsubventionen und Biosprit zu verweisen wird dann gern unterstellt, der globale Klimawandel lasse eben bestimmte Arten aussterben – was eher selten wirklich nachweisbar ist. In Afrika führt man jüngste Dürren auf den Klimawandel zurück – wer vor Ort ist, weiß, wie viele Wälder in den letzten Jahren dort in Holzkohle und Buschfeuern aufgingen. Und Biosprit, ein gemeinsames Projekt von Grünen, konservativen Bauern und der vor dem Ölpreis fliehenden Wirtschaft führte ganz nachweisbar und konkret zu einer beispiellosen und in belegten Fällen mörderischen Abholzung von Regenwald.

Von dem, was Broder mit Ökodiktatur meint, ist das alles doppelt entfernt: Weder gibt es die autoritäre Komponente in einer diktatorischen Qualität (auch die Solarverordnung in Marburg kann wie jedes andere Baurecht durch eine gewählte andere Regierung abgeschafft werden) – noch ist die autoritäre Komponente ernsthaft mit Wissen um Ökologie oder Interesse daran ausgestattet. Die kultivierte burschikose Oberflächlichkeit der liebenswerten Sendung erreichte dann in der zweiten Folge vom 10.10. unterirdische Qualitäten – da wird über bislang 10 Milliarden Subventionen für die Solarindustrie gewettert, als würde sich die Asse kostenlos sanieren und als würde ein durchschnittlicher AKW-Rückbau nicht mehrere Milliarden kosten. Von Steinkohlesubventionen oder Agrarsubventionen ganz zu schweigen. Broder demaskiert hier nicht die unsichtbare, autoritäre Hand der Politik hinter dem Markt sondern seinen selektiven Agress auf das Neue, Unbekannte, Fremde der Solarenergie. Was ihm zur gesellschaftlichen Natur geworden ist, darf um keinen Preis verändert werden.

Der ersten Natur ganz verfallen bricht Maxeiner das Weltklima auf ein Billardspiel herunter. Weil man das alles ja gar nicht simulieren könne, so das antiintellektualistische Argument, sei es ja auch komplette Hybris, überhaupt irgend etwas ändern zu wollen. Es ist halt alles so kompliziert. Maxeiners von Broder affirmierte Regression erklärt das Klima zu einem Gott, gegen den keine Wissenschaft gewachsen sei, während die anderen diesem Gott Altäre aus Palmöl und Hybridautos bauen. Die Platitüde ist beiden Seiten Programm. Das trifft auch Broders undialektischen Begriff von Aufklärung. Gegen die Klimaschule stänkert er: „Am Ende ist es doch Umerziehung.“ Bei ihm gibt es stattdessen aufklärerische Blitzbesuche bei Maxeiner and friends.

Die Verwendung von Seife musste mühsam erklärt und beworben werden – bis heute. Broder denkt nicht an Medizindiktatur, wenn in Krankenhäusern oder Restaurants kontrolliert wird, ob die Mitarbeiter sich regelmäßig die Hände waschen. Dass man stets an die Konsequenzen seines Verhaltens denken müsse – sei ihm schlicht „zu unbequem“. Kritikabel an der blaßgrünen Welle ist aber gerade, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns nicht bedenkt. Weder auf gesellschaftlich-philosophischer Ebene, wo tatsächlich mitunter die Freiheit des Individuums für das vermeintlich korrekt berechnete Kollektivinteresse schnurstracks eisekalt gemacht wird. Noch auf der ökologischen Ebene, auf der Energiesparlampen statt Glühbirnen verordnet wurden, weil man die tatsächliche Alternative LED nicht zahlbar machen kann und will. Andere Beispiele wären die Ausgleichsmaßnahmen, die es ermöglichen, zerstörte Feuchtwiesen durch ein paar Obstbäume oder teure „Flußrenaturierungsmaßnahmen“ zu ersetzen. Anstatt einfach ein paar formschöne Betonklötze entsprechend im Flußbett zu platzieren und dadurch die Gewässerdynamik zu befördern, werden komplette Mäander gebaggert, die eine Umgehungsstraße an anderer Stelle zerstörte – natürlich nur, wenn es jemand gemerkt und tatsächlich erfolgreich eingeklagt hat. Teiche werden auch gleich mit Bäumen teuer bepflanzt, damit es nicht so hässlich nach Ruderalstandort aussieht – der aber für die bedrohtesten Arten essentiell ist. Im Osten zieren frisch gepflanzte Alleen zahlreiche Straßen – effektiver und billiger wäre es, den Randstreifen still zu legen und wachsen zu lassen, was halt kommt. Dieser satirisch durchaus auszubeutenden Diversität von Fehlleistungen und grob fahrlässigem Unfug stellt sich Broder nicht – das hieße, tatsächliche Wissenschaftlern etwas länger reden zu lassen als die nicht ganz stichhaltigen Drei-Sekunden-Mahnungen vor dem Elektroauto.

