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Archive for September 2011

Katholische Kosmetik

“Der durchschnittliche Gläubige ist heute schon so schlau wie früher bloß ein Kardinal” (Adorno/Horkheimer DdA: 185)

Joseph Ratzinger sprach in seiner Eigenschaft als vorgebliches Sprachrohr des christlichen Gottes auf Erden vor dem Bundestag und in einigen nicht zufällig der proletarischen Subkultur entliehenen Gebäuden. Da Deutschland kein säkularer Staat ist, gab es auch keinen Grund zur Beanstandung dessen. Auch die Mehrheit der europäischen Staaten sind Königtümer und/oder von religiösen Parteien dominiert, ein revolutionärer skandalisierender Sprech gegen dieses spezifische Ereignis kann getrost als Gelegenheitsaufmüpfigkeit gelten. Es stünde den Befürwortern der Säkularisierung frei, sich zu organisieren und diese voranzutreiben. So allerdings war die Gegnerschaft ins gesamte Ritual eingepasst: Millionen Religionsanhänger hatten nichts besseres zu tun als ihrem Anführer zuzujubeln, Tausende von Vulgäratheisten hatten nichts besseres zu tun als diesen das autoritär gefütterte Wohlfühlgrinsen madig zu machen. Da finden in Syrien und Jemen Massaker statt, aber man fährt massenhaft Ratzinger hinterher und betet für den Frieden anstatt ihn zu schaffen oder man demonstriert in Absehung dringlicher Ereignisse gegen diese infantile Veranstaltung, ohne sich philosophisch allzu sehr mit dem Phänomen des überholten Glaubens und seinen philosophischen Mucken auseinander zu setzen.

Ganz harmlos scheint Ratzinger über Vernunft und Naturrecht zu philosophieren und es klingt so passabel, wenn er den Positivismus schilt und keiner genau weiß, was er damit meint. In dieser philosophischen Bewegung aber wohnt der Geschichtsrevisionismus, auch und gerade wenn die Gegnerschaft von Christentum und Nazismus beschworen wird. Zwischen Skythen und Nazis besteht in Ratzingers Bundestags-Rede ebensowenig Unterschied wie zwischen frühen Christen und Widerstandskämpfern gegen das Naziregime, die ganz unterschiedliche ideologische Ansichten hatten. Insgeheim möchte man so den Widerstand christianisieren und etwas abhaben von dessen moralischer Integrität. Wenn tatsächlich die Verantwortung insbesondere der katholischen Kirche für über 1000 Jahre Pogrom und Massenvernichtung im Raum stehen könnte, wird von Ratzinger stattdessen das Judentum als eine von drei Quellen der Kultur Europas abgewatscht.

“An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.” 

Dieses Wunschkonzert, harmonisches Zusammenspiel einer nicht zufälligen Trinität, ist entschieden ignorant. Es fälscht das Gedächtnis und ist die “Amputation unserer Kultur”, der europäisch-christlichen Kultur. Es gibt keine “innere Identität” Europas, und schon gar keine die eine friedliche “Begegnung mit Jerusalem” wäre. Das Judentum selbst war bereits die Begegnung von griechischer Philosophie und einem über Epochen sich wandelnden Rechtsverständnis, das Vernunft in der historisch situierten rabbinischen Auslegung und damit der Diskussion forderte. Den Juden aber sei keine für Europa bedeutende philosophische Vernunft und kein spezifisch interessantes Rechtsdenken eigen – das ist die Aussage Ratzingers. Über das Christentum und seine “Begegnung mit Jerusalem” treffen Adorno/Horkheimer das trockene Urteil: “Bei den deutschen Christen blieb von der Religion der Liebe nichts übrig als der Antisemitismus.” (DdA 185) Und bei weitem nicht nur bei den deutschen.

