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Archive for Juli 2010

Nach dem Tod von 20  Opfern der Massenpanik in Duisburg werden Verantwortliche gesucht – mit allen Merkmalen einer kollektiven Verdrängungsleistung.

Da ist zunächst die Rationalisierung durch Naturalisierung. Ein Psychologe erklärt im Fernsehen die Wirkung von Panik: In der Umgehung des Großhirns gelangen angsterregende Informationen direkt zur Amygdala und lösen dort reflexionslose Handlungen aus. Auf dem gleichen Niveau bewegen sich die zahlreichen “effects”, die angeblich natürlich in Menschenmassen stattfänden.

Ein anderes Symptom ist die durchaus zu befürwortende Suche nach Verantwortlichen auf höherer Ebene: aus ökonomischen Gründen seien Sicherheitsbedenken, die vorher im Internet geäußert wurden, von Veranstaltern und Stadtpolitik nicht berücksichtigt worden. Mal ist es der Oberbürgermeister, mal wieder der Veranstalter.

Und nicht zuletzt richten sich krude reaktionäre Ideologien am Ereignis auf. Eva Hermann (bereits früher Thema) will in Sexualität und Dekadenz die Ursache für die Panik sehen und projiziert die Schuld auf die 68-er. Die Junge Welt projiziert ihre eigenen Qualitäten auf die Raver:  unintelligent und dumpf seien die, hätten es kaum besser verdient.

Was bislang unbesprochen bleibt: Die Schuld der Masse, die sich nicht spontan auf eine erkennbare Bedrohung hin zu organisieren wusste. Jede und jeder der da mal im pubertären Scherz, mal in der freudigen Erwartung bald mit Oliver Pocher und Vladimir Klitschko zu raven, mal aus unbändiger Angst heraus drückte, schob und trampelte hat seinen Teil beigetragen zum Tod der 20. Dadurch wird eine für das Selbstbild unerträgliche Schuld aufgehäuft, was in Verdrängung und Projektion mündet. (vgl. Theodor W. Adorno: “Schuld und Abwehr”)

In dem gewaltsamen Paroxysmus erschrickt die neobürgerliche Gesellschaft vor ihrem entschleierten Gesicht. Hier haben alle gegen ihre Interessen gehandelt indem sie ihr Interesse, das eigene Überleben, vertraten. Die Einzelaktionen entfalten in der Masse eine Gewalt, die jedes Individuum für sich machtlos werden lässt, es unter tonnenschweren Druckwellen von den Beinen reißt, wo es selbst nur ein paar Kilogramm nach vorne drückte. Die eigene Ohnmacht dem gegenüber wird internalisiert.

Und so folgt zwangsläufig der Appell an den Staat, solche Massen besser zu überwachen, damit sie sich nicht selbst gefährden. Das setzt ein Bild von Unmündigkeit voraus, das gar nicht einmal falsch ist in der Diagnose sondern in seiner Zementierung der Verhältnisse. Keiner suggeriert, dass es nicht so sein müsste. Dass sich Millionen lustvoll und selbstbewusst treffen könnten ohne vor der Macht, die diese Menge ausstrahlt in Verzückung oder Panik zu verfallen, ohne dieser Masse für die Entbindung von Strafinstanzen zu bedürfen und demzufolge von ihr auch das schlimmste  – Bestrafung – zu erwarten. Die Sicherheit, nicht aus dieser Masse herauszufallen wird erst durch eine tief empfundene Angst zur Lust, wobei die Lust nur noch jene der Strafvermeidung ist und nicht mehr an ihr ursprüngliches Begehren gebunden ist. (vgl. Theodor W. Adorno: “The stars down to earth”)

Fest etabliert sich so die Unmöglichkeit der abhängigen Individuen zur massenhaften Solidarität, zur Bewusstwerdung der Gewalt angehäufter Einzel-Entscheidungen. Die Massen können Stahlgitter verbiegen und sprengen aber nicht jenen Schwächeren helfen, die straucheln und zurückbleiben.

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ungesprochen

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Es lohnt sich derzeit sehr, die Jüdische Allgemeine zu lesen. Erhältlich ist sie in der Regel an allen nennenswerten Bahnhofsbuchhandlungen oder im überaus günstigen StudentInnen-Abo. In der aktuellen Ausgabe kritisieren mehrere Leute versiert den Bundestagsbeschluss zur Aufhebung der Sanktionen gegen die Hamas. Des weiteren findet sich ein Artikel über die antisemitischen Boykott-Aufrufe, die in Europa und den USA (unter anderem unter der Ägide solch illustrer SchirmherrInnen wie Judith Butler) grassieren.

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Stundenlang könnte man recherchieren und rätseln, was denn nun dran ist an Judith Butlers “Rassismusvorwürfen” gegen den Cristopher Street Day e.V.. Ich fand lange anstelle der überall angekündigten “heftigen Diskussion” keine halbwegs verwertbaren Zitate, die irgendwie meinem Anspruch an eine Diskussion genügen würden. Schließlich stieß ich bei “Theorie als Praxis” auf eine ausführliche Analyse der von Drittpersonen aufgeführten Vorwürfe, die zudem mit vielen weiterführenden Links aufwartet:

Noch einmal zu den Rassismusvorwürfen gegen den Berliner CSD

Hören wir ergänzend dazu Butler noch einmal in einigen Zitaten:

http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/

Similarly, I think: Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important. That does not stop us from being critical of certain dimensions of both movements. It doesn’t stop those of us who are interested in non-violent politics from raising the question of whether there are other options besides violence. So again, a critical, important engagement. I mean, I certainly think it should be entered into the conversation on the Left. I similarly think boycotts and divestment procedures are, again, an essential component of any resistance movement.

Oder hier ein anderes Beispiel auf Deutsch ( siehe auch “Die Butler-Bibel” auf Nichtidentisches):

Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber, wie sie für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, daß sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und daß sie auch als Schleier wirkt, hinter dem und durch den weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann. Die Sprecherin fürchtete, daß die Zerstörung der Burka, so als sei diese ein Zeichen der Unterdrückung, der Rückständigkeit oder sogar des Widerstandes gegenüber der kulturellen Moderne selbst, zu einer erheblichen Dezimierung islamischer Kultur führen würde und zu einer Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.”

Ich schließe mich daher ganz Judith Butlers Kritik am CSD e.V. an: Ihr den Preis verleihen zu wollen zeugt tatsächlich von Ignoranz gegenüber den von ihr wiederholt, lautstark, informationsfrei und völlig kritikresistent unterstützten menschenfeindlichen Ideologien Rassismus, Misogynie und Antisemitismus. Demnächst freuen wir uns als Kommerzialisierungskritiker auch über die kostenlosen Judith-Butler-Editionen aus dem Hause Suhrkamp.

Siehe auch:

Felix Riedel 2005:  “Israel ist, was Judith Butler über Israel denkt, Das Gerücht fungiert als Diskurs.” In: Bahamas 48 (auf Anfrage bei der Bahamas-Redaktion als PDF erhältlich)

Postscriptum: Jan Feddersen kritisiert in vergleichbarer Meinung Butler in der Taz. “Karneval des linken Milieus”. 29.6.2010, S. 10.

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