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Putsch und Terror

Geschichte wiederholt sich nicht und schon gar nicht als Farce. Diese Erkenntnis stammt aus dem “18. Brumaire des Louis Bonaparte” von Karl Marx – auch wenn sein einführender ironischer Spottvers auf Hegel stets noch als Standpunkt zitiert wird. Möchtegerngeschichtsphilosophen behaupten dann, Marx hätte ernsthaft die Wiederholung der Geschichte gepredigt – und sei es als Farce. Was sich Marx zufolge wiederholt ist die Unfähigkeit von Revolutionären, das spezifische Neue ihrer Situation zu erfassen und wirklich revolutionär zu werden – stattdessen, so Marx, befleißigen sie sich mit “weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen”, berufen sich auf tote Vorbilder und veraltete Rezepte und bereiten so ihr eigenes Zurückfallen hinter das Neue, Besondere vor. Was sich ebenfalls wiederholt, so die spätere Erkenntnis Freuds, ist der Wiederholungszwang der Menschen, der ihre Unfähigkeit, Geschichte aus freien Stücken zu gestalten erklärt.

Nun unterstützen in Ägypten bürgerliche Revolutionäre den Militärputsch und kein Widerstand regt sich, wenn Muslimbrüder zusammengeschossen werden. Für die westlichen Leit-Ideologen und ihre Medien ist das eine enervierende Situation, mit der sie nicht zurecht kommen. Sie kokettieren daher auch mit der Angstlust vor der Wiederkehr des Regimes Mubarak und vor einem Bürgerkrieg wie in Syrien, von dem man allerdings auch schon wusste, dass er “wie Vietnam” oder eben alle anderen Bürgerkriege so sei.

Einige wenige Demokraten haben zu Beginn des sogenannten arabischen Frühlings die Revolten und Revolutionen verteidigt gegen die konservativen Elegien, dass man nicht wissen könne, was danach komme und daher besser mit einer Militärdiktatur am Gängelband fahre als mit unberechenbaren Volksmassen. An der Verteidigung der Revolten ist festzuhalten: Der Islamismus war ein Produkt der Diktaturen, keine von ihnen hat ihn wirksam bekämpft, alle boten ihm und dem staatsdoktrinären Antisemitismus Brutbetten. Die Revolten wurden initiiert von bürgerlich-demokratischen Elementen und erst später von Islamisten gekapert. Der Islamismus ist immer noch ein Produkt der Diktaturen – in Qatar, Saudi-Arabien, Iran, um nur die drei mächtigsten zu nennen – wenngleich zweien davon die Muslimbruderschaften noch zu demokratisch sind. Ohne das Versprechen auf eine antisemitische Diktatur, auf das Kalifat ohne Juden, wäre der Islamismus kein Islamismus, sondern nur eine Art islamisches Pendant zur Christdemokratie.

Die Darstellung des Putsches als undemokratisch und als Wiederkehr der Militärdiktatur war für westliche Medien zu verführerisch. Aus den Muslimbrüdern wurden Revolutionäre und Demokraten, aus den Militärs Diktatoren, bevor sie überhaupt als solche sich erweisen konnten. Das spezifische Neue an der Situation wurde zensiert zugunsten der bewährten und erprobten Erfolgsstory. Wer sich mit der Weltgeschichte des Putsches auseinandergesetzt hat, hätte da schon widersprochen: Putsche waren und sind in der Peripherie, insbesondere in Südamerika, mal bürgerlich, mal faschistisch gewesen – als Form lassen sie sich kaum reduzieren auf die faschistische Militärdiktatur. In Ägypten war der Putsch eindeutig von demokratischen Argumenten und Mehrheiten getragen. Dieselbe Tamarod-Bewegung, die der Armee die Legitimation für den Putsch verlieh, sammelt aber jetzt Unterschriften für den Krieg gegen Israel – weil durch den Friedensvertrag und US-Militärhilfen angeblich der Krieg gegen Djihadisten auf dem Sinai verhindert würde.

Wie auch immer man zum Putsch und Tamarod steht: Jeder mit Sachverstand konnte beobachten, wie Mursi und seine Muslimbruderschaft während ihrer Herrschaft in Riesenschritten auf ihr Ziel hineilten: Den Scharia-Staat. Das Weblog Thinktankboy fasst das in seiner exzellenten Kritik zusammen:

Mursi ließ kurz nach der Wahl neben der exekutiven auch die gesamte legislative Macht vom Militärrat auf sich selbst übertragen. Ende 2012 setzte er die Judikative außer Kraft und ermächtige sich selbst, jedes Gerichtsurteil blockieren zu dürfen und gleichzeitig verbot er den Richtern, die von ihm erlassenen Dekrete anzufechten. Die von den Muslimbrüder verabschiedete schariakonforme Verfassungsreform machte Frauen und Menschen nicht islamischer Religionen zu Menschen zweiter Klasse. Nach der reformierten Verfassung dürften beispielsweise Kopten kein Alkohol trinken, waren Frauen nur halb so viel wert wie Männer und galten die wenigen Schiiten Ägyptens als vom Glauben Abgefallene, die den Tod verdienten. Im März 2013 legten die Muslimbrüder Einspruch gegen eine UN-Resolution ein, in der Gewalt gegen Frauen verurteilt wird, denn laut Muslimbrüder müsse die Möglichkeit einer Ehefrau, zu verreisen, zu arbeiten oder ein Verhütungsmittel anzuwenden von der Zustimmung des Ehemannes abhängig sein und Töchter hatten laut der ägyptischen Verfassung nicht dieselben Erbrechte wie Söhne. In der mittlerweile außer Kraft gesetzten Mursi-Verfassung wurde „auch die  “Beleidigung” oder der “Missbrauch” aller “religiöser Botschaften und Propheten“ unter Strafe gestellt, wobei allerdings beispielsweise ein Atheist bereits zuvor wegen kritischer Stellungnahmen über den Islam und das Christentum zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte.

Der Terror auf dem Sinai eskalierte, ebenso die Angriffe auf Kopten und Frauen. Man darf hier keinem Trugschluss aufsitzen: Wenn ägyptische Militärs sagen, dass sie getan hätten, was Deutschland 1933 hätte tun sollen, ist das keine demagogische Polemik, sondern wahr. Nicht, weil Geschichte sich wiederholt, sondern weil die Muslimbruderschaft eine nationalsozialistische Organisation ist. Sie pflegt den gleichen eliminatorischen Antisemitismus, die gleiche maximalistische Weltherrschaftsmanie, den Todeskult, den der Ableger Hamas hinreichend popularisierte, vom Hass auf Frauen und Sexualität ganz zu schweigen. Sie selbst hatte die Chance, sich zu reformieren und als das zu erweisen, was ihr eigenes Selbstbild ist: Eine demokratische religiös-konservative Bewegung, die man als Demokrat gerade noch tolerieren kann. Alle ihre Aktionen liefen aber auf einen faschistischen Gottesstaat am Nil hinaus.

Wenn nun die Muslimbrüder demonstriert haben, so gewiss nicht für Demokratie und Freiheit, sondern für ihren Führer Mursi, für das religiöse Gefängnis, für einen islamischen Faschismus. Ihre Demonstrationen waren von Gewalt auf Exekutive und Minderheiten begleitet. (1, 2, 3) Über die Art und Weise ihrer vorläufigen Zerschlagung braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben: nicht nur erwartbare Unprofessionalität sondern ganz professionelle Polizeigewalt und Sadismus waren beobachtbar.(4) Die Muslimbruderschaften aber haben das Blut eingeplant, sie wollten Opfer und haben in Sachen djihadistische Medienmanipulation langjährige Erfahrung  – Pallywood lässt grüßen. Ihre Demonstrationen prägte jene bewährte Mischung aus Provokation bis hin zu Heckenschützen hinter menschlichen Schutzschilden und dem Präsentieren von fast zwangsläufigen Opfern (Märtyrern) für die Kameras. Als letzte wollten die Muslimbrüder eine unblutige Beilegung der Krise. Ohne erheblichen Todeszoll zu gehen hätte ihre Ehre verletzt. Daher auch die Angriffe auf Polizeistationen und Kopten.

