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Archive for Oktober 2011

Der Sacharow-Preis der EU zeichnet 2011 posthum den Gemüsehändler Mohmaed Bouazizi aus. Der hatte, so die Darstellung, sich “als Zeichen des Protests gegen die tägliche Erniedrigung und Belästigung der Behörden” selbst in Brand gesetzt und starb an den Verbrennungen.

Mit einer solchen ohne jede Problematisierung vorgetragenen Auszeichnung lobpreist die EU suizidale Autoaggression als “Protest”. Das ist Verharmlosung. Mag in vielen islamischen Gesellschaften der Märtyrertod hoch gehandelt werden, so bedarf es doch einiger Reflexionsausfälle, um den Suizid eines jungen Mannes als “Protest” anzupreisen. Weil selbst den Verfassern nicht ganz so wohl dabei war, wurde daraus rasch noch ein “Zeichen des Protests”.

Autoaggression ist kein Mittel der freien Wahl sondern letzte Flucht. Das macht den EU-Preis so zynisch. Anstatt Menschen wie Bouazizi die Flucht und die Opposition im Exil zu ermöglichen, lässt man sie im Mittelmeer ertrinken – auf aktiven Mord wird vorerst noch verzichtet, auch wenn die faschistischen Parteien Europas dafür in den Startlöchern stehen. Bouazizi hat sich nicht nur verbrannt, weil er die Repression und Korruption nicht mehr ertragen konnte. Sondern auch, weil es für ihn keinen Weg ins nur wenige Kilometer entfernte Industrie-Paradis EU gab.

Die EU hat mit den arabischen Diktatoren zur Flüchtlingsabwehr über Jahrzehnte hinweg prächtig kooperiert. Nun zeichnet sie eines ihrer Opfer aus, weil es sich selbst getötet hat. Das sollte den demokratisch gesinnten Individuen in den arabischen Staaten eine deutliche Warnung sein. Wenn die infantilen Islamisten die bereits zementierte Frauensklaverei forcieren, was derzeit mehr als droht, wird die EU mit ihnen Verträge zur Einwanderungsabwehr abschließen, ihnen Öl abkaufen, Präzisionswaffen verkaufen und als Zeichen der liberalen Gesinnung dem einen oder anderen Opfer einen Orden posthum verleihen.

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Ein Paradebeispiel für ein großes grünes Unugunu liefert die taz.

Naturschutz: Boliviens Präsident Morales legt sein Veto gegen das Projekt ein. Die Route hätte Rodung gefördert, die zum Klimawandel beiträgt.

Weiter im Text heißt es noch einmal in einer chiastischen Drehung:

“Die Straße hätte zur Rodung von Urwald beigetragen, die den Klimawandel fördert”.

Anhand solcher untalentierter Stilblüten lässt sich belegen, welche Verheerung der alles aufsaugende Begriff “Klimawandel” anrichtet. Im Text verweist ein solcher Begriff auf eine Kastrationsdrohung, die das konformistische Einstimmen in den Applaus erzeugen will. Weil der Klimawandel dem allerletzten berliner Hinterwäldler ganz gewiss furchtbar schaden wird, darf ein Urwald in Bolivien nicht abgeholzt werden. Da nun der aufrechte Präsident Morales eingeschritten ist, sind die taz-Leser vor der großen Flut nochmal davongekommen und können weiter ihren täglichen Förder-Beitrag gegen die Förderung des Beitrags zum Klimawandels leisten.