In Wahrheit waren es jüdische Philosophen und Aktivisten, die Europa denkens- und lebenswert machten und die mitunter das (vorchristliche) frühdemokratische Rechtsdenken bewahrten und diskutierten. Maimonides arbeitete an einer aufklärerischen, gegen magische Praktiken gerichteten Medizin, argumentierte gegen die Astrologie und diskutierte die Integration der griechischen Philosophien durch das Judentum während wenige Jahre später Thomas von Aquin den Hexenglauben theologisch legitimierte und etablierte und in Paris der Talmud verbrannt wurde. Noch die christlichen Aufklärer waren antijüdisch. Der kulturelle Kern Mitteleuropas ist der Pogrom, mehr noch, der christliche. Die subtile Abwertung des Judentums und die Verdeckung des christlichen Antisemitismus gesellt sich formschön zu Ratzingers dritten Impuls, den in philosophische Floskeln gekleideten, sich als dialektisch ausgebenden Antiintellektualismus.

Es ist in den industrialisierten Gesellschaften kaum möglich, an die Wahrheit der Magie Jesus Christus und an die physische Realität eines Himmels oder einer Hölle zu glauben ohne einen (auto-)aggressiven Antiintellektualismus zu betreiben und Physik, Paläontologie oder Astronomie zu leugnen. Der Kreationismus ist nur die reinste Ausprägung dieses Antiintellektualismus und in den afrikanischen Staaten ist er das Weltbild derer, die nicht den imposanten Apparat der Aufklärung – Museen, Sammlungen, Zoos, Zeitschriften, Texte  – kennen und kaum eine andere Wahl haben. Das wird von der katholischen Kirche in diesen Regionen ausgebeutet und affirmiert, ebenso wie die mörderische Homophobie der auf Reproduktion vernagelten Gesellschaften. Solches Verhältnis zur Wissenschaft steht zur Diskussion, wenn es um einen “Schöpfergott” geht, das Naturrecht und seinen Ursprung in einem Schöpfergott zu diskutieren ist nur ein Ablenkungsmanöver. Die Kirche kann es mit der Vernunft und Modernisierung nicht so ernst meinen, wenn sie als spezifische weiter den konkreten Glaube an Unsinn anempfiehlt. Zu weit darf sie dabei nicht gehen, sollen doch die Kühlschränke und Automobile funktionieren auch wenn der liebe Herr Jesus wirklich übers Wasser wandelte. Nicht Rechtspositivismus und Vernunft sind aktuelle Konfliktpole der katholischen Kirche sondern Wahrheit und Massenselbstbetrug. An einen Gott und Magie lässt sich nur noch sehr abstrakt glauben, will man nicht gar so dumm dastehen, wie man sich gerade deshalb immer noch massenhaft dazustehen traut. Wird göttliche Magie abstrakt, so wird die spezifische Lehre, der Ritus und insbesondere der Papst überflüssig und das Ritual privatisiert – wie es die Esoterik nur konsequent umsetzt.

“Die Unverbindlichkeit des geistlichen Heilsversprechens, dieses jüdische und negative Moment in der christlichen Doktrin, durch das Magie und schließlich noch die Kirche relativiert ist, wird vom naiven Gläubigen im stillen fortgewiesen, ihm wird das Christentum, der Supranaturalismus, zum magischen Ritual, zur Naturreligion. Er glaubt nur, indem er seinen Glauben vergißt. er redet sich Wissen und Gewißheit ein wie Astrologen und Spiritisten. Das ist nicht notwendig das Schlechtere gegenüber der vergeistigten Theologie.” (DdA 188)

In all seinen Reden geht es Ratzinger demnach auch nicht um Glauben oder Wahrheit – dahingehend müsste er entweder der Esoterik oder der Wissenschaft ihr Recht zugestehen. Es geht um die einzig wahre Naturreligion des rassistoiden Europas, die Zugehörigkeit. Im Olympiastadion predigt er Zugehörigkeit zum Weinstock, dass man sich zu einem guten Wein machen solle und “sich selbst geben”. Das Ziel dieser Gabe ist das Wohlgefallen des Jesus Christus und Jesus Christus sind irgendwie die Menschen selbst – so betet sich tatsächlich Gesellschaft in der Religion selbst an wie es ausgerechnet der Positivist Durkheim ganz richtig vermutete ohne so recht etwas dagegen zu haben. (S. Adorno in Durkheim 1996: 20) Längst spielt es keine Rolle mehr, ob nun Jesus, Mohammed oder Moses das Meer mit dem Stab oder Brot mit den Händen oder die Juden mit dem Schwert zerteilte, solange man nur einen “kulturellen Kern” oder ein “Licht” vor sich her trägt und die Wahnvorstellung nicht alleine glauben muss. Am gleichen Orten glaubten in Berlin die einen auf Aufstieg und Abstieg der eigenen Mannschaft, die anderen an Auferstehung und Hölle, die dritten an Wahlsieg und Wahldesaster – solange man nur nicht alleine damit ist. Der philosophische Lidschatten, den Ratzinger der Kirche verpasst macht Gesellschaft gewiss nicht menschlicher. Er ist schlecht aufgetragene Kosmetik der kollektiven Regression wie die zur Schau getragene Empörung seiner Gegner.

