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Archive for Oktober 2009

Kinder, pubertierende Kollektive und Betrunkene sind die Zielgruppe von Endlos-Liedern wie “Das rote Pferd”, “Schellekalle” oder “Das Lied vom alten Reisbrei”. Diese Lieder zeichnen sich durch Wiederholungszwang und -lust aus. Ergänzt durch eine streng  uniformierte Gestik wird das kollektiv gesungene Lied zum Ritual der Verdrängung. Je hartnäckiger der Durchhaltewillen, desto intensiver das Erlebnis.

Bei einem sehr populären Lied, dem vom “Kleinen Matrosen”, wird das Moment der Zensur  als Teil des Rituals offenbart und integriert. Jedesmal, wenn die Wiederholung ansteht, wird ein weiteres Wort durch eine Geste ersetzt. Am Ende stirbt die Sprache gänzlich, es siegt die Ersatzhandlung. Damit wird auch dem weiteren Wiederholen ein Ende gesetzt. Gemeinhin folgt ein großes Jubilieren über diese kollektive Leistung.

Der Liedtext spricht demzufolge Bände:

“Ein kleiner Matrose umsegelte die Welt. Er liebte ein Mädchen das hatte gar kein Geld. Das Mädchen musst sterben und wer war schuld daran? Ein kleiner Matrose in seinem Liebeswahn.”

Nun spräche in einer oberflächlichen Analyse einiges für versammelte Blutrünstigkeit, angesichts einer johlenden Masse, die fröhlich den Tod eines armen Mädchens begröhlt. Eine historische Analyse käme zum Schluss, dass das Lied eigentlich ein sehr trauriges, den Hafenprostituierten gewidmetes war, denen der “Liebeswahn” von Matrosen eine tödliche Geschlechtskrankheit einbrachte. Der Jubel wäre dann möglicherweise einer der Überwindung jener Krankheiten durch die Therapie der Syphillis und dem Vergessen der für viele nur zu realen Dramatik des beschriebenen Todes geschuldet. Eine marxistische  oder feministische Sichtweise könnte das Lied als reaktionäre Maßregelung an den Erhalt der Klassenreinheit interpretieren: Liebe mit mittellosen Mädchen führt zu unerfüllter Verantwortung, Schuld und Tod.

Aus psychoanalytischer Sicht kann man ebenfalls geteilter Meinung sein. Es bieten sich verschiedene Versionen an.

Ein kleiner Matrose symbolisiert wie üblich einen kleinen Jungen. Der liebt ein Mädchen, das infolgedessen sterben muss. Welche Mädchen lieben kleine Jungen? Ihre Mütter. Haben diese “kein Geld”, verweigern also die Versorgung des trotzigen Bengels, müssen sie in der Phantasie eben sterben.

Der Kastrationskomplex würde folgendermaßen angesprochen: Der kleine Junge ist auch das Mädchen. Er liebt sich selbst als Mädchen, identifiziert sich mit der Mutter. Das jedoch hat kein “Geld”, keinen Phallus und muss daher als Identifikationsobjekt aufgegeben werden.  “Geld” wird durch das masturbationsähnliche Reiben von Daumen und Zeigefinger ersetzt: der Junge glaubt,  das Mädchen könne nicht masturbieren, weil der Vater es kastriert habe. Zensiert wird hier die Kastrationsdrohung des Vaters, die das “Mädchen” im Jungen sterben lässt. Die klammheimliche Überwindung dieser Drohung durch Ersatzhandlungen, die der Masturbation entsprechen, könnte die Lust am Programm auslösen. Auch denkbar wäre eine Ursache der Lust im Nachspüren auf das Finden des Weges aus dem Dilemma der Kastrationsdrohung: Das gehorsamen Anlegen der Hand an die Kappe symbolisiert im Ritual den Matrosen – Gehorsam und Vateridentifikation sind eines. Die wellenförmige Handbewegung, mit der das Mädchen gezeichnet wird, verweist auf den Lohn dieser Identifikation – den Körper des Mädchens, das den der Mutter vertritt. Wird der “Liebeswahn” allerdings zu groß, scheitert die Identifikation. Ein kollektives Tippen an die Stirn bestraft dieses Scheitern.

Aus einer aufs Kollektiv gerichteten Perspektive würde die verdrängte Homosexualität ins Blickfeld rücken. Der kleine Matrose, von je Zeichen der einzigen, für den homophoben Charakter vorstellbaren Homosexualität, nämlich der Zwangshomosexualität nach einsamen, abstinenten Wochen auf dem Schiff, liebt ein “Mädchen”. Dass dieses sterben muss, lässt der angestauten, verdrängten Homoerotik im Publikum einen sicheren Ort zum Ausagieren der eigenen Lust am Matrosen.