In meiner Kindheit kaufte ich mit dem obligatorischen Micky-Maus-Heft von der örtlichen Tankstelle ein Regenwald-Zertifikat über 10 m² Regenwald. Damals kostete Heizöl ein paar Pfennige, die Autos rußten Grobstaub, in Heilbronn brannte eine Pershing 2 und E605 galt den Nachbarn als Wundermittel für die Rosenzucht. Viel hat sich geändert. Die Inflation bedingte wohl, dass heute beim Kauf eines ganzen Kastens Krombacher nur noch ein Quadratmeter Regenwald erhalten wird – bei einer Million Kästen ist das gerade mal ein Quadratkilometer, ein kleines Maisfeld also. Im somit zweifellos wertvolleren Disney-Heft wurde ich darüber aufgeklärt, wie schön der Urwald so ist, mit seinen Tukanen auf den Bäumen, den Leoparden im Wald, den bunten Fröschlein und den liebreizenden Blattschneiderameisen, die unter der netten Sonne zartes Grün sorgfältig ausschneiden und zu ihren putzigen Larven tragen. Je mehr ich dann darüber las, lernte ich den ästhetischen Wert einer solchen Landschaft schätzen, an der man Jahrmillionen alte Artenbildungsprozesse und allem voran die Mimesis bestaunen konnte. Ästhetik blieb mir bis heute der beste Grund, Natur libidinös zu besetzen und tiefe Verachtung reservierte ich für jene antiintellektuellen, verrohten Barbaren, denen eine Minute Wegersparnis durch einen schwäbischen Autobahnzubringer mehr wert war als ein in Jahrtausenden gewachsenes Habitat einer zweigestreiften Quelljungfer oder eines Hochmoorbläulings. Eine Art auszurotten ist im Regenwald um so leichter, wo sich Arten auf Minimalareale angepasst haben und gerade dadurch eine unvergleichliche Formenvielfalt erreichen. Einen Tropenwald zu fällen war und ist für mich ein noch weitaus größeres Banausentum als Gemälde des hochgeschätzten Renoir oder von Schiele öffentlich zu zerstören. Letztere sind im Vergleich dazu weitgehend bedeutungslose, reproduzierbare Dinge – “abgedungene Untaten“, wie ein zitierfähiger Philosoph verlautbarte.

Das erotische, intime Verhältnis zu Natur wird durch das kastrierende Gespenst “Klimawandel” durchgestrichen. Wo keine Erinnerung an das Schöne des Regenwaldes zugelassen wird, hat man dieses Schöne selbst auf die Abschussliste gesetzt: FÜR den Klimawandel könnte so ein tumber Wald jederzeit gerodet werden. Und das ist leider die Praxis der aktuellen Biosprit-Barbarei, die sich von der Verwertung von Waltran und Pinguinfett für Lampenöl nicht allzuweit entfernt aufhält.

Schlimmer ist wahrscheinlich noch die intrapsychische Auswirkung: Mit der Natur wird einzig noch die Drohung assoziiert, ihre Zerstörung aus Angst vor ihrer Rache tabuiert. Leicht richtet sich die so erzeugte Aggression gegen Natur selbst, spätestens dann, wenn die simplen Lehrsätze von den drastischen Folgen einer Baumfällung am Amazonas sich blamieren und der Bauer hierzulande wie vor 50 Jahren auch seine Felder ganz rentabel mit dem leuchtstiftgelben Raps bemalen kann. Der inhaltsleeren Vernichtung des Formenreichtums unterm Diktat des expansionistischen Kapitals folgt die inhaltsleere Bewahrung im Namen des Klimawandels. Im steten Verweis auf den eigenen Schaden durch das globalgalaktische Verhängnis wird die narzisstische Abdichtung gegen das Andere perfektioniert – die Lust am Erleben des Anderen, das die ästhetische Erfahrung von Natur bietet und fördert stirbt ab.

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Welcome home!

Und wie viel schöner wäre dieser Tag, wenn alle pazifistischen, nichtantisemitischen Antisemiten mal einen Tag Pause machen würden, anstatt ihr aus intellektuellen und emotionalen Erfrierungen herauseiterndes Ressentiment und ihren blassen Neid auf die Liebesfähigkeit dieser israelischen Gesellschaft in sämtliche Online-Zeitungen zu schütten.