Dass die derzeitige Form der ökologischen „Aufklärung“ autoritär und mitunter totalitär ist, rechtfertigt nicht die Regression in die Halbwahrheit und in Gegen-Propaganda. Wenn Broder etwa das Biosprit-Problem skandalisiert, so ist eine gewisse instrumentelle Haltung zu diesem Thema zu erkennen, aber kein Interesse – anhand des Problems soll denunziert werden, was erst als Totalität entworfen werden muss: Die globale Klimaschutzbewegung im Verein mit autoritären Staaten respektive Deutschlands. Es gibt eine andere Möglichkeit, die Broder aber schlichtweg zu mühselig ist: Die Arbeit am Objekt, die zähe Ausdifferenzierung von rationalen, irrationalen, ideologischen, dialektischen, biologischen und gesellschaftlichen Facetten des Mensch-Natur-Problems – in Absehung von der Verrichtung der identitären Notdurft.

Der Kritiker des Spiritismus und des Empirismus Friedrich Engels verfügte tatsächlich über Kenntnisse der Naturwissenschaften, die jene Ignoranz Broders gegenüber einer wissenschaftlich-philosophischen Zerlegung von Spinnereien zumindest als sehr armselig erscheinen lässt. Vielleicht liegt das an den Verkürzungen, die der kulturindustrielle Betrieb, in dem Broder agiert, mit sich bringt. Vielleicht auch an seinen Assistenten Maxeiner und Miersch, die beide nicht besonders Wert auf wissenschaftliche Details oder Dialektik legen, weil es tatsächlich so vielen sehr bequem zu widerlegenden ideologischen Unfug in der Ökologiebewegung gibt.

Und auch bösartiges bleibt: Der sich gegen die Instrumentalisierung von Kindern aussprechende Broder ist in der Denunziation der autoritären Kinder autoritär – er erkennt die Realangst vor der Krisenhaftigkeit eines auf Expansion verpflichteten Systems nicht an und spricht implizit den Kindern ihr rationales, wenngleich häufig eingeflüstertes und in verkitschte Formen gepresstes Interesse ab. Es gibt eine Klassenfensterkontrolle. So what? Andere Kinder erpressen das Pausengeld oder müssen in der Schule mit I-Pads oder den Geschichtsfälschungen von Cornelsen, Westermann und Klett arbeiten oder Gruppenarbeit machen, obwohl sie lieber in der Nase bohren würden.

Für die Erhaltung der Artenvielfalt spricht nicht ihr ökonomischer Wert, der je nach Art sehr diskutabel ist, auch nicht die Möglichkeit zur Durchherrschung von Natur, sondern der Grund, warum man dazu fähig ist – die menschliche Intelligenz und der technologische Fortschritt. Moderne Industriegesellschaften könnten wie vor noch gar nicht langer Zeit praktiziert Wale fangen und zu Biosprit verarbeiten – sie sind aber nicht darauf angewiesen und haben eine Wahl, auch wenn die manchmal eine zwischen Bequemlichkeit und Fortschritt ist. Letztlich ist die Frage des Artenschutzes auch eine ästhetische. Oldtimer, Picasso, Wiedehopf sind alle letzlich nur ihrer subjektiv bewerteten Schönheit wegen liebenswert. Nur einer davon lässt sich nicht nachbauen.