Mit ihren “Reformen” ruinierten sie Ägypten noch in der Zeit ihrer Herrschaft:

Die Währungsreserven waren innerhalb eines Jahres von über 30 Milliarden auf 14 Milliarden Dollar gesunken. Wegen dem jährlichen Außenhandelsdefizit von 36 Milliarden Dollar war leicht auszurechnen, dass Mitte 2013 kein Weizen mehr aus dem Ausland bezahlt werden kann und die Hungersnot sich ausweiten würde. Mursi stand vor der Pleite, nachdem die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds gescheitert waren. Der Wirtschaftszweig Tourismus liegt am Boden. Welcher Tourist will schon an nach Geschlechtern getrennten Stränden das Meer genießen. 

Todesopfer durch Terror und ökonomische Krisen waren schon im Plan der Muslimbrüder enthalten. Das und die antiliberale Ideologie unterscheidet sie wesentlich von jenen freundlichen Chinesen, die auf dem Platz des himmlischen Friedens für Freiheit demonstrierten und von Panzern zermalmt wurden. Um das scheinbare Paradox aufzulösen: Für das Recht der Muslimbrüder auf demokratische Wahl, Parteienbildung und friedliche Demonstrationen haben auch die bürgerlichen Revolutionäre gestritten. Hätten die Muslimbrüder und -Schwestern nur diese Rechte erstritten und wahrgenommen, man hätte sie gegen den desaströsen Konservativismus verteidigen müssen, der die Diktatur einer islamistischen “Demokratie” vorzog (und eine solche einem völlig unberechenbaren Markt).  Die Muslimbruderschaft selbst blies zum Angriff auf die demokratischen Rechte der Frauen und bürgerlichen Revolutionäre – sie selbst hatten und haben es in der Hand, diesen Angriff abzubrechen und sich zurückzuziehen. Diese Situation ist neu.

Für den Westen hat sich nichts geändert. Hier wiederholt sich seine Indifferenz, sein Unvermögen sich klar auf die Seite der Demokraten zu schlagen, sein Widerwille gegen echte Solidarität, sein Wunsch nach stabilen Märkten und sei es auf Kosten der Demokratie, seine Unfähigkeit, komplexere Zusammenhänge zu analysieren. Diese Elemente strahlen auf die Vorgänge im arabischen Raum aus und stärken die islamistischen und reaktionären Elemente an allen Fronten. Nicht einmal im eigenen Augiasstall kann Europa den Faschismus eindämmen, und die USA dämmern immer noch in ihrem Rausch aus längst verblassendem Einfluss und heimischem Schieferölboom, der eher zu mehr Desinteresse an arabischen Belangen als zu mehr Mut führte. Mit islamischen Diktaturen hat man immerhin Erfahrung. Bigott ist nicht, nach den (mehrheitlich antisemitischen) bürgerlichen Revolutionären gegen die Militärdiktatur nun den Militärputsch zu unterstützen – bei aller gebotenen Kritik und allem begründeten Misstrauen. Bigott ist die Ankündigung westlicher Politiker, nun die Militärführung wegen der Niederschlagung des faschistischen Aufstandes mit Sanktionen zu bedrohen. Keine einzige Sanktion stand im Raum, als Mursi die oben angeführten Angriffe auf Leib und Leben von Frauen, Kopten und Demokraten ausführte. Somit bleibt auch das Hauptproblem westlicher Demokraten nicht die Situation in Ägypten, sondern die antidemokratische Tendenz IN den westlichen Demokraten und Demokratien selbst.

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Alan Dershowitz ist kein kleines Kaliber, das die Jüdische Allgemeine auffahren lässt. Er ist routiniert im Nahkampf mit linksintellektuellem, relativistischem und mitunter auch jüdischem Antisemitismus in den USA, er argumentiert liberalistisch, verteidigte nicht nur Mike Tyson und O.J. Simpson, sondern auch den Underdog der Underdogs, Israel.

Man kennt bisweilen exotische Positionen von ihm zur Folter oder zur Counterinsurgency im Westjordanland. Was er allerdings nun zur Beschneidungsdebatte abliefert, ist ein Reflexionsausfall, der aktuell bei einer ganzen Reihe von liberalen, proisraelischen Intellektuellen und Antisemitismuskritikern stattfindet. Dershowitz beginnt mit der rethorischen Frage:

Warum machen sich Länder, die auf eine lange Geschichte des Antisemitismus und anderer Formen religiöser Intoleranz zurückblicken, anscheinend mehr Gedanken über das sogenannte Recht von Kindern, nicht beschnitten zu werden, als andere Länder mit einer besseren Geschichte, was Menschenrechte betrifft?

Zuerst: Der Antisemitismus war keine “Form religiöser Intoleranz” unter anderen Formen. Der Antisemitismus war eben die Absehung von der Religion. Die deutschen Pogrome des Mittelalters und der frühen Neuzeit argumentierten nicht mit einer realen Religion, sondern mit erfundenen Ritualen: Hexerei, Ritualmord, Gottesmord. Der moderne Antisemitismus wird übereinstimmend als regressiver Reflex auf die französische Revolution und die Abwehr der Assimilation, die Gleichheit der Juden vor dem Recht, interpretiert. Der jüdische Glaube war dem nazistischen Antisemitismus zwar als exotistische Bilderwelt für die Propaganda recht, aber in seiner Ideologie nahm er an, dass die Juden jenseits der Religion für Bolschewismus und Kapitalismus zugleich stünden, dass also die Religion nur Tarnung sei, hinter der sich Magie oder Verschwörung verberge.

Und was meint Dershowitz als liberaler Rechtswissenschaftler mit dem “sogenannten Recht von Kindern, nicht beschnitten zu werden”? Eine Diskussion findet nicht statt – es geht ums Identifizieren. “Andere Länder”, damit meint Dershowitz vermutlich die USA und Israel. In den USA gibt es einen wachsenden Unmut über die massenhafte Beschneidung. Die Mehrheit der Jungen wurde und wird als Säugling beschnitten, eben nicht aus religiösen Gründen, sondern aus pseudomedizinischem Ressentiment gegen die Masturbation. Und in Israel werden doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit Mohelim verurteilt, die bei der Beschneidung Fehler machen – und einen lebensgefährlichen Behandlungsfehler “verurteilte” das Urteil von Köln in seinem Freispruch. Auch aus Staaten wie den Niederlanden, Finnland und Schweden wird eine starke Gegnerschaft zur Beschneidung vernommen, in Finnland mit rechtlichen Regelungen.

Dershowitz beruft sich mehrfach auf die Selbstverständlichkeit der “denkenden Menschen”, der “vernünftigen Menschen”, der “guten Menschen”.

Natürlich sind diese Fragen von gänzlich rhethorischer Art, weil jeder denkende Mensch die Antwort darauf bereits kennt. Der Grund ist nicht, dass die Deutschen oder Norweger bessere Menschen sind und sich mehr aus Kindern und Tieren machen als etwa die Amerikaner. Der Grund ist vielmehr, dass sie sich weniger aus den Juden machen. Sie mögen sie einfach nicht besonders, und es ist ihnen egal, wenn Juden gezwungen werden, ihr Land zu verlassen, weil sie ihre Religion dort nicht länger ausüben können.