Schuld, Treibstoff aller Religionen, rückt in einer vierten Perspektive ins Zentrum des Rituals. Der kleine, also unschuldige, Matrose in seiner reinweißen Uniform verkörpert den Narzissmus. Phallisch-besitzergreifend und anal-kontrollierend umsegelt er die ganze weite Welt. Seine weibliche Seite besteht in der Armut, die ihn zu diesem Verhalten, das ihn ja gleichzeitig von der Mutter trennt, zwingt. Weil diese Erinnerung an Abhängigkeit seinen Narzissmus befleckt, muss sie sterben. Übrig bleibt ein zwar schuldiger, aber um so autonomerer Matrose. Schuld motiviert ihn zur Zensur in der nächsten Strophe. Am Ende bleiben nur noch Silben zurück, die an seine Geschichte erinnern, damit ist auch seine Schuld verdrängt – und damit die des christlichen, also sündhaften Publikums.

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Sarrazins Kinder

In einem Zug irgendwo zwischen Mittelhessen und Nordrhein-Westfalen musste mancher diese Woche folgendem Monolog eines eifernden Mittfünfzigers beiwohnen:

“Der Dingsda von der SPD, der das mit den Ausländern gsacht hat, hat ja jetzt ein auf den Deckel bekomme. Joa. Wenn ma in ner Partei is, kammer das net sache, da kriecht ma gleich was aufen Deckel. Awer eigentlich hatter ja recht. Dass die da den Staat aussuckeln kann ja wirklich net angehn. Wie die in Kleinlinne da, die hot da drei Kinner. 350 Euro! Zahlt alles des Amt! So e  Schlambe, die müsst geprüchelt were, von morchens bis abens! Jeden tach isse inne Disko un die Kinner hotse beim Vatter gelasse!”

Sarrazins geistige Kinder: lauter kleine deutsche Bierbauchmännchen, die das Bewerbungsschreiben für den amtlichen Job des “Durchprüglers” schon in der Schublade haben, falls der Islamismus kommen sollte.

Wird er nur fehlinterpretiert? Hat er, wie Wolffsohn es wahrnimmt, eine “sachliche”, “analytisch tiefe” Kritik an islamistischen Zumutungen geäußert? Oder hat der Zentralrat der Juden recht, wenn ein Sprecher behauptet, Sarrazin stünde in einer geistigen Linie mit Hitler?

Sarrazin ist vor allem deutsch wie ein Jägerzaun. So einer schickt schon mal Mitarbeiter zum Einkaufen in den Discounter, um nach einem Blick auf den Kassenzettel und einem weiteren ins Aldi-Kochbuch die Forderung nach 49 Cent weniger Tagessatz für Hartz-4 Empfänger rauszufetzen. Im jüngsten Interview jammert er dann:

“Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden”

Warum es überhaupt eine Unterschicht gibt, muss man für einen Malthusianer seines Schlages gar nicht mehr problematisieren – wer dort Kinder gebärt, vermehrt anscheinend zwangsläufig die Unterschicht. So schnell wird Armut rassifiziert und ein gesellschaftliches Problem – das der Armuterzeugung bei gleichzeitiger gigantischer Warenanhäufung – biologisiert. Die Armen erscheinen bedrohlich, ökonomisch und sexuell. Sie fressen und ficken dem Sarrazin zuviel. Da kann ja auch sonst nichts dabei rauskommen:

“Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (…) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht.”

Nun könnte man auf die Bedeutung der türkischen Khebapproduzenten für die Ernährung deprivierter SchülerInnen und Arbeitsloser verweisen oder auf Anteile türkischer oder arabischer ArbeiterInnen in Leiharbeitsfirmen. Sarrazin kommt es aber nicht so sehr darauf an, welche Nischen besetzt werden. Er will den Aggress auf die eigene Unproduktivität abwälzen, indem er Menschen zuerst auf ihre produktive Funktion hin klassifiziert. Integration wird hier an der in den Betrieb gemessen.

So nimmt es nicht wunder, dass bei einem derart in Fleisch und Blut übergegangenen instrumentellen Verhältnis zu Menschen am Holocaust vor allem die ökonomischen Einbußen für Berlin bedauert werden – Berlins Bevölkerungsstruktur und Ökonomie erscheinen als vorrangiges Opfer Nazideutschlands:

“Das hatte Folgen für die Bevölkerungsstruktur. Auch der immense jüdische Aderlaß konnte nie kompensiert werden. Dreißig Prozent aller Ärzte und Anwälte, achtzig Prozent aller Theaterdirektoren in Berlin waren 1933 jüdischer Herkunft. Auch Einzelhandel und Banken waren großenteils in jüdischem Besitz. Das alles gab es nicht mehr, und das war gleichbedeutend mit einem gewaltigen geistigen Aderlaß. Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum insgesamt betraf zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien. Dazu kam der Weggang des klassischen leistungsorientierten Bürgertums.”

Dass es “das alles” nicht mehr “gab” ist eben nicht gleichbedeutend mit einem “gewaltigen geistigen Aderlass”. Es ist überhaupt nicht gleichbedeutend. “Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum insgesamt” betraf Juden und nicht  “zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien”.