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Entweder Ästhetik Broder Klimaschutz

Im Wort “Schutz” knallt onomatopoietisch ein Schuss mit. Die Nazis hatten daran ihren Anteil: Schutzstaffel, Heimatschutz, Schutz der arischen Rasse – der Schutz ist assoziativ nicht von der Androhung des Gegenteils zu trennen. Wo das “be-schützen” noch an etwas heimeliges, an eine gütige elterliche Hand erinnert, die von oben für das Hilflose eingreift und diesem Ruhe verschafft riecht das “schützen” nach Aggressionen, nach Schützenfest und feudalem Patrouillengang, nach penetranter verfolgender Präsenz. Im verbenreichen Englisch nuanciert sich das Wort: safeguard, shield, protect, shelter, forfend – keiner der Ausdrücke atemt so kurz wie der Deutsche. Zu Recht vermutet man, dass dort, wo geschützt wird, auch geschossen wird, dass dementsprechend Gedanken nicht viel Zeit und Luft eingeräumt wird, wenn “Klimakiller” an die Türe klopfen.

Dieses Unbehagen gegen die autoritären Komponenten der Schützerei hat Henryk M. Broder und sein publizistisches Netzwerk “Achse des Guten” von je her veranlasst, dem “Klimaschutz” mit äußerstem Unbehagen entgegen zu sehen und in ihm ein totalitäres Unterfangen zu erspüren. In der jüngsten Ausgabe von Broders “Deutschland-Safari” wird Umweltministern, grünen Politikern und Kindern abgelauscht, was sie sich unter der “großen Transformation”, dem Klimaschutz vorstellen. Insinuiert wird dabei von Broder die “Ökodiktatur”, in der selbst Kinder den Müll ihrer Eltern durchschnüffeln und ihnen vorschreiben, was und mit welchen Verkehrsmitteln sie einzukaufen haben. Broders Gespür für die naive Hilflosigkeit der sich rundum gut Glaubenden lockt diesen das autoritäre Vokabular tonnenweise aus dem Munde. Im Rausch dieser vorauseilenden Selbstdenunziation schlägt Broders Polemik um in Relativierung. Eine Fensterkontrolle in Klassenräumen oder eine Solarstromvergütung ist weder qualitativ noch quantitativ vergleichbar mit der Zensur der Stasi oder den Massakern eines Assad – solches nahezulegen ist Verharmlosung, die in der “Deutschland-Safari” zwar ohnehin ästhetisches und legitimes Mittel der Satire ist, aber in dieser Folge doch mit einigem Ernst vertreten wird.

Das trifft sich mit den Publikationen der AchGut-Autoren Miersch, Maxeiner und anderer, in denen viel vermeintlich liberales Febreze gegen den autoritären Stallgeruch der Nationalökologie versprüht wird. Wissenschaftlichkeit ist auf beiden Seiten kein Thema. Der Nationalökologie einer Merkel ist die Verzweiflung über ihre komplette Unfähigkeit auch nur annähernd etwas vom Thema zu verstehen anzumerken. Das trifft auch die interviewten Grünen Roth und Künast, die vor Ahnungslosigkeit über das von ihnen eingeforderte triefen und auf Broders nicht besonders talentiertes Gestichel nur hilflos reagieren. Da wird dann getüncht mit grünen Phrasen.

Tatsächlich haben weder die Grünen und erst recht nicht Merkel den Rückgang des Artenschwundes nennenswert gebremst. Statt auf Offensichtlichkeiten wie Flächenverbrauch, Agrarsubventionen und Biosprit zu verweisen wird dann gern unterstellt, der globale Klimawandel lasse eben bestimmte Arten aussterben – was eher selten wirklich nachweisbar ist. In Afrika führt man jüngste Dürren auf den Klimawandel zurück – wer vor Ort ist, weiß, wie viele Wälder in den letzten Jahren dort in Holzkohle und Buschfeuern aufgingen. Und Biosprit, ein gemeinsames Projekt von Grünen, konservativen Bauern und der vor dem Ölpreis fliehenden Wirtschaft führte ganz nachweisbar und konkret zu einer beispiellosen und in belegten Fällen mörderischen Abholzung von Regenwald.