Hier hat Dershowitz recht und zugleich liegt er völlig falsch. Die Mehrheit der Deutschen mag Juden nicht, sie sind Antisemiten – das sollte aber doch Dershowitz ein Grund sein, zu hinterfragen, warum es gerade diese Antisemiten sind, die im Bundestag einstimmig die Beschneidung legalisieren wollen, ein bislang einmaliger Rechtsvorgang, warum es christliche Antisemiten wie kreuz.net sind, die derzeit die Beschneidung verteidigen, um sich selbst zu Opfern des Säkularismus hochzustilisieren. Die Mehrheit der Deutschen, die den Antisemitismus nicht begriffen haben, wollen so gar nichts gegen die Beschneidung haben, weil sie ihnen doch noch das gewisse Quentchen Sicherheit gibt, dass “die Juden” anders sind. Gänzlich fehl am Platz ist daher Dershowitz Unterstellung der Trauer:

Niemand sollte eine Nation, die Millionen jüdische Babys und Kinder ermordet hat, dafür loben, dass sie Krokodilstränen über das Schicksal eines armen kleinen Buben vergießt, der in der Ausübung einer jahrtausendealten tradition eine Woche nach der Geburt beschnitten wird. Jeder gute Mensch muss Deutschland dafür verdammen, denn das, was den tatsächlichen Kern der Bemühungen, die Beschneidung zu verbieten, ausmacht, ist nichts anderes als der gute alte Antisemitismus.

Weder Westerwelle noch der Bundestag vergießen Krokodilstränen, ihnen sind jüdische Kinder schnuppe, ihnen geht es ums Image und um die Anwesenheit der Juden als sichtbarer Werbeträger, das bedeutet: Als religiöse Institution mit Folklore. Nicht weil sie Juden mögen, sondern weil es sich für einen modernen Staat gut macht, ein paar Alibi-Minderheiten zu haben, um in der internationalen Diplomatie um so unverschämter rassistische und antisemitische Politik betreiben zu dürfen. Solche Alibi-Minderheiten müssen ja nicht gleich die Roma oder Exil-Perser sein, die schiebt man lieber ab, aber mit den Juden kann man inzwischen ganz gut leben. Man kann anhand der bisherigen Zeitungskommentare eindeutig festmachen, dass sich die Beschneidungsbefürworter in jüdische Apologeten, christliche Eiferer und worthülsenversprühende, völlig erkaltete Politiker gliedern. Der Nachweis von antisemitischen Positionen der Gegner in Kommentaren der großen Zeitungen steht aus – Nachweise, die in denselben Medien bei jedem Geplänkel Israels zuhauf erbracht werden können.

An der Beschneidungsdebatte werden selbst namhaften Anhängern der kritischen Theorie ihre Begriffe stumpf. Sie wenden scholastisch Folien von Begriffen an ohne sich um das jeweilige Besondere zu kümmern. Das ist die eigentliche Gefahr: Das Verkennen der Bedrohung, die vom Antisemitismus dort ausgeht, wo man ihn am schwersten bekämpfen kann. Das anstehende Beschneidungsgesetz ist ein Placebo gegen den Antisemitismus, schlimmer, ein Nocebo, der kritische Selbstreflexion, die einzige Immunisierung gegen das antisemitische Ressentiment, ausschaltet.

Heute sind neue Wörter an die Stelle der alten, diskreditierten Wörter getreten. Antizionismus statt Antisemitismus. Das Wohl des Kindes statt Verbot religiöser Rituale.

Das Verbot religiöser Rituale war aber den Verfechtern des Kindeswohles kein negativ besetzter Begriff. Der Erfolg, ein religiöses Ritual wie FGM zu verbieten verweist darauf. Das in Deutschland vergleichsweise spät gekommene Verbot der Ohrfeige war ein Affront gegen eine zutiefst kulturelle, fast religiöse Praxis.

Auch bei Dershowitz läuft alles auf eine angebliche wissenschaftliche Wahrheit hinaus, zu deren Kenntnis er sich in der Lage sieht – die Kenntnis erweist sich aber auch nur als autoritärer Glaube an Institutionen.

Warum will Deutschland nicht der American Academy für Kinderheilkunde folgen, die nach fünf Jahren Untersuchung der besten Studienergebnisse folgerte, das [sic] die ‘gesundheitlichen Vorteile’ der Beschneidung – inklusive verminderter Übertragungsgefahr des HIV- oder Papillomavirus – ‘die Risiken überwiegt’.

Das Fragezeichen erübrigt sich, das Schlußplädoyer steht an:

Schande über jene Deutschen, die die Beschneidung verbieten wollen. Schande über jene Deutschen, deren Gleichgültigkeit es nicht zulässt, ihre Sitmme zu erheben gegen die pseudowissenschaftlichen Eiferer, die lügen, wenn sie von sich behaupten, das Wohl der Kinder liege ihnen am Herzen. Lob den Deutschen, die gegen die Intoleranz ihrer Landsleute protestieren. Andere Länder mit einer saubereren Geschichte müssen die Führung in der Forschung – echter wissenschaftlicher Forschung – und in der Diskussion um den Schutz der Rechte von Kindern und Tieren übernehmen. Die mörderische Vergangenheit Deutschlands disqualifiziert dieses Land für immer, bei den Versuchen, jüdische Rituale zu verbieten, Vorreiter zu sein.

Dershowitz nimmt an, das Gesetz ziele auf die jüdische Beschneidung alleine ab und er blendet die innerjüdische Debatte aus – in einer derzeit akuten rhethorischen Strategie einer chimärischen Konsensualität unter Juden. Das ist symptomatisch für die isolationistische Besprechung der Beschneidungsdebatte als “Judenfrage”. Das Gericht aber war gegen einen muslimischen Beschneider gerichtet. Zur Debatte steht überdies gar nicht ein zur Zeit wohl illusionäres Verbot der Jungenbeschneidung, das Muslime, Juden und afrikanische Religionsangehörige träfe und zugleich schützte, sondern eine deutsche Vorreiterschaft in der Legalisierung der rituellen Beschneidung auf Kosten des liberalen Rechtsstaates. Eine Vorreiterschaft, die jene aktuellen Bemühungen arabischer Säkularisten zunichte macht, die Scharia aus dem Gesetz so weit als möglich heraus zu halten. Warum sollen Tunesien, Lybien, Ägypten über das Verhältnis Religion und Staat diskutieren, wenn Deutschland den Religionen Ausnahmen des individuellen Rechts auf Unversehrtheit gewährt? Die Muslimbrüder und Salafisten werden sich über dieses anstehende Gesetz freuen.

Antisemitismus zeichnet die Anwendung von doppelten Standards aus. Die allgemeine Kritik an der Beschneidung zeichnet sich nicht durch doppelte Standards aus, diese werden vielmehr von den Beschneidungsbefürwortern eingefordert, die um jeden Preis die allgemeineren Konsequenzen der Legalisierung der Beschneidung ignorieren.

Wer sich, anders als Dershowitz, für eine kritische Wissenschaft interessiert, dem sei folgende Graphik als Beispiel für die Widerlegung von – unter Medizinern und Pharmareferenten altbekannten Statistiktricks – empfohlen. Es heißt beispielsweise, die Beschneidung schütze vor Peniskarzinomen. Unter http://www.circumstitions.com/Cancer.html finden wir folgende schlüssige Widerlegung:

Wer als philosophisch halbwegs gebildetes, zur Erfahrung fähiges Individuum sich mit den medizinischen Argumenten der Beschneidungsbefürworter skeptisch befasst, kommt zum Schluss, dass kein gültiges oder gefälschtes medizinisches Argument die Beschneidung rechtfertigt. Die Anerkennung der Vorhaut als Sexualorgan genügt, um ihre Amputation zu diskreditieren. Man zieht keine Zähne, um Karies zu vermeiden – auch wenn das hocheffizient wäre.