Auf internationaler Ebene um Ersthaftigkeit bemüht war in den letzten Tagen allein Benjamin Netanjahu, dessen Rede vor den UN im Volltext im Interesse des Friedens weitaus dringlicher zur Lektüre empfohlen wäre als die Reden Ratzingers.

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Literatur:

Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. 1979 (1943).

Theodor W. Adorno in Durkheim, Emile: Soziologie und Philosophie. 1996 (1976).

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Ein Protagonist in “Mad Max beyond Thunderdome” besteht aus zwei Personen: Einem Muskelprotz, dem Blaster, der seinen Master, ein technisches Genie, auf den Schultern herumträgt. Beide sind ohne den jeweils anderen hilflos und zu Tod und Unterwerfung verdammt. Das hat eine unverhohlene Ironie: Dem archaisch gewordenen bürgerlichen Heldentypus, der Geist und Körperkraft vereint, tritt die modernere Form der Arbeitsteilung in dieser monströsen Gestalt gegenüber. Die perfide Spartenbildung der Kulturindustrie ist in diesem Sinnbild ebenso kritisch aufgehoben wie Hegels Weltgeist plötzlich ironische Gestalt erhält – nicht zuletzt im vorgedachten Untergang der Zivilisation in einem atomaren Desaster. Auch das Herr-Knecht-Verhältnis wandelt plötzlich leibhaftig zwischen Schweinemist und konfrontiert mit wahnsinnigen Gesellschaftsverträgen umher und scheitert grandios.

Die Legitimationsfigur einer Symbiose von Stärke und Intellekt ist älter noch als Hegel und zu attraktiv um nicht immer wieder auch als Kitt für die bürgerliche, postrassistische Gesellschaft herhalten zu müssen. “The Green Mile” ist einer der großen Filme der 1990-er. Hauptfigur ist ein naiver Schwarzer mit gewaltigen Körpermaßen, die zu allem Überdruss noch in ein typisches “Onkel-Tom”-Kostüm, Latzhose und  Unterhemd, gezwängt wurden. Diese an sich schon rassistische Karikatur eines Schwarzen wird dazu noch  mit magischen Kräften ausgestattet. Vor dem afrikanischen Voodoo fürchten sich die Weißen spätestens seit dem Sklavenaufstand in Haiti. In “The Green Mile” wird die magische Essenz als “göttliche Gabe” verbrämt, die natürlich nur in einem gänzlich harmlosen Charakter unbedrohlich existieren kann. Der intellektuell kastrierte Schwarze verfügt über Muskelkraft und Magie und: über moralische Reinheit. Das destruktive Potential seiner “Gabe” darf er gesellschaftlich legitimiert am Sadisten Wetmore auslassen. Und in gänzlicher Überzeichnung des für diese Zeit typischen rassistischen Stolzes auf die weiße Medientechnologie wünscht er sich vor seinem Tod auf dem Stuhl nichts sehnstlicher als einen Film im Kino zu sehen. Mehr oder weniger aus Verdrossenheit über den Menschen an sich lässt er sich dann freiwillig hinrichten.