Von dem, was Broder mit Ökodiktatur meint, ist das alles doppelt entfernt: Weder gibt es die autoritäre Komponente in einer diktatorischen Qualität (auch die Solarverordnung in Marburg kann wie jedes andere Baurecht durch eine gewählte andere Regierung abgeschafft werden) – noch ist die autoritäre Komponente ernsthaft mit Wissen um Ökologie oder Interesse daran ausgestattet. Die kultivierte burschikose Oberflächlichkeit der liebenswerten Sendung erreichte dann in der zweiten Folge vom 10.10. unterirdische Qualitäten – da wird über bislang 10 Milliarden Subventionen für die Solarindustrie gewettert, als würde sich die Asse kostenlos sanieren und als würde ein durchschnittlicher AKW-Rückbau nicht mehrere Milliarden kosten. Von Steinkohlesubventionen oder Agrarsubventionen ganz zu schweigen. Broder demaskiert hier nicht die unsichtbare, autoritäre Hand der Politik hinter dem Markt sondern seinen selektiven Agress auf das Neue, Unbekannte, Fremde der Solarenergie. Was ihm zur gesellschaftlichen Natur geworden ist, darf um keinen Preis verändert werden.

Der ersten Natur ganz verfallen bricht Maxeiner das Weltklima auf ein Billardspiel herunter. Weil man das alles ja gar nicht simulieren könne, so das antiintellektualistische Argument, sei es ja auch komplette Hybris, überhaupt irgend etwas ändern zu wollen. Es ist halt alles so kompliziert. Maxeiners von Broder affirmierte Regression erklärt das Klima zu einem Gott, gegen den keine Wissenschaft gewachsen sei, während die anderen diesem Gott Altäre aus Palmöl und Hybridautos bauen. Die Platitüde ist beiden Seiten Programm. Das trifft auch Broders undialektischen Begriff von Aufklärung. Gegen die Klimaschule stänkert er: “Am Ende ist es doch Umerziehung.” Bei ihm gibt es stattdessen aufklärerische Blitzbesuche bei Maxeiner and friends.

Die Verwendung von Seife musste mühsam erklärt und beworben werden – bis heute. Broder denkt nicht an Medizindiktatur, wenn in Krankenhäusern oder Restaurants kontrolliert wird, ob die Mitarbeiter sich regelmäßig die Hände waschen. Dass man stets an die Konsequenzen seines Verhaltens denken müsse – sei ihm schlicht “zu unbequem”. Kritikabel an der blaßgrünen Welle ist aber gerade, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns nicht bedenkt. Weder auf gesellschaftlich-philosophischer Ebene, wo tatsächlich mitunter die Freiheit des Individuums für das vermeintlich korrekt berechnete Kollektivinteresse schnurstracks eisekalt gemacht wird. Noch auf der ökologischen Ebene, auf der Energiesparlampen statt Glühbirnen verordnet wurden, weil man die tatsächliche Alternative LED nicht zahlbar machen kann und will. Andere Beispiele wären die Ausgleichsmaßnahmen, die es ermöglichen, zerstörte Feuchtwiesen durch ein paar Obstbäume oder teure “Flußrenaturierungsmaßnahmen” zu ersetzen. Anstatt einfach ein paar formschöne Betonklötze entsprechend im Flußbett zu platzieren und dadurch die Gewässerdynamik zu befördern, werden komplette Mäander gebaggert, die eine Umgehungsstraße an anderer Stelle zerstörte – natürlich nur, wenn es jemand gemerkt und tatsächlich erfolgreich eingeklagt hat. Teiche werden auch gleich mit Bäumen teuer bepflanzt, damit es nicht so hässlich nach Ruderalstandort aussieht – der aber für die bedrohtesten Arten essentiell ist. Im Osten zieren frisch gepflanzte Alleen zahlreiche Straßen – effektiver und billiger wäre es, den Randstreifen still zu legen und wachsen zu lassen, was halt kommt. Dieser satirisch durchaus auszubeutenden Diversität von Fehlleistungen und grob fahrlässigem Unfug stellt sich Broder nicht – das hieße, tatsächliche Wissenschaftlern etwas länger reden zu lassen als die nicht ganz stichhaltigen Drei-Sekunden-Mahnungen vor dem Elektroauto.