Die historischen Fakten: Jerusalem blieb 1947 vom Völkerbund als neutrales Gebiet unter internationalem Schutz aus den Staatsgebieten der künftigen Staaten Palästina und Israel ausgespart. In der Folge des Angriffs der arabischen Guerillas und Staaten auf Israel 1948 wurde Ostjerusalem von Jordanien erobert. Die jüdischen Bewohner des jüdischen Viertels wurden vertrieben, 58 Synagogen und zahllose Wohnhäuser zerstört. Erst als Jordanien 1967 Israel attackierte und das UN-Hauptquartier eroberte, entschloß sich Israels Regierung, Ostjerusalem ohne schwere Waffen zu erobern, um die Denkmäler zu schützen – was zu hohen Verlusten führte. Seitdem sich Ostjerusalem unter israelischer Hoheit befindet, können alle religiösen Stätten von ihren Anhängern besucht werden, das jüdische Viertel wurde renoviert und wiederbelebt.

Gilo wiederum ist ein Stadtteil im Süden Jerusalems, Wohnstätte von 30-40.000 religiösen und nicht-religiösen Juden. Gilo wurde größtenteils auf Land gebaut, das vor 1948 von Juden gekauft wurde. Wie es dort aussieht, hat „Spirit of Entebbe“ in „Schöner wohnen in Gilo“ beschrieben. Seit 1971 bietet Gilo vor allem Neuankömmlingen aus aller Welt ein erstes Quartier. Dennoch gelten Ostjerusalem und Gilo der deutschen Presse und der UN als „illegale Siedlungen“.

Der so gefärbte Weltgeist trägt bisweilen auch den Namen Micha Brumlik und in der taz verbietet er den Israelis in Gilo 1100 neue Wohnungen bauen. Exorbitante Mieten, heftige soziale Proteste, ein solides Bevölkerungswachstum und ein extrem kleines Staatsgebiet sind für Brumliks Reduktionismus ganz nichtige Argumente – für ihn ist der Wohnungsbau allein Beweis dafür, dass die Regierung Netanjahu „keinen Frieden“ wolle – da kann sie noch so oft und argumentativ auf weitaus höherem Niveau als dieser deutsche Universitätsprofessor das Gegenteil beteuern.

Brumlik Fantasie zufolge wolle die Regierung Netanjahu „alles aussitzen“ und „irreversible Fakten schaffen“. Was für Fakten aus welchem Grund irreversibel sein sollen, erfährt man nicht. Sinai wurde zurückgegeben, Siedler von dort wie auch aus Gaza zurückgeholt und über den Golan wird mitunter tatsächlich diskutiert, obwohl dieser aus Israel nicht mehr wegzudenken ist. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass Israel niemals Ostjerusalem und Gilo aufgeben und schon gar nicht einem ihm feindlich gesinnten Staat überlassen wird.

Ungeachtet des internationalen Theaters um Gilo herrscht derzeit in weiten Teilen des Westjordanlandes Frieden und ein Wirtschaftsboom im Gefolge der stillen und täglichen Kooperation mit Israel. Palästinenser arbeiten auf den Baustellen der jüdischen Städte im Westjordanland und jüdische Ärzte versorgen palästinensische Kinder in israelischen Krankenhäusern. Sogar in Gaza gehen täglich Tausende zur Arbeit nach Israel. Der stille Friedensprozess ist im vollen Gange, auch wenn Hamas und Konsorten das ihrige dazu beitragen, ihn zu stören. Israel mag dabei nicht immer wie eine perfekte Demokratie reagieren, stellenweise auch Landnahme begünstigen oder mehr oder minder systematisch Rechtsbeugung betreiben, aber das reiht es ein unter die fortschrittlichsten Demokratien – womit nicht Ungarn oder Italien gemeint sind.

Brumlik reicht das nicht, er will andere Kaliber:

„Hätte man aber in den Nachfolgebürgerkriegen des zerfallenden Jugoslawien immer wieder beteuert, dass nur direkte Gespräche zwischen Serben, Kroaten, Bosniern und Kosovaren Frieden bringen könnten – der Krieg dauerte noch heute an. Tatsächlich war es ein unterschiedlich instrumentiertes Diktat auswärtiger Mächte mit ihren je eigenen Interessen, das die Waffen zum Schweigen brachte.“

Wie in den Jugoslawien-Kriegen, wo ethnische Säuberungen, Massaker und Massenvergewaltigungen tobten, müssten also ausländische Mächte in Israel „die Waffen zum Schweigen“ bringen. Wer hier keinen Frieden will, ist offensichtlich. NATO-Luftangriffe auf ein weitgehend friedliches Jerusalem, um der palästinensischen UCK einen Staat ohne Roma, Serben und Juden herbei zu bomben? Was für ein Vergleich – und Brumlik beharrt wiederholt darauf.