Am Beispiel der angeblichen HIV-Prävention lässt sich das illustrieren. Beschnittene, so will eine Studie aus Uganda herausgefunden haben, solle weniger häufig HIV-Neuinfektionen erlitten haben, als eine Vergleichsgruppe von Unbeschnittenen. Nun ist der Zustand der afrikanischen Universitäten trotz beachtlicher Ausnahmen und Fortschritte eher prekär, entweder auf Religion oder Positivismus geeicht, aber nähmen wir an, die Studie sei verlässlich und belastbar, was sie nicht ist.

What’s worse, because of the publicity surrounding the African studies, men in Africa are now starting to believe that if they are circumcised, they do not need to wear condoms, which will increase the spread of HIV (Westercamp 2010).  Even in the study with the most favorable effects of circumcision, the protective effect was only 60% – men would still have to wear condoms to protect themselves and their partners from HIV. 

In the USA, during the AIDS epidemic of the 1980s and 90s, about 85% of adult men were circumcised (much higher rates of circumcision than in Africa), and yet HIV still spread. [Via circumcision myths]

Am Beispiel Ghana lässt sich auch die fatale Konsequenz ablesen, die eine Ausbreitung des HIV-Beschneidungs-Mythos haben kann. Die Mehrheit ist hier aus traditionellen Gründen beschnitten. Gleichzeitig hatten hier Aufklärungskampagnen ein hohes Bewusstsein von HIV geschaffen, die HIV-Rate ist mit 3% im afrikanischen Vergleich “niedrig”. Kondome sind überall erhältlich. Kommt nun der Mythos verstärkt durch weiße “Wissenschaftler” in Umlauf, dass die Beschneidung vor HIV schütze, werden sehr wahrscheinlich mehr Männer ihren bereits vorhandenen Beschneidungsstatus (möglicherweise auch auf Wunsch von Frauen) gegen das Kondom eintauschen – und sei es nur in den Jugendlichen gemeinsamen Unsicherheitssituationen, bei denen Sex ohne Verbalisierung und Aushandlung verläuft. Auch wenn der medizinische Glaube wahr währe, dass die Beschneidung zu 60 % weniger Übertragungen bei Männern ermögliche, so wäre das Ergebnis des Mythos eine Ausbreitung von HIV – aus soziologischen und sexualpsychologischen Gründen.  Das Kondom mit 99% Sicherheit würde gegen die Beschneidung mit vermeintlichen 60 % Sicherheit eingetauscht. Das wäre dann das Resultat jener Pseudowissenschaft, die Dershowitz so vollmundig als “wahre Wissenschaft” anpreist.

Quelle: Alan Dershowitz 2012: ‘Der gute alte Antisemitismus.’ In: Jüdische Allgemeine 36/12, 6.9.2012, S. 8. Via: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13922

Drei weitere Artikel zur Beschneidung auf Nichtidentisches sind über folgende Links abrufbar:

Ein Beitrag zur Beschneidungsdebatte

“Die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks” – Eine Diskussion der Gegner der Gegner der Beschneidung

Schuld und Vorhaut

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“some of you gyys are hypocrites when we take a stand against evil people that do witchcraft,obia,voodoo what ever u wana call it these people put curse on youmake bad things happen two they steal your kids kill them for sacrifice ther just gething back a taste of ther own medicine we have two get rid of them ther evil Demonic people look at jamaica they used two say no batyy mon ["Batty boys": Slangwort für Homosexuelle, NI] you used fight against them Hard now you guys make them walk free ly in the country they take over the island thats why so much batty mon in jamaica now & running things cause you guys cant take a stand against them. look when people from Haiti came two jamaica when the Earthquake strike theycame & started two kill the kids doing ther Voodoo ritual nobody did nuthing some victims that escape said they were Haitiens so why not kill does who try kill you you wana proteck them two Thats why jamaica cant go nowere 50 year anyversay 7 nuthing two show for it et rid off the Obia man dem NOW”

Dieser Kommentar findet sich in einigen Varianten des gleichen Stils unter einer Filmaufnahme eines Mordes, der unter Lynchmord schon zu schlecht gefasst wäre. Einige mit Autorität ausgestattete Hexenjäger verbrennen fünf Menschen.

http://www.wickedhype.com/videos/details/13832/Five-People-Suspected-Of-Witchcraft-Burnt-Alive-In-Kenya-Very-Graphic-NSFL

Sehr ähnliche Bildsequenzen fanden sich bereits vor einem Jahr, entweder wird die Verfolgungstechnik von der gleichen Bande immer noch reproduziert, oder es handelt sich um das gleiche Ereignis. Sowohl Traditionalität als auch Masse solcher Vorfälle sind insbesondere in Kenia hinreichend belegt und diskutiert.

Leider erfahren wir im konkreten Fall nichts über die Kamera. Handelt es sich um die Verfolger selbst, um Entwicklungshelfer, um skrupellose Journalisten, besonders skrupellose Ethnologen, Ethnologen oder Journalisten, die blindwütig einem Objektivitätsdiktat folgen? Dörfliche Lynchmobs werden in aller Regel von einzelnen Individuen gestoppt, um so mehr, wenn ein gewisser Status an die im Lynchmord durchgestrichenen rechtlichen Instanzen erinnert.

Während also der Dokumentation schon ein Hautgout der Exploitation anhängt, zeigt sie doch einen Einblick in eine afrikanische Realität: Den dörflichen und urbanen Terror gegen willkürlich ausgewählte Individuen. Immer öfter wird dieser Terror, sobald medialisierte Bilder davon entstehen, von einer spezifischen Ideologie begleitet, die im Kommentar oben enthalten ist. Die vier Nerven, an denen der afrikanische autoritäre Charakter sich gereizt fühlt, sind die Behandlung von Kindern, Frauen, Homosexuellen und als Hexen angeklagten Individuen. Für bestimmte Individuen ist die Misshandlung dieser Gruppen unverhandelbares Recht und der Widerspruch dagegen kolonialer Eingriff. Was wiederum seine eigene, pervertierte Wahrheit erfährt in Kommentaren wie diesem:

“all ypu african fucks are so stupid! witchcraft ? really? its 2012people! this is some ones mother and family! hell is definitely real for ppl like you… you africans always taking up my commercial time with flies & shit on your face talking bout feed a child for a $1 a day …FUCK NO! how did you guys come accross a camera then? how bout you sell it.. or if youre all so hungry…gwan guh cook ya mudda and eat her!”

Sich von beiden aggressiven Ideologemen nicht irritieren zu lassen ist die Herausforderung, der sich leider kaum jemand stellen mag. Eine Argumentation findet in keinem Fall statt.

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Kony 2012 – Israel 2013?

“Nothing is more powerful than an idea whose time has come.” Mit ihren einleitenden Worten  offenbart die Kampagne “Kony 2012” ihren Reflexionsausfall, der sich durch das gesamte Video zieht. Die Kritische Theorie entstand in dem Bewusstsein, dass Philosophie sich am Leben erhält, weil “der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.” Aber nicht einmal Philosophie ist es, auf die sich die Kampagne beruft, sondern die Idee, Schwundstufe des durchreflektierten Gedankens. Als “gute” Idee bewirbt sie sich primär durch die massenhafte Zustimmung. Joseph Kony wird, und das ja sehr zu recht, als “Bad Guy” markiert, dessen hauptsächliches Charakteristikum ist, von allen verabscheut zu werden: “He is not fighting for any cause but only to maintain his power. He’s not supported by anyone.” Der International Criminal Court führt ihn als Nr. 1 auf ihrer Liste gesuchter Verbrecher.