Dass die derzeitige Form der ökologischen “Aufklärung” autoritär und mitunter totalitär ist, rechtfertigt nicht die Regression in die Halbwahrheit und in Gegen-Propaganda. Wenn Broder etwa das Biosprit-Problem skandalisiert, so ist eine gewisse instrumentelle Haltung zu diesem Thema zu erkennen, aber kein Interesse – anhand des Problems soll denunziert werden, was erst als Totalität entworfen werden muss: Die globale Klimaschutzbewegung im Verein mit autoritären Staaten respektive Deutschlands. Es gibt eine andere Möglichkeit, die Broder aber schlichtweg zu mühselig ist: Die Arbeit am Objekt, die zähe Ausdifferenzierung von rationalen, irrationalen, ideologischen, dialektischen, biologischen und gesellschaftlichen Facetten des Mensch-Natur-Problems – in Absehung von der Verrichtung der identitären Notdurft.

Der Kritiker des Spiritismus und des Empirismus Friedrich Engels verfügte tatsächlich über Kenntnisse der Naturwissenschaften, die jene Ignoranz Broders gegenüber einer wissenschaftlich-philosophischen Zerlegung von Spinnereien zumindest als sehr armselig erscheinen lässt. Vielleicht liegt das an den Verkürzungen, die der kulturindustrielle Betrieb, in dem Broder agiert, mit sich bringt. Vielleicht auch an seinen Assistenten Maxeiner und Miersch, die beide nicht besonders Wert auf wissenschaftliche Details oder Dialektik legen, weil es tatsächlich so vielen sehr bequem zu widerlegenden ideologischen Unfug in der Ökologiebewegung gibt.

Und auch bösartiges bleibt: Der sich gegen die Instrumentalisierung von Kindern aussprechende Broder ist in der Denunziation der autoritären Kinder autoritär – er erkennt die Realangst vor der Krisenhaftigkeit eines auf Expansion verpflichteten Systems nicht an und spricht implizit den Kindern ihr rationales, wenngleich häufig eingeflüstertes und in verkitschte Formen gepresstes Interesse ab. Es gibt eine Klassenfensterkontrolle. So what? Andere Kinder erpressen das Pausengeld oder müssen in der Schule mit I-Pads oder den Geschichtsfälschungen von Cornelsen, Westermann und Klett arbeiten oder Gruppenarbeit machen, obwohl sie lieber in der Nase bohren würden.

Für die Erhaltung der Artenvielfalt spricht nicht ihr ökonomischer Wert, der je nach Art sehr diskutabel ist, auch nicht die Möglichkeit zur Durchherrschung von Natur, sondern der Grund, warum man dazu fähig ist – die menschliche Intelligenz und der technologische Fortschritt. Moderne Industriegesellschaften könnten wie vor noch gar nicht langer Zeit praktiziert Wale fangen und zu Biosprit verarbeiten – sie sind aber nicht darauf angewiesen und haben eine Wahl, auch wenn die manchmal eine zwischen Bequemlichkeit und Fortschritt ist. Letztlich ist die Frage des Artenschutzes auch eine ästhetische. Oldtimer, Picasso, Wiedehopf sind alle letzlich nur ihrer subjektiv bewerteten Schönheit wegen liebenswert. Nur einer davon lässt sich nicht nachbauen.