Brumlik traut sich keck, den außenpolitischen Experten der BRD Unbildung vorzuwerfen und sieht dabei den Baumstamm im eigenen Auge nicht. Man müsse wissen, so erklärt er allen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten, dass Netanjahu einem „politischen Milieu“ entstamme, das ein Großisrael auf beiden Seiten des Jordans wolle. Auch würden „40 % der einst hochprofessionellen israelischen Armee“ „im Zweifelsfall eher ihren Rabbinern gehorchen als der politischen Führung“. Und dann unterbietet Brumlik sogar sein bislang tiefstes bekanntes Niveau: Dieser Teil der Armee, so sei unbedingt zur Kenntnis zu nehmen „mutiert“ „im Zweifelsfall“ „zu einer ‘Pasdaran‘-Armee“ „wie sie im Iran existiert“. Zur Erinnerung: Die Pasdaran sind die „Iranische Revolutionsgarde“, professionelle Massenmörder, Henker, Folterknechte und Berufsvergewaltiger, ein mafiöses Terrornetzwerk mit globalen Dimensionen, das in Libanon, Syrien und Gaza mitmischt.

Angesichts einer solchen, diesmal von jüdischen Seelsorgern kommandierten Bedrohung hat Brumlik heftig getüftelt und sich eine Lösung ausgedacht: Vor „harte Alternativen“ sollten „die Europäer“ die „Israelis und Palästinensern“ stellen. Nun wird auf einmal nicht mehr der NATO-Jet berufen, sondern die überaus harte ökonomische Waffe: Das „Assoziierungsabkommen mit der EU“ stellt sich Brumlik als geeignetes Druckmittel vor. Derselbe Professor, der soeben festgestellt hat, dass auf Seiten der „jüdischen Pasdaran“ keinerlei Kompromissbereitschaft bestehe, wenn es um biblisches Land gehe unterstellt ihnen nun, ausgerechnet um den Verkauf von begehrter Hochtechnologie und erstklassigem Gemüse in die EU zu zittern. Die Palästinenser sollen unter derselben ökonomischen Drohung – der Streichung von Finanzhilfen – nicht zum Frieden gezwungen werden, das wäre ja unfair, aber immerhin zum „Verzicht“ auf das „Rückkehrrecht“. Als ganz raffiniertes Zuckerle stellt Brumlik dann beiden den EU-Beitritt in Aussicht – als wäre die EU derzeit ein Verein, dem man beitreten wollte. Mehr noch, man könne sich dann final auch an einer „würdigen Präsentation des Krieges von 1948″ beteiligen, „während dessen tatsächlich etwa 700 000 Palästinenser vertrieben wurden.“

Welche würdige Präsentation hätte Brumlik dann abschließend gerne? Antisemiten, Nationalisten, zu den Arabern geflohene Nazi-Größen und arabische Freischärler greifen von den Aufenthalten in KZ und Flüchtlingslagern noch ausgemergelte, weitgehend unbewaffnete Juden an und verlieren? Das wäre wahr aber kaum „würdig“ im Sinne palästinensischen Geschichtsbewusstseins. Ebenfalls wenig würdevoll wäre der historisch korrekte Verweis darauf, dass die absolute Minderheit der Flüchtlinge aktiv von israelischen Akteuren vertrieben wurde, dass hingegen ein Teil auch von den arabischen Armeen aus strategischen und ideologischen Gründen vertrieben wurde und der weitaus größte Teil das Land in der Hoffnung verließ, bald in ein von Juden gereinigtes Land zurückkehren zu können. Diesem komplexen Prozess kann sicherlich überall „in aller Würde gedacht“ werden – außer in Palästina. Was Brumlik allerdings androht, ist die Verkehrung eines solchen „Gedenkens“ in jene morbide Geschichtsklitterung, die er selbst seiner armseligen Konfliktanalyse angedeihen lässt.