Weniger dramatisch aber nach dem gleichen Muster ist “The Blind Side” von 2009 gestrickt. Die weiße schöne Modedesignerin, Republikanerin und zweifache Mutter Leigh Anne ist nicht nur Frau eines Fast-Food-Imbiss-Ketten-Besitzers sondern hat auch bei aller Stachligkeit ein gutes Herz. Sie nimmt einen riesigen schwarzen Jugendlichen bei sich auf, der nicht nur ein hervorragender Sportler ist sondern natürlich auch intellektuell zurückgeblieben. Wieder ist er moralisch unantastbar. Das Philanthropentum zahlt sich daher aus: der Junge entwickelt durch die gutmütige Anleitung von weißen wohlwollenden Frauen seine Kapazitäten, darunter seinen überragend getesteten “Beschützerinstinkt”, und wird unter Anleitung des kleinen Intelligenzbolzens SJ zum Leistungssportler, der sogar die Hochschule besteht. Als Negativbeispiele werden andere Schwarze aufgeführt, deren Potential nicht rechtzeitig von weißen reichen Republikanerinnen und ihren hyperintelligenten naseweisen Kindern entdeckt wurde und daher destruktiv werden muss. Aus ihnen werden Prostituierte oder tote Gangster, was natürlich überhaupt nichts im Entferntesten mit Arbeitsbedingungen oder Lohnverhältnissen in Fastfood-Restaurants oder Nähereien zu tun hat. Immerhin enthält dieser Film anders als “The Green Mile” selbstreflexive Momente, über den viehisch reinen Stil des Trainer-entdeckt-und-zähmt-widerspenstigen-Supersportler-Genres kommt er aber selten hinaus.

Das rassisierte Master-Blaster-Modell propagiert nicht nur traditionelle rassistische Stereotypen sondern auch einen ausgeprägten Antiintellektualismus. Das Geistige ist stets körperlich schwach, impotent, verkrüppelt oder zu klein. Mehr noch, es ist moralisch verdächtig und verdorben. Erst wenn es moralisch gereinigt wird, kann es die Symbiose mit dem starken Körper erfolgreich verwerten. Und in der Verwertung liegt letztlich die Botschaft der beiden letzten Filme. Nicht an die Versöhnung von Körper und Intellekt wird appelliert sondern an die effizientere Nutzbarmachung der Ressourcen durch einen moralisch integren Intellekt. John Coffeys Hinrichtung ist mehr eine Empörung über die Verschwendung von “Gottes Wundern” als ein Verweis auf das tägliche Unrecht der Todesstrafe eingeschrieben. Die Ghettogangster der amerikanischen Kleinstadt werden offen als vergeudete Ressource betrauert. Solche Filme sind kitschtriefendes Resultat des Nützlichkeitsdiktats, ein stilreines Ideologem kapitalistisch-protestantischer Gesellschaften, demgegenüber durchreflektierte Filme wie “Mad Max” unbestritten subversiven Gehalt erhalten.

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Blog wieder da

Mein Blog unter http://nichtidentisches.myblog.de war wochenlang verschwunden.

Endlich erhielt ich Antwort und zwar von help@myblog.de.

Das Weblog “nichtidentisches” auf myblog ist nun wieder lesbar. Leider findet sich im Kommentarbereich sehr viel Spam. Wer eine Rolex-Kaufberatung wünscht ist also auch zum Lesen alter Texte eingeladen.

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Mitleid, schreibt der Nietzscheaner Adorno, ist ungerecht: Es ist immer zu wenig. Würde man das Mitleid, das alle Menschen verdienten gerecht zuteilen, so fürchtete Nietzsche, dann würde man auf der Stelle verrückt werden und seines Geistes verlustig. Ebenso verhält es sich mit der Trauer. Sie ist ungerecht, weil nicht um alle Menschen gleichermaßen getrauert werden kann, die das vielleicht verdient hätten.

Auf diesen Universalismus berufen sich beleidigte Feulletonisten: Starben nicht mehr US-Soldaten in Irak und Afghanistan als bei 9/11, ganz zu schweigen von den Millionen anderen, die der Islamismus und diktatorische Regimes in den letzten zehn Jahren vor allem im eigenen Hoheitsgebiet ermordeten. Ist Trauer nicht obszön, wenn sie diese 3000 im World-Trade-Center betrauert, die anderen aber exkludiert.