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Die historischen Fakten: Jerusalem blieb 1947 vom Völkerbund als neutrales Gebiet unter internationalem Schutz aus den Staatsgebieten der künftigen Staaten Palästina und Israel ausgespart. In der Folge des Angriffs der arabischen Guerillas und Staaten auf Israel 1948 wurde Ostjerusalem von Jordanien erobert. Die jüdischen Bewohner des jüdischen Viertels wurden vertrieben, 58 Synagogen und zahllose Wohnhäuser zerstört. Erst als Jordanien 1967 Israel attackierte und das UN-Hauptquartier eroberte, entschloß sich Israels Regierung, Ostjerusalem ohne schwere Waffen zu erobern, um die Denkmäler zu schützen – was zu hohen Verlusten führte. Seitdem sich Ostjerusalem unter israelischer Hoheit befindet, können alle religiösen Stätten von ihren Anhängern besucht werden, das jüdische Viertel wurde renoviert und wiederbelebt.

Gilo wiederum ist ein Stadtteil im Süden Jerusalems, Wohnstätte von 30-40.000 religiösen und nicht-religiösen Juden. Gilo wurde größtenteils auf Land gebaut, das vor 1948 von Juden gekauft wurde. Wie es dort aussieht, hat “Spirit of Entebbe” in “Schöner wohnen in Gilo” beschrieben. Seit 1971 bietet Gilo vor allem Neuankömmlingen aus aller Welt ein erstes Quartier. Dennoch gelten Ostjerusalem und Gilo der deutschen Presse und der UN als “illegale Siedlungen”.

Der so gefärbte Weltgeist trägt bisweilen auch den Namen Micha Brumlik und in der taz verbietet er den Israelis in Gilo 1100 neue Wohnungen bauen. Exorbitante Mieten, heftige soziale Proteste, ein solides Bevölkerungswachstum und ein extrem kleines Staatsgebiet sind für Brumliks Reduktionismus ganz nichtige Argumente – für ihn ist der Wohnungsbau allein Beweis dafür, dass die Regierung Netanjahu “keinen Frieden” wolle – da kann sie noch so oft und argumentativ auf weitaus höherem Niveau als dieser deutsche Universitätsprofessor das Gegenteil beteuern.

Brumlik Fantasie zufolge wolle die Regierung Netanjahu “alles aussitzen” und “irreversible Fakten schaffen”. Was für Fakten aus welchem Grund irreversibel sein sollen, erfährt man nicht. Sinai wurde zurückgegeben, Siedler von dort wie auch aus Gaza zurückgeholt und über den Golan wird mitunter tatsächlich diskutiert, obwohl dieser aus Israel nicht mehr wegzudenken ist. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass Israel niemals Ostjerusalem und Gilo aufgeben und schon gar nicht einem ihm feindlich gesinnten Staat überlassen wird.

Ungeachtet des internationalen Theaters um Gilo herrscht derzeit in weiten Teilen des Westjordanlandes Frieden und ein Wirtschaftsboom im Gefolge der stillen und täglichen Kooperation mit Israel. Palästinenser arbeiten auf den Baustellen der jüdischen Städte im Westjordanland und jüdische Ärzte versorgen palästinensische Kinder in israelischen Krankenhäusern. Sogar in Gaza gehen täglich Tausende zur Arbeit nach Israel. Der stille Friedensprozess ist im vollen Gange, auch wenn Hamas und Konsorten das ihrige dazu beitragen, ihn zu stören. Israel mag dabei nicht immer wie eine perfekte Demokratie reagieren, stellenweise auch Landnahme begünstigen oder mehr oder minder systematisch Rechtsbeugung betreiben, aber das reiht es ein unter die fortschrittlichsten Demokratien – womit nicht Ungarn oder Italien gemeint sind.