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Quelle: Brumlik, Micha 2011: „Gott hat es versprochen. Vom Mantra zum Dogma – direkte Gespräche in Nahost.“ In: Die Tageszeitung vom 4.10.2011.

Freud wies auf die Fehlleistung als tiefenpsychologisches Phänomen hin. Im Wortspiel wird die Brücke geschlagen zwischen Witz und Versprecher. Die Lust am Wortspiel geht selten aus einem gesteigerten Bewusstsein über das Intendierte hervor sondern verbirgt es nur weiter vor dem Bewusstsein. Ein regelrechter Zwang zum Wortspiel muss die taz-Titelredaktion zu folgender Schlagzeile getrieben haben: „Namibier verweigern Herero-Küsschen.“ Der Untertitel präsentiert den Kontext: „Kolonialkrieg. Eklat bei Herero-Schädelübergabe in der Berliner Charité: Staatsministerin Pieper von empörter namibischer Delegation ausgebuht“. (taz Nr. 9631, 1.10.2011) In einem „Fazit am Abend“ des Deutschlandradio wurde die Schlagzeile gar zur „Überschrift der Woche“ gekürt.

Was hat die Verantwortlichen zum Wortspiel getrieben? Die Assoziationskette brach möglicherweise schon beim „Ferrero-Küsschen“ ab. Treibt man sie aber konsequent weiter, kommt man zum „Negerkuß“ und von da zum „Mohrenkopf“. Der „Mohrenkopf“ wiederum schließt die Kette im Verweis auf die Totenschädel. Da wirkt eine Menge rassistischer Ballast mit, eine gehörige Portion Zynismus, aber auch der sexuelle Wunsch der Einverleibung des Anderen. Dass „die Namibier“ das „Küsschen“ „verweigern“ ist eine Umdrehung der Situation: Die Bundesregierung verweigert den Herero und Nama die Anerkennung als Opfer eines kaltblütig geplanten Massenmordes, eines Genozids. Die Namibier verweigerten sich als Reaktion darauf der Einverleibung als Ritualobjekte deutscher Wohlfühl-Politik und treten als Subjekte auf. Sie sind keine Mohrenköpfe, die Negerküsse im Tausch gegen Totenschädel vergeben, sondern Unzufriedene, die gekommen sind um sich zu beschweren und ihr geraubtes Eigentum abzuholen. So viel Aggression irritiert offenbar – trotz und vielleicht wegen der kritischen Berichterstattung im weiteren Text – auch die Wahrnehmung der taz von Schwarzen als Objekte so empfindlich, dass man sie und die ganze groteske Situation in einem Wortwitz verkleinern und entwerten muss: zur entzogenen Süßigkeit. Nur mit viel Mühe ließe sich diese Infantilisierung kritisch wenden gegen den Auftritt von Pieper als beleidigtes Rumpelstielzchen, gegen die völlig unreife Haltung der Bundesregierung in dieser Frage. Die inhärente Immunisierung gegenüber den rassistischen Überfrachtungen bliebe dann dennoch bestehen.

mit dank an n.

Katholische Kosmetik

„Der durchschnittliche Gläubige ist heute schon so schlau wie früher bloß ein Kardinal“ (Adorno/Horkheimer DdA: 185)

Joseph Ratzinger sprach in seiner Eigenschaft als vorgebliches Sprachrohr des christlichen Gottes auf Erden vor dem Bundestag und in einigen nicht zufällig der proletarischen Subkultur entliehenen Gebäuden. Da Deutschland kein säkularer Staat ist, gab es auch keinen Grund zur Beanstandung dessen. Auch die Mehrheit der europäischen Staaten sind Königtümer und/oder von religiösen Parteien dominiert, ein revolutionärer skandalisierender Sprech gegen dieses spezifische Ereignis kann getrost als Gelegenheitsaufmüpfigkeit gelten. Es stünde den Befürwortern der Säkularisierung frei, sich zu organisieren und diese voranzutreiben. So allerdings war die Gegnerschaft ins gesamte Ritual eingepasst: Millionen Religionsanhänger hatten nichts besseres zu tun als ihrem Anführer zuzujubeln, Tausende von Vulgäratheisten hatten nichts besseres zu tun als diesen das autoritär gefütterte Wohlfühlgrinsen madig zu machen. Da finden in Syrien und Jemen Massaker statt, aber man fährt massenhaft Ratzinger hinterher und betet für den Frieden anstatt ihn zu schaffen oder man demonstriert in Absehung dringlicher Ereignisse gegen diese infantile Veranstaltung, ohne sich philosophisch allzu sehr mit dem Phänomen des überholten Glaubens und seinen philosophischen Mucken auseinander zu setzen.