Eine solche utilitaristische Trauerpraxis, wäre sie ernst gemeint, ist keine. Wer Trauer nach dem Tauschprinzip zurichtet, fügt sie in ein verwaltetes System ein, in dem zugeteilt wird, wem gebührt. Doch es geht den Beleidigten nicht einmal um Gerechtigkeit, die so häufig gegen die Freiheit ausgespielt wird. Wer so stänkert, neidet Individuen ihre intimsten Gefühle und zeigt sich eben unfähig zu trauern – unter der Berufung auf jene, deren vergessenes Leid von ihm zum Argument seiner Gefühlskälte instrumentalisiert wird.

Diese Äquidistanz kultiviert Judith Butler in ihrem Heftchen “Gefährdetes Leben”. Als in Pakistan der Journalist Daniel Pearl von Islamisten vor der Kamera geköpft wurde und diese Tat international Entsetzen auslöste, fragte sie empört und borniert: Wieso man gefälligst medial nicht in gleichem Maße um Palästinenser trauere, die von israelischen Soldaten getötet wurden. Sie fragt aber nicht jene Palästinenser, warum sie auf ihren Straßen Freudentänze aufführten oder zumindest duldeten, als die WTC-Türme einstürzten oder warum einige vor lauter gar nicht klammheimlicher Freude Bonbons an Kinder verteilten, nachdem Djihadisten in einer Siedlerwohnung einbrachen und nach den Eltern der dreimonatigen Hadas Vogel die Kehle durchschnitten weil sie jüdisch war.

Der Adressat von Butlers Kritik sind die USA und ihr Feindbild Israel – die ersteren hält sie demnach für veränderbar und kritisierbar, während sie Israelis zu Nazis erklärt und für die im Bann des Islamismus Wütenden nichts als Affirmation bereit hält. Den Trikont schließt sie vom propagierten Nutzen ihrer Kritik aus und erklärt ihn implizit für unfähig zur Veränderung – vielmehr soll er so anders bleiben, wie er ist, damit der Westen sich in seiner Toleranz diesem Dritten gegenüber gefallen kann.

Ihre Kritik führt in der Konsequenz nicht zu mehr Trauer sondern sie streicht diese durch und verfällt eben in jene Rolle, die der Gegenseite vorgeworfen wird: Menschenleben aufzurechnen nach der bloßen Kategorie des nach dem Tauschprinzip gleichgemachten Lebens. Verdunkelt wird die Qualität des Todes und des Verbrechens und vor allem: der moralischen und intellektuellen Nähe zu den Toten. Liebe, die alle meint, ist keine, lautet eine Kritik von Grunberger/Dessuant am Christentum. Sie streicht die qualitativen Bedingungen, weshalb man liebt, durch und entwertet den Gegenüber zu einer Projektionsfläche eines narzisstischen Spiegelkabinetts.

Die USA mögen ihre guten und schlechten Seiten haben – angegriffen wurden sie ausschließlich wegen ihrer guten, so Hannes Stein. Wenn sich Menschen mit den Opfern dieser Tat identifizieren, ist das nicht Ausdruck der verschleierten Zwecke der “Macht”, wie Butler in ihrem jüngsten Fließbandprodukt unterstellt. Es ist Ausdruck des Universalismus von 9/11. Dessen Trauer ist integrativ, sie meint die damals ermordeten Menschen ungeachtet ihrer Religion oder Hautfarbe oder Nationalität. Sie ist exklusiv, denn sie schließt aus, dass irgend etwas mit jener hasserfüllten Intransigenz des Islamismus geteilt werden kann. Und, im Gegensatz zur vorgeschützten internationalen Solidarität einer Judith Butler – sie ist in erstaunlichem Ausmaße ehrlich, auch wenn sie in Quizzshows mit den variierten und orchestrierten Titeln “”Wo waren sie am 9/11″ aufs Schlimmste ausgebeutet wird.

Die Dialektik von Trauer und Gerechtigkeit gegen beide auszuspielen ist bösartig und nicht philosophisch. Dialektische Kritik hat den menschlichen Impuls zu verteidigen, wo er überhaupt noch aufzutreten wagt, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.

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