Und was bleibt dann zwangsläufig von der “Kritik” am Islamismus übrig?

“Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.”

Dass jemand “vom Staat lebt” leitet den Beginn der Assoziationskette ein – das ist schon mal sehr verdächtig für einen Berufsbeamten. “Diesen Staat” abzulehnen scheint ohnehin niemand das Recht zu haben, der “vom Staat” lebt.  Das ist keine Kritik am Islamismus, sondern das ist Zurichtung auf bedingungslosen Konformismus. Eine solche wird nur noch verstärkt durch die vermeintlich unrassistische Forderung, doch Ausländer reinzulassen, die etwas Anständiges leisten und qualifiziert sind.

“Sie müssen zur Schule gehen, sie müssen Deutsch sprechen können und den normalen Aufstieg durch Bildung nehmen.”

Das klingt mehr als scheinheilig im Land der Arbeitsverbote für Ausländer und der promovierten thailändischen Putzhilfen. Dass Mädchen unters Kopftuch gezwängt werden, rechtfertig zuletzt noch lange nicht, die Geburt dieser Kinder  in der gleichen Weise als “Produktion” zu diffamieren wie das die Ideologie der Islamisten vollzieht. Was er angreift ist der Mensch, nicht die üble Sitte, die ihn zurichtet. Der Brauch, die Geburt von Mädchen zu diskreditieren, ist überdies ein alter deutscher: In manchen Orten Bayerns wird dem Vater eines Mädchens bisweilen eine Kette von Büchsen an den Balkon gehängt mit einem Zettel, der die Beleidigung “Büchsenmacher” verkündet.

Sarrazin bietet keine Frauenhäuser für “Kopftuch-Mädchen” an, er will kein Asyl für alle andernorts unter die Burka geprügelten Frauen erwirken. Sarrazin will ein anständiges deutsches Straßenbild mit deutschen Gemüsehändlern und einer gut integrierten vietnamnesischen Raumpflegerin, die für ihre 6,76€ pro Tag (Sarrazin-Hartz 4 plus drei Stunden Ein-Euro-Job) dankbar SPD wählt.

Daher irrt Wolffsohn: Sarrazin ist ein zutiefst deutsches Kind. Und er wird völlig zu recht von irgendwelchen Mittelhessen zitiert, die ihr Kind zur Universität schicken, jeden Tag zur Arbeit gehen und jeden Tag der nackten Angst vor dem Abstieg in die Unterschicht und ihren lockenden Freuden – dem “Suckeln” an der Mutterbrust von Vater Staat – nachspüren.

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2002 wurde Jimmy Carter mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Carter fühlte sich dadurch dazu veranlasst, sein Buch “Palestine: Peace, not Apartheid” zu schreiben, in dem er Israel die Schuld daran gibt, dass es sich selbst mit einer Mauer vor antisemitischen Überfällen in Schutzhaft nehmen muss.

1994 erhielt Yassir Arafat den Friedensnobelpreis. Das ermutigte ihn 2000 dazu, die zweite Intifada zu organisieren. Seine Garde, die Al-Aqsa-Brigaden, verübten ein Drittel aller Selbstmordanschläge, die während dieser antisemitischen Kampagne verübt wurden.

1919 wurde Woodrow Wilson mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hatte als Ku-Klux-Klan-Anhänger und Freund der Sklaverei die Rassentrennung in vielen Bereichen erst neu eingeführt. In seiner Amtszeit geschahen die genozidalen Massaker an der armenischen Bevölkerung in der heutigen Türkei und in Armenien.

Drei Beispiele für die Fragwürdigkeit der Auszeichnung mit einem Friedensnobelpreis.

Nun hat es Barack Obama erwischt und nur konsequent setzt Füßescharren ein. Was genau hat Obama erreicht? Nordkorea hat sein Atomwaffenprogramm fortgesetzt. China verschärft mit schöner Regelmäßigkeit die Zensur. Im Sudan gehen die Morde weiter und die Vertriebenen leben in ständiger Angst ums Überleben. Der Kongokrieg tobt weiter, plündernde Banden marodieren und vergewaltigen – sie wären mit militärischen und polizeilichen Mitteln einfach zu stoppen, wären diese vorhanden. Somalia muss immer noch mit 3000 AU-Soldaten auskommen  um eine zweifelhafte Regierung gegen kriegserprobte fundamentalistische Fanatiker zu verteidigen –  während man in Deutschland für einen mittleren Castortransport 16 000 Polizisten gegen ein paar Tausend unbewaffnete potentielle Gleisbesetzer mobilisiert. Und was genau hat Obamas zaudernde Politik gegenüber dem Atomwaffenprogramm in Iran mit der Schaffung einer atomwaffenfreien Welt zu tun? Offene Fragen, die Obama bei der Preisverleihung selbst peinlich sein dürften.

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