Brumlik reicht das nicht, er will andere Kaliber:

“Hätte man aber in den Nachfolgebürgerkriegen des zerfallenden Jugoslawien immer wieder beteuert, dass nur direkte Gespräche zwischen Serben, Kroaten, Bosniern und Kosovaren Frieden bringen könnten – der Krieg dauerte noch heute an. Tatsächlich war es ein unterschiedlich instrumentiertes Diktat auswärtiger Mächte mit ihren je eigenen Interessen, das die Waffen zum Schweigen brachte.”

Wie in den Jugoslawien-Kriegen, wo ethnische Säuberungen, Massaker und Massenvergewaltigungen tobten, müssten also ausländische Mächte in Israel “die Waffen zum Schweigen” bringen. Wer hier keinen Frieden will, ist offensichtlich. NATO-Luftangriffe auf ein weitgehend friedliches Jerusalem, um der palästinensischen UCK einen Staat ohne Roma, Serben und Juden herbei zu bomben? Was für ein Vergleich – und Brumlik beharrt wiederholt darauf.

Brumlik traut sich keck, den außenpolitischen Experten der BRD Unbildung vorzuwerfen und sieht dabei den Baumstamm im eigenen Auge nicht. Man müsse wissen, so erklärt er allen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten, dass Netanjahu einem “politischen Milieu” entstamme, das ein Großisrael auf beiden Seiten des Jordans wolle. Auch würden “40 % der einst hochprofessionellen israelischen Armee” “im Zweifelsfall eher ihren Rabbinern gehorchen als der politischen Führung”. Und dann unterbietet Brumlik sogar sein bislang tiefstes bekanntes Niveau: Dieser Teil der Armee, so sei unbedingt zur Kenntnis zu nehmen “mutiert” “im Zweifelsfall” “zu einer ‘Pasdaran‘-Armee” “wie sie im Iran existiert”. Zur Erinnerung: Die Pasdaran sind die “Iranische Revolutionsgarde”, professionelle Massenmörder, Henker, Folterknechte und Berufsvergewaltiger, ein mafiöses Terrornetzwerk mit globalen Dimensionen, das in Libanon, Syrien und Gaza mitmischt.

Angesichts einer solchen, diesmal von jüdischen Seelsorgern kommandierten Bedrohung hat Brumlik heftig getüftelt und sich eine Lösung ausgedacht: Vor “harte Alternativen” sollten “die Europäer” die “Israelis und Palästinensern” stellen. Nun wird auf einmal nicht mehr der NATO-Jet berufen, sondern die überaus harte ökonomische Waffe: Das “Assoziierungsabkommen mit der EU” stellt sich Brumlik als geeignetes Druckmittel vor. Derselbe Professor, der soeben festgestellt hat, dass auf Seiten der “jüdischen Pasdaran” keinerlei Kompromissbereitschaft bestehe, wenn es um biblisches Land gehe unterstellt ihnen nun, ausgerechnet um den Verkauf von begehrter Hochtechnologie und erstklassigem Gemüse in die EU zu zittern. Die Palästinenser sollen unter derselben ökonomischen Drohung – der Streichung von Finanzhilfen – nicht zum Frieden gezwungen werden, das wäre ja unfair, aber immerhin zum “Verzicht” auf das “Rückkehrrecht”. Als ganz raffiniertes Zuckerle stellt Brumlik dann beiden den EU-Beitritt in Aussicht – als wäre die EU derzeit ein Verein, dem man beitreten wollte. Mehr noch, man könne sich dann final auch an einer “würdigen Präsentation des Krieges von 1948″ beteiligen, “während dessen tatsächlich etwa 700 000 Palästinenser vertrieben wurden.”