Die fortschreitende Berufung auf eine internationale Konsensualität wirbt diese als rational ein. Eine solche Konsensualität stellt sich bislang derart mehrheitlich nur gegen Israel ein: Allein im Jahr 2011 hat die UN Israel 124-mal in “Human Rights Actions” verurteilte, vor allem in “Resolutions”: Das ist zweimal so viel wie im Falle der Nummer 2, Sudan. Deutschland, das wie jedes Jahr Hauptverantwortlicher für tausende tote Flüchtlinge an den Außengrenzen und in der EU ist, erhielt eine einzige Aktion (“Report”). Ghana, in dem 2011 staatliche Kampagnen gegen Homosexuelle von der Entwicklungshilfe gezahlt wurden, in dem Hexenjagden eine alltägliche Erscheinung sind, in dem 2011 ethnische Konflikte zwischen Konkomba und Fulani aufflammten, wird ebenfalls nur ein einziges Mal wegen Missständen im Gesundheitssektor besucht (“Visit”). Nun hat Israel ein paar mehr und mächtigere Freunde als Kony und die UNO ist nicht der ICC. Die Legitimationsweise der Kampagne betrifft das nicht.

Die Kony 2012 Kampagne macht sich ebenfalls suspekt durch unkritische Idolisierungen der reaktionären Mutter Teresa, die ihren Patienten Schmerzmittel untersagte, weil Leiden und Erlösung eins seien und des Mahatma Ghandi, der den Juden 1938 friedlichen Widerstand anempfahl. In einer “künstlerischen Aktion” werden ihre Porträts als Graffitti auf ein Garagentor gesprüht. Die nächste Szene zeigt dann einen “Kony 2012″-Anführer mit Megaphon und Kufiya, dem “Palästinensertuch” um den Hals. Untertitel: “And we got loud!” [14:59]

Gegen Kony, aber für Fatah und Hamas, für deren Politik das karierte Tuch in der Szene steht? Was über Kony gesagt wird, könnte ebensogut für Arafat gelten: “An he’s repeatedly used peacetalks to rearm and murder again and again.” Kony entführte an die 30.000 Kinder für seinen Krieg. Die Zahlen der palästinensischen Terrororganisationen sind nicht bekannt, sie zielen allerdings auf sehr viel mehr Kinder ab mit ihren Propagandafilmen und Trainingsprogrammen. Hier exerzieren Kinder schon im Alter von 5 Jahren mit Maschinenpistolen, schwören Bereitschaft, ihr Leben zu geben um Juden zu töten, werden in Selbstmordattentate geschickt. Das hält Kony-2012-Aktivisten nicht davon ab, die Kafiya mit ihrer eindeutigen Aussage zu tragen.

Ein weiterer Aspekt der Kony 2012-Kampagne: Sie ist primär Werbung für Medientechnologie. Der medienwissenschaftliche Diskurs bedankt sich bereits bei Kony 2012 für die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Der Schlüssel zur Hilfe in Echtzeit sei Awareness in Echtzeit. Und für die werden permanent I-Phones in die Kamera gehalten. Suggeriert wird aufrichtige Zeugenschaft durch Medien: “I can’t believe that. This has been going on for years? If that happened one night in America it would be on the cover of Newsweek.”

Stereotyp ist dieses Vorschützen von Unwissen über afrikanische Zustände: “I can’t believe that!” Das “Nicht-gewusst-haben” ist festes Instrumentarium einer vorsätzlich desinformierten Gesellschaft. Äußerste Naivität spricht aus der Passage, das Vertrauen in dieselbe Newsweek, die vermutlich schon Dutzende von Artikeln über Kony brachte, die man aber nicht lesen wollte, solange in den USA das Somalia-Trauma noch nachwirkte, das dann vom Ruanda-Trauma abgelöst wurde, dem wiederum der 9/11-Schock folgte. Nun auf einmal, während den Umbrüchen in der arabischen Welt, während die Darfur-Kampagne Clooneys kaum Wirkung zeigt, während Israel mit dem Rücken zur Wand steht, entdeckt Kony 2012 einen einzigen Bösen und verspricht ihn mittels Facebook und kostenlosen “Action-Kits” zur Strecke zu bringen.

Diese Naivität und geschichtslose Reflexionslosigkeit ist es, die Kony 2012 so ambivalent macht. “We change the course of human history” – das könnte man als guten Marxismus interpretieren, wäre da nicht der propagandistische Ton: “I’m going to tell you exactly how we’re going to do this.”  “We will fight war”. “This is what the world should be like.” In einer von allen ökonomischen und politischen Widersprüchen gereinigten utopischen Wendung wird das ganze System als Dreiecks-Graphik auf den Kopf gestellt und Menschen bestimmen das Geld – nachdem sie noch schnell ihr I-Phone gekauft haben, versteht sich. Und dann ist da noch jener George Clooney, der es gönnerisch für “fair” erklärt, dass Kony die gleiche Popularität wie er selbst erhält. Wenn Kony gefasst wird, wird die Kampagne diesen Sieg für sich reklamieren und damit Werbung machen: Für Facebook, Apple und George Clooney. Geleugnet werden so die zähen Verhandlungen zwischen afrikanischen Akteuren, deren freiwillige Arbeit mit Flüchtlingen, die Widersprüche der afrikanischen Gesellschaften, die Kony hervorbrachten und die eben nicht aufgehen in einem bloßen Informationsdefizit der westlichen Gesellschaft.

Die LRA konnte nicht bestehen ohne Waffenlieferungen aus dem Sudan. Sie hatte eine morbide Funktion in einem Konflikt, der weitaus größer war und ist, als sich die USA und Europa je eingestehen wollten. Der Millionen Tote schwere “Weltkrieg Afrikas”, wie Prunier ihn taufte, involvierte unterschiedlichste Parteien in der DRC, Ruanda, Uganda, Sudan, die Zentralafrikanische Republik, Angola, Namibia, Simbabwe und einige temporäre Parteien. Hier auf die LRA und diese auf eine Person zu reduzieren und davon auszugehen, dass mit dessen Verhaftung die Knochenmühle in der “Region” nennenswert zu verlangsamen wäre, ist reduktionistisch und könnte tatsächlich jenen Initiativen schaden, die wenigstens versuchen, ein differenzierteres Bild des Konflikts zu entfalten, der wesentlich teurere, langwierigere und unpopulärere Maßnahmen erfordert als das Like gegen einen Bad-Guy.

Es ist nicht die Wahl Konys, der, hier ist der Kampagne völlig zuzustimmen, mit militärischen Mitteln und auch mit Hilfe der USA verhaftet oder getötet werden hätte können, werden muss und hoffentlich 2012 werden wird. Es ist die Art und Weise, wie diese Wahl stattfand und präsentiert wird, die zur Frage führt: Wer ist der nächste?

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Wer tatsächlich Informationen über den Konflikt im Zentrum Afrikas sucht, sei auf Gerard Pruniers Standardwerk “Africa’s World War” verwiesen. Zur LRA liefert Heike Behrends ethnographische Studie “Alice und die Geister. Krieg im Norden Ugandas” exzellentes Material.

Einige afrikanische Stimmen zur Kampagne finden sich über diesen Link: http://boingboing.net/2012/03/08/african-voices-respond-to-hype.html.