Ganz harmlos scheint Ratzinger über Vernunft und Naturrecht zu philosophieren und es klingt so passabel, wenn er den Positivismus schilt und keiner genau weiß, was er damit meint. In dieser philosophischen Bewegung aber wohnt der Geschichtsrevisionismus, auch und gerade wenn die Gegnerschaft von Christentum und Nazismus beschworen wird. Zwischen Skythen und Nazis besteht in Ratzingers Bundestags-Rede ebensowenig Unterschied wie zwischen frühen Christen und Widerstandskämpfern gegen das Naziregime, die ganz unterschiedliche ideologische Ansichten hatten. Insgeheim möchte man so den Widerstand christianisieren und etwas abhaben von dessen moralischer Integrität. Wenn tatsächlich die Verantwortung insbesondere der katholischen Kirche für über 1000 Jahre Pogrom und Massenvernichtung im Raum stehen könnte, wird von Ratzinger stattdessen das Judentum als eine von drei Quellen der Kultur Europas abgewatscht.

„An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.“ 

Dieses Wunschkonzert, harmonisches Zusammenspiel einer nicht zufälligen Trinität, ist entschieden ignorant. Es fälscht das Gedächtnis und ist die „Amputation unserer Kultur“, der europäisch-christlichen Kultur. Es gibt keine „innere Identität“ Europas, und schon gar keine die eine friedliche „Begegnung mit Jerusalem“ wäre. Das Judentum selbst war bereits die Begegnung von griechischer Philosophie und einem über Epochen sich wandelnden Rechtsverständnis, das Vernunft in der historisch situierten rabbinischen Auslegung und damit der Diskussion forderte. Den Juden aber sei keine für Europa bedeutende philosophische Vernunft und kein spezifisch interessantes Rechtsdenken eigen – das ist die Aussage Ratzingers. Über das Christentum und seine „Begegnung mit Jerusalem“ treffen Adorno/Horkheimer das trockene Urteil: „Bei den deutschen Christen blieb von der Religion der Liebe nichts übrig als der Antisemitismus.“ (DdA 185) Und bei weitem nicht nur bei den deutschen.

In Wahrheit waren es jüdische Philosophen und Aktivisten, die Europa denkens- und lebenswert machten und die mitunter das (vorchristliche) frühdemokratische Rechtsdenken bewahrten und diskutierten. Maimonides arbeitete an einer aufklärerischen, gegen magische Praktiken gerichteten Medizin, argumentierte gegen die Astrologie und diskutierte die Integration der griechischen Philosophien durch das Judentum während wenige Jahre später Thomas von Aquin den Hexenglauben theologisch legitimierte und etablierte und in Paris der Talmud verbrannt wurde. Noch die christlichen Aufklärer waren antijüdisch. Der kulturelle Kern Mitteleuropas ist der Pogrom, mehr noch, der christliche. Die subtile Abwertung des Judentums und die Verdeckung des christlichen Antisemitismus gesellt sich formschön zu Ratzingers dritten Impuls, den in philosophische Floskeln gekleideten, sich als dialektisch ausgebenden Antiintellektualismus.