Welche würdige Präsentation hätte Brumlik dann abschließend gerne? Antisemiten, Nationalisten, zu den Arabern geflohene Nazi-Größen und arabische Freischärler greifen von den Aufenthalten in KZ und Flüchtlingslagern noch ausgemergelte, weitgehend unbewaffnete Juden an und verlieren? Das wäre wahr aber kaum “würdig” im Sinne palästinensischen Geschichtsbewusstseins. Ebenfalls wenig würdevoll wäre der historisch korrekte Verweis darauf, dass die absolute Minderheit der Flüchtlinge aktiv von israelischen Akteuren vertrieben wurde, dass hingegen ein Teil auch von den arabischen Armeen aus strategischen und ideologischen Gründen vertrieben wurde und der weitaus größte Teil das Land in der Hoffnung verließ, bald in ein von Juden gereinigtes Land zurückkehren zu können. Diesem komplexen Prozess kann sicherlich überall “in aller Würde gedacht” werden – außer in Palästina. Was Brumlik allerdings androht, ist die Verkehrung eines solchen “Gedenkens” in jene morbide Geschichtsklitterung, die er selbst seiner armseligen Konfliktanalyse angedeihen lässt.

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Quelle: Brumlik, Micha 2011: “Gott hat es versprochen. Vom Mantra zum Dogma – direkte Gespräche in Nahost.” In: Die Tageszeitung vom 4.10.2011.

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Freud wies auf die Fehlleistung als tiefenpsychologisches Phänomen hin. Im Wortspiel wird die Brücke geschlagen zwischen Witz und Versprecher. Die Lust am Wortspiel geht selten aus einem gesteigerten Bewusstsein über das Intendierte hervor sondern verbirgt es nur weiter vor dem Bewusstsein. Ein regelrechter Zwang zum Wortspiel muss die taz-Titelredaktion zu folgender Schlagzeile getrieben haben: “Namibier verweigern Herero-Küsschen.” Der Untertitel präsentiert den Kontext: “Kolonialkrieg. Eklat bei Herero-Schädelübergabe in der Berliner Charité: Staatsministerin Pieper von empörter namibischer Delegation ausgebuht”. (taz Nr. 9631, 1.10.2011) In einem “Fazit am Abend” des Deutschlandradio wurde die Schlagzeile gar zur “Überschrift der Woche” gekürt.

Was hat die Verantwortlichen zum Wortspiel getrieben? Die Assoziationskette brach möglicherweise schon beim “Ferrero-Küsschen” ab. Treibt man sie aber konsequent weiter, kommt man zum “Negerkuß” und von da zum “Mohrenkopf”. Der “Mohrenkopf” wiederum schließt die Kette im Verweis auf die Totenschädel. Da wirkt eine Menge rassistischer Ballast mit, eine gehörige Portion Zynismus, aber auch der sexuelle Wunsch der Einverleibung des Anderen. Dass “die Namibier” das “Küsschen” “verweigern” ist eine Umdrehung der Situation: Die Bundesregierung verweigert den Herero und Nama die Anerkennung als Opfer eines kaltblütig geplanten Massenmordes, eines Genozids. Die Namibier verweigerten sich als Reaktion darauf der Einverleibung als Ritualobjekte deutscher Wohlfühl-Politik und treten als Subjekte auf. Sie sind keine Mohrenköpfe, die Negerküsse im Tausch gegen Totenschädel vergeben, sondern Unzufriedene, die gekommen sind um sich zu beschweren und ihr geraubtes Eigentum abzuholen. So viel Aggression irritiert offenbar – trotz und vielleicht wegen der kritischen Berichterstattung im weiteren Text – auch die Wahrnehmung der taz von Schwarzen als Objekte so empfindlich, dass man sie und die ganze groteske Situation in einem Wortwitz verkleinern und entwerten muss: zur entzogenen Süßigkeit. Nur mit viel Mühe ließe sich diese Infantilisierung kritisch wenden gegen den Auftritt von Pieper als beleidigtes Rumpelstielzchen, gegen die völlig unreife Haltung der Bundesregierung in dieser Frage. Die inhärente Immunisierung gegenüber den rassistischen Überfrachtungen bliebe dann dennoch bestehen.

mit dank an n.

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