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In “Die demokratische Talibanisierung – Ghanas Krieg gegen die Homosexualität” schrieb ich:

Als Barak Obama 2009 auf seiner ersten Afrika-Reise als US-Präsident Ghana besuchte, titelten die Zeitungen triumphal „Welcome home!“. Eine bebilderte Publikation prahlte: „Obama! Africas gift to the world!“ Da  war er noch ihr Heilsbringer, einer der ihren. Dieses Jahr war Obama einer der Unterzeichner der UN-Resolution zur Anerkennung von Homosexualität. Das dürfte ihn die virtuelle Präsidentschaft Ghanas kosten und bislang verhält er sich auch still gegen die ghanaische Homophobie.

Das muss aktualisiert werden: Seit neuestem stellt Obamas Administration wie Großbritannien Gelder für Länder in Frage, in denen LBTG-Rechte verletzt werden. Wer wissen möchte, was Internet-Ghanaer davon halten und in welchen intellektuellen Zustand sie sich befinden, kann die 500+x Kommentare auf Ghanaweb einsehen.

Kleine Auszüge:

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Frömmlerei:

let Read the Bible and we will understand where every one is belonging to. Either you are HOT or COLD there is not lukewarm Position.
ANY Ghanain leader who does not stand up and speak against this abominable act if not fit to rule this country.

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Rassismus und patriotisches Geheul:

…listen to this HOUSE SLAVE, africans killer obama ranting his stinking arse…. can’t touch ghana, you house slave obama… ghana, A NATION FREED FROM WHITE OPPRESSION BY NKRUMAH IS FREE FOREVAAAARR!!!

can’t tough ghana,,, you bastardized scum obama.

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Todesdrohung:

Would you have been born if your father were a gay? What about your prostitute mother, if she were a lesbian?

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“Die Juden und die Schotten” – Verschwörungstheorie:

There is no wonder.WE don’t need to expect any other thing than his pointing finger on Africans, and he must not forget that he is ruled by the babylonians behind the White House which was built through mystical rituals by the Scottish.I expected this man Obama to embark on African progress on technology education etc. Has he forgotten he is a black man? His grandmother from the father side is certainly shedding tears.

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Lynchdrohungen:
What about if we throw you into a village pit latrine with all the gay people in Ghana?

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AIDS-Verschwörungstheorie:

MORE THAN HALF THE WESTERN EMBASSY STAFFS ARE GAY OR LESBIANS,AMERICA CANADA UK FRENCH.THEY WANT TO EXPORT AIDS HIV TO THE BELOVED AFRICA WATCHOUT

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Kategorie “ranting elder”:

have always say it that small age presidennts have bring no good to the globe.look at what happens in libya ,after they want africans to go gay and lesbian.dam it ,ghaddafi was right.GHADDAFI GHADDAFI

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Morddrohungen:

You have robbed our strong productive young men for over 300 years, you have robbed our gold, timber, diamonds, bauxite, cobald,sulphur and everything burried in the african soil. The only thing we africans still have is our morality which you are trying to rob now. I will execute anyone who I have evidence to have engaged in homosexuality. If you need them, pleas bring a ship to ghana and take them away to your country.
Obama is one of the biggest Idiot in this world.

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Und noch ein besonders dialektischer Standpunkt:

Homosexuality has been always considered as a taboo or a moral problem in our society. On the other hand, i think the government and the religious groups needs to do alot in combating the rising number of this homos in our society. Ofcourse thier civil right has to be respected.

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Zu ergänzen bleibt die “humanistische” Position:

Joe, you got one thing right, that they are sick or why will a man want to have sex with another man? So is discrimination the cure for their mental or physical disease?

So what do do to the heterosexual men who have anal sex with women? Shit and dirty things don’t come from women anus? Stop the homophobic bigotry and let try to help those who are willing to change. Hate is not the cure for homosexuality.

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“Can they be healed?” Diese Frage zählt noch zu den harmloseren Kommentaren, die sich in Ghanas Onlinezeitungen zu Homosexualität finden. Und es bleibt nicht bei Kommentaren. Der ghanaische Minister für die “Western Region” ersuchte jüngst den Inlandsgeheimdienst Ghanas, sämtliche Homosexuelle in der Region zu inhaftieren und ihnen den Prozess zu machen. Er forderte außerdem öffentlich die Gesellschaft und insbesondere Vermieter zur Denunziation von Homosexuellen auf.

Dieser Fanatiker vertritt einen Konsens der breiten Mehrheit in Ghana. Der einvernehmliche homosexuelle Akt unter Männern wird im Criminal Code 1960, Chapter 6, Sexual Offences Article 105 zusammen mit Sodomie als minderes Verbrechen (Misdemeanor) illegalisiert. Homosexuelle leben unter der ständigen Bedrohung durch Übergriffe von Seiten selbstgerechter Christen, übereifriger Polizisten und empörter Jungmänner. In Zeitungen werden Fälle von Kindesvergewaltigung grundsätzlich als “Homosexualität” und “Sodomie” bezeichnet.

Als Barak Obama 2009 auf seiner ersten Afrika-Reise als US-Präsident Ghana besuchte, titelten die Zeitungen triumphal “Welcome home!”. Eine bebilderte Publikation prahlte: “Obama! Africas gift to the world!” Da  war er noch ihr Heilsbringer, einer der ihren. Dieses Jahr war Obama einer der Unterzeichner der UN-Resolution zur Anerkennung von Homosexualität. Das dürfte ihn die virtuelle Präsidentschaft Ghanas kosten und bislang verhält er sich auch still gegen die ghanaische Homophobie. Die britische Regierung hingegen will mit der Resolution offenbar Ernst machen und droht einigen afrikanischen Staaten des Commonwealth den Entzug der Budgethilfen an, wenn sie nicht Homosexualität legalisieren würden. In Uganda hörte man natürlich den erwartungsmäßigen Aufschrei und großmäuligen Patriotismus: “If they must take their money, so be it!“.

In Ghana ließ sich der international als großer Demokrat gefeierte Präsident und radikaler Pfingstkirchler Atta Mills auf das gleiche Niveau herab. Seine Partei werde niemals Homosexualität legalisieren und die Briten sollten gefälligst nicht Ghana ihre kulturellen Werte aufoktroyieren.

Das ist auch der Tenor der Gossenkommentare: “It is our culture”. Und es ist wahr. Es ist ein Bestandteil afrikanischer Leitkultur geworden, Homosexuelle zu hassen und bis hin zum Mord zu drangsalieren. So hustet die “spirituelle Lunge der Welt”. Wie bei der Verfolgung von “Hexen” und Dieben sehen sich gerade die frömmsten Christen und liebsten Menschen noch im Recht, extremen Sadismus walten zu lassen, wenn es kollektiv sanktioniert ist. Das ghanaische Ministerium für Bildung wird diese Situation weiter anheizen. In einer Erklärung gab der Minister an, Homosexualität werde bald ein Phänomen der Vergangenheit sein. Zur Bekämpfung vor HIV/AIDS und aus dem Etat der vermutlich von Entwicklungshilfe finanzierten HIV-Abteilung seines Ministeriums seien massenhaft Lehrer ausgebildet worden, um in Schulen vor den Gefahren der Homosexualität zu warnen. Wie üblich werden Vergewaltigung, Prostitution, HIV und Homosexualität in einem semantischen Feld platziert, man verspricht die Abschaffung von sexueller Gewalt und die Abschaffung von Homosexualität und HIV in einem. Der Effekt bleibt nicht aus. Kommentare lesen sich wie folgt:

“find this junior homos and kill dem b4 they grow to spread their shit around my BELOVED GHANA”

“Homosexualism is a sin that leads to a country’s downfall. God have mercy upon those homosexuals and forgive them their sins.”