Es ist in den industrialisierten Gesellschaften kaum möglich, an die Wahrheit der Magie Jesus Christus und an die physische Realität eines Himmels oder einer Hölle zu glauben ohne einen (auto-)aggressiven Antiintellektualismus zu betreiben und Physik, Paläontologie oder Astronomie zu leugnen. Der Kreationismus ist nur die reinste Ausprägung dieses Antiintellektualismus und in den afrikanischen Staaten ist er das Weltbild derer, die nicht den imposanten Apparat der Aufklärung – Museen, Sammlungen, Zoos, Zeitschriften, Texte  – kennen und kaum eine andere Wahl haben. Das wird von der katholischen Kirche in diesen Regionen ausgebeutet und affirmiert, ebenso wie die mörderische Homophobie der auf Reproduktion vernagelten Gesellschaften. Solches Verhältnis zur Wissenschaft steht zur Diskussion, wenn es um einen „Schöpfergott“ geht, das Naturrecht und seinen Ursprung in einem Schöpfergott zu diskutieren ist nur ein Ablenkungsmanöver. Die Kirche kann es mit der Vernunft und Modernisierung nicht so ernst meinen, wenn sie als spezifische weiter den konkreten Glaube an Unsinn anempfiehlt. Zu weit darf sie dabei nicht gehen, sollen doch die Kühlschränke und Automobile funktionieren auch wenn der liebe Herr Jesus wirklich übers Wasser wandelte. Nicht Rechtspositivismus und Vernunft sind aktuelle Konfliktpole der katholischen Kirche sondern Wahrheit und Massenselbstbetrug. An einen Gott und Magie lässt sich nur noch sehr abstrakt glauben, will man nicht gar so dumm dastehen, wie man sich gerade deshalb immer noch massenhaft dazustehen traut. Wird göttliche Magie abstrakt, so wird die spezifische Lehre, der Ritus und insbesondere der Papst überflüssig und das Ritual privatisiert – wie es die Esoterik nur konsequent umsetzt.

„Die Unverbindlichkeit des geistlichen Heilsversprechens, dieses jüdische und negative Moment in der christlichen Doktrin, durch das Magie und schließlich noch die Kirche relativiert ist, wird vom naiven Gläubigen im stillen fortgewiesen, ihm wird das Christentum, der Supranaturalismus, zum magischen Ritual, zur Naturreligion. Er glaubt nur, indem er seinen Glauben vergißt. er redet sich Wissen und Gewißheit ein wie Astrologen und Spiritisten. Das ist nicht notwendig das Schlechtere gegenüber der vergeistigten Theologie.“ (DdA 188)

In all seinen Reden geht es Ratzinger demnach auch nicht um Glauben oder Wahrheit – dahingehend müsste er entweder der Esoterik oder der Wissenschaft ihr Recht zugestehen. Es geht um die einzig wahre Naturreligion des rassistoiden Europas, die Zugehörigkeit. Im Olympiastadion predigt er Zugehörigkeit zum Weinstock, dass man sich zu einem guten Wein machen solle und „sich selbst geben“. Das Ziel dieser Gabe ist das Wohlgefallen des Jesus Christus und Jesus Christus sind irgendwie die Menschen selbst – so betet sich tatsächlich Gesellschaft in der Religion selbst an wie es ausgerechnet der Positivist Durkheim ganz richtig vermutete ohne so recht etwas dagegen zu haben. (S. Adorno in Durkheim 1996: 20) Längst spielt es keine Rolle mehr, ob nun Jesus, Mohammed oder Moses das Meer mit dem Stab oder Brot mit den Händen oder die Juden mit dem Schwert zerteilte, solange man nur einen „kulturellen Kern“ oder ein „Licht“ vor sich her trägt und die Wahnvorstellung nicht alleine glauben muss. Am gleichen Orten glaubten in Berlin die einen auf Aufstieg und Abstieg der eigenen Mannschaft, die anderen an Auferstehung und Hölle, die dritten an Wahlsieg und Wahldesaster – solange man nur nicht alleine damit ist. Der philosophische Lidschatten, den Ratzinger der Kirche verpasst macht Gesellschaft gewiss nicht menschlicher. Er ist schlecht aufgetragene Kosmetik der kollektiven Regression wie die zur Schau getragene Empörung seiner Gegner.

Auf internationaler Ebene um Ersthaftigkeit bemüht war in den letzten Tagen allein Benjamin Netanjahu, dessen Rede vor den UN im Volltext im Interesse des Friedens weitaus dringlicher zur Lektüre empfohlen wäre als die Reden Ratzingers.

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Literatur:

Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. 1979 (1943).

Theodor W. Adorno in Durkheim, Emile: Soziologie und Philosophie. 1996 (1976).

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