“i think the GES is doing a good job but i think it can not be completely abolish but at least we can go far with the campaign, bravo.”

Ebenso besorgniserregend wie diese berechenbaren Auswüchse, die durchaus von kompetenten und ironischen Verteidigungsreden angefochten werden, ist eine andere Sparte von Kommentaren. Die Online-Zeitung “Ghanaweb” hatte den Bericht in einer Mischung aus Archivautomatismus und Berechnung mit einem Bild eines unbekleideten lesbischen Pärchens publiziert. Ein gutes Drittel der Kommentare lobt den Beitrag, fordert aber dieses “pornographische” Bild im Interesse der nationalen Moral zu entfernen. Diese Blockwartmentalität ist in Ghana widersprüchliche Realität wie das allgemeine Missverhältnis zwischen Rede/Prahlerei und Tat. Zwar gibt es immer wieder Gewaltakte und es herrscht ein gesellschaftlicher Konsens über die Homosexualität.

De facto aber lässt man sich in Ruhe, Christen, Traditionalisten und Moslems leben in einem unvergleichlichen Liberalismus nebeneinander her. Lynchmorde geschehen, sind aber dennoch eine Ausnahmeerscheinung. Man rümpft die Nase und lästert über Schwule, man ist aber auch in der Lage, sie weitgehend in Ruhe zu lassen. Das gleiche gilt für Prostituierte. Besorgniserregend ist allerdings der Anstieg von regierungsoffiziellen Drohungen und Kampagnen – so prahlen viele afrikanische Minister über ihre konstruktiven Pläne (ein ghanaischer Minister versprach, Überflutungen bis 2013 “total” abzuschaffen), bisweilen haben sich aber dieselben als sehr kreativ und fähig erwiesen, wenn es um Projektion, Destruktion und Propaganda geht.

Fatal wäre es, die Wahrnehmung der erst jüngst errungenen Fortschritte des Westens im Umgang mit Homosexualität als “kulturelle Institution” des Westens zu stärken. Die Gesetzgebung gegen Homosexuelle in afrikanischen Staaten wurde häufig noch unter den Kolonialherren formuliert. Insofern erscheint es wenig angemessen, von diesen Staaten eine sofortige Abschaffung der homophoben Paragraphen zu fordern, zu deren Aufhebung die progressiven Kräfte in westlichen Demokratien Jahrzehnte brauchten. Dringlicher wäre eine ausformulierte öffentliche Kritik an der Homophobie, die reflexiv ist und auf staatliche Pressalien verzichtet. Die afrikanische Homophobie zu skandalisieren ist etwas anderes als ihre Abschaffung mit ökonomischen Drohmitteln einzufordern.

Der erste reflexive, wenngleich mit rechtlichen und institutionellen Unwägbarkeiten überforderte Schritt wäre, Homosexualität als Asylgrund anzuerkennen und gangbare Fluchtwege nach Europa einzurichten. Das scheitert schon am Rassismus der Europäer. Indes droht Homosexualität erst recht zum Gegenstand nationaler Selbstbehauptung zu werden – nach gutgemeinten Forderungen aus dem Ausland bleiben die Homosexuellen vor Ort verwundbar, aber sie sind zudem noch ein ärgerliches Politikum, an dem jeder bei Gelegenheit seine Frustration auslassen kann.

Der zweite reflexive Schritt beinhaltet die Etablierung eines intellektuellen Standpunkts, der auf eben jene Windbeutelargumente der kulturellen Besonderheit routiniert zu reagieren weiß. Es gab Homosexualität als akzeptierte Institution in einigen afrikanischen Gesellschaften, Homophobie als rechtliches Dogma ist ein koloniales Erbe, die Anerkennung der Homosexualität bedeutet nicht die Legalisierung von Vergewaltigung, sie stellt keine Gefährdung anderer Individuen dar im Gegensatz zur Homophobie, Staaten die Homosexualität akzeptieren sind wirtschaftlich erfolgreich und erleben keine HIV-Epidemie usw. usf.

Der komplexeste Punkt ist der Widerspruch der individuellen Homosexualität zur Reproduktion und zur Macht des Kollektivs in Afrika. So sagt der homophobe Einpeitscher Bahiti in Uganda:

“The potential for homosexuality to destroy our family is so huge that if you don’t act now in the coming years our society will be finished.

Wer keine Kinder zeugt, bringt das Ewigkeitsversprechen in Gefahr, das die afrikanischen Religionen, das afrikanische Kollektiv und das synkretistische Christentum anbieten. Wer stirbt, geht als Ahne in eine Ahnenreihe ein oder kommt in den Himmel, zumindest hat er Familie, die ihn fortleben lässt. Wer keine Kinder oder Enkel hat, wird als Ahne in ewiger Einsamkeit leben und vergessen werden. Die Ethnologin Laura Bohannan berichtet aus Nigeria, dass man alte, erwührdige Menschen nicht eines natürlichen Todes sterben sieht – sie werden immer Opfer von Hexerei und meistens sind sie selbst als Hexen gefürchtet. Das schlimmste, was einem illegitimen Hexer geschehen könne, sei es, alleine in seinem Haus zu sitzen und keinen Besuch von Freunden und Verwandten zu haben. Andere fanden in verschiedenen Teilen Afrikas die verstörende Meinung vor, der Tod an sich sei unnatürlich und immer Wirkung eines spirituellen Verbrechens. Unfruchtbar zu sein ist jedenfalls auch heute noch für eine afrikanische Frau das schlimmste Unglück. Homosexualität stellt den Wert der Reproduktion an sich in Frage, sie ist eine Erinnerung an die tabuierte Todesdrohung und eine Identifizierung mit der Unfruchtbarkeit. Dass man ohne Kinder glücklich sein könne gerät jenen Frauen zur Provokation, die sich unter dem gesellschaftlichen Zwang kein Glück ohne Kinder vorstellen können.

Zugleich erfrecht sich das Individuum noch, dem Zugriff des Kollektivs zu entfliehen und sich als Besonderes, Individuelles zu behaupten. Das afrikanische Kollektiv ist Gesetzgeber. Erlaubt man Individuen das Ausüben eigener sexueller Interessen, wird das mit einer Kette anderer Tabubrüche assoziiert: Kindesvergewaltigung, Sodomie, Kannibalismus, Hexerei, Korruption. Diesen Mechanismus bewusst zu machen ist eins mit der Verteidigung des Privaten gegen das Öffentliche.

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“An overwhelming majority of respondents disapproved of homosexual behaviour. In three countries – Zambia, Kenya and Cameroon – this was a massive 98%. Interestingly, one of the countries with the highest numbers of people – 11% – accepting homosexuals is Uganda, where an MP is trying to get legislation passed which would punish homosexual acts with life in prison and even death in some cases. The former Portuguese colonies of Guinea-Bissau and Mozambique were also relatively tolerant of homosexuality.”

(BBC News – Ten things we have learned about Africa. 15.4.2010: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8620249.stm)

Weiteres auf Nichtidentisches: Obama nicht länger Präsident – von Ghana

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Freud wies auf die Fehlleistung als tiefenpsychologisches Phänomen hin. Im Wortspiel wird die Brücke geschlagen zwischen Witz und Versprecher. Die Lust am Wortspiel geht selten aus einem gesteigerten Bewusstsein über das Intendierte hervor sondern verbirgt es nur weiter vor dem Bewusstsein. Ein regelrechter Zwang zum Wortspiel muss die taz-Titelredaktion zu folgender Schlagzeile getrieben haben: “Namibier verweigern Herero-Küsschen.” Der Untertitel präsentiert den Kontext: “Kolonialkrieg. Eklat bei Herero-Schädelübergabe in der Berliner Charité: Staatsministerin Pieper von empörter namibischer Delegation ausgebuht”. (taz Nr. 9631, 1.10.2011) In einem “Fazit am Abend” des Deutschlandradio wurde die Schlagzeile gar zur “Überschrift der Woche” gekürt.

Was hat die Verantwortlichen zum Wortspiel getrieben? Die Assoziationskette brach möglicherweise schon beim “Ferrero-Küsschen” ab. Treibt man sie aber konsequent weiter, kommt man zum “Negerkuß” und von da zum “Mohrenkopf”. Der “Mohrenkopf” wiederum schließt die Kette im Verweis auf die Totenschädel. Da wirkt eine Menge rassistischer Ballast mit, eine gehörige Portion Zynismus, aber auch der sexuelle Wunsch der Einverleibung des Anderen. Dass “die Namibier” das “Küsschen” “verweigern” ist eine Umdrehung der Situation: Die Bundesregierung verweigert den Herero und Nama die Anerkennung als Opfer eines kaltblütig geplanten Massenmordes, eines Genozids. Die Namibier verweigerten sich als Reaktion darauf der Einverleibung als Ritualobjekte deutscher Wohlfühl-Politik und treten als Subjekte auf. Sie sind keine Mohrenköpfe, die Negerküsse im Tausch gegen Totenschädel vergeben, sondern Unzufriedene, die gekommen sind um sich zu beschweren und ihr geraubtes Eigentum abzuholen. So viel Aggression irritiert offenbar – trotz und vielleicht wegen der kritischen Berichterstattung im weiteren Text – auch die Wahrnehmung der taz von Schwarzen als Objekte so empfindlich, dass man sie und die ganze groteske Situation in einem Wortwitz verkleinern und entwerten muss: zur entzogenen Süßigkeit. Nur mit viel Mühe ließe sich diese Infantilisierung kritisch wenden gegen den Auftritt von Pieper als beleidigtes Rumpelstielzchen, gegen die völlig unreife Haltung der Bundesregierung in dieser Frage. Die inhärente Immunisierung gegenüber den rassistischen Überfrachtungen bliebe dann dennoch bestehen.

mit dank an n.

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Liebe Leserinnen und Leser,

auf Nichtidentisches ist seit geraumer Zeit wenig geschrieben worden. Das hat einen guten Grund. Ich gründete nach meinem letzten Forschungsaufenthalt in Gushiegu/Nordghana einen Verein zur Unterstützung von alten Frauen, die der Hexerei beschuldigt und vertrieben wurden. In mehr als sieben Asylen und Ghettos sammeln sich im Norden Ghanas insgesamt etwa 2500 Hexenjagdflüchtlinge, in Burkina Faso, Togo, Malawi, ZAR, Tansania und Südafrika gibt es ähnliche Phänomene der Schutzkollektivierung von Hexenjagdflüchtlingen.

Unser Verein “Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge” sammelt und organisiert Spenden für das ghanaische “Witchhunt-Victims Empowerment Project” mit dem wir die Situation der 200 Frauen in Gushiegu, Nabuli und Kpatinga verbessern wollen. Langfristig hoffen wir, dass unser Engagement dort zu einem Abflauen von Hexereianklagen führen wird.

Ich bitte euch um eine weitläufige Weitergabe des Links zur Vereinsseite mit vielen weiteren Informationen und natürlich um Spenden via: http://gushiegu.wordpress.com

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Genocides can just be stopped, not prevented. To prevent genocide is impossible not in a military way but in logic. If it is prevented, then there is no proof that it would have happened. It is more easy to discuss accusations of genocide after the incident has happened. Many claims against Israel were evidentially cynical propaganda, repeated day and again mostly by those lusting for genocide against Jews in Israel. But: professional research would know about the character of these accusations and about the character of the Israeli army (maybe the most disciplined army worldwide) and therefore we can regard these accounts as highly unlikely if conveyed, though we have to examine any of the accusations for the sake of scientific integrity. While scientists and journalists now have gained profound insight into genocides in Turkey, Germany and Japan (both perpetrators of manyfold Genocides), Cambodia, Rwanda and Darfur (and organized mass-murders which were categorized apart from genocide like the Gulags in the Soviet-Union, the US’ Carpet-Bombing in Laos, Cambodia and Vietnam, the Culture-Revolution in China, the war against and of Guerrillas in Indonesia, Guatemala, Peru, Columbia etc.) we can clearly define characteristics and conditions of a Pre-Genocide-Situation – and most are given in Libya.

As in Germany we have a totally neurotic and maybe psychotic dictator, identifying himself with the state, who is furthermore well-known for his ability for bloodshed, his  megalomania and his cynicist disregard of human lives – since decades. We have a situation, where this dictator is seriously cornered by an uprising the first time in his life. We have serious records of already commited crimes  against humanity that eclipses those of Ben Ali or Mubarak in their cynicism and total disdain of global protest: The use of hightech military industry (Tanks, Warplanes, Helicopters) against protesters. We have a death-toll that already goes beyond several hundred in one city (Bhengazi) alone. And most important: The dictator himself threatens hundreds of thousands  with brutal death and persecution, naming them “cockroaches” (a genocidal term used for Tutsi in Rwanda) and “rats” (the propaganda-term for jews in Germany) and announcing to kill them “house by house”. Those who defected from the regime believe in the threat of this denouncement as do the refugees reaching Egypt and Tunisia. We further know that the regime has an economic base to proceed with this plan and that it has  amassed weapons and hired mercenaries with no social ties to the protesters who seem to be organized last but maybe not least according to their ethnic/tribal categories.

The conclusion of all these indices is to call and to urge for immediate actions that should at least include:

1. Organizing support of the refugees and analyzing their reports.

2. Announcing the clearly defined will and the very conditions of an intervention  – to threaten the regime and to support the protesters in their risky uprising.

3. Clarifying the situation of those taken hostage and those who are the most vulnerable: The African refugees in the desert prisons that Ghaddafi organized in coordination with the infamous FRONTEX. Also in utmost threat are the already imprisoned political prisoners.

4. Making any information from intelligence reports public at least as far as crimes against humanity are concerned.

5. Cutting the existing economical and political ties with the Ghaddafi-Regime immediately and also cutting the ties with those who deny to do so.

6. Revising and recalling the European Immigration policies well-known for their failure to safeguard the survival of tens of thousands of refugees threatened with torture, murder and starvation and that lead to compliance with crimes against humanity in the course of outmoded notions of racial homogenous nation-states.

7. Organizing a well-informed, dynamic concept of how to deal with the actual and possible future developments  and aftermath of the revolutions in the Arab states and Iran – reflecting on the completely underestimated aftermath of the breakdown of the Soviet Union with shockwaves in sub-Saharan Africa (Rwanda, Congo, South-Africa), Ex-Yugoslavia and the Caucasus.

 

Literature recommended:

Kiernan, Ben: “The Pol Pot Regime: Race, Power and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge from 1975-1979″.

Prunier, Gerard: “Africa’s World war: Congo, the Rwandan Genocide and the making of a continental catastrophe.”

This text should be copied and cited at will.

 

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Die pathische Kälte,  mit der Deutschland Tunesien behandelt, klirrt durch die Berichte im Fernsehen. Die einzige Sorge wird um heimzubringende Touristen verlautbart. Nach zwanzig Jahren Abfeiern der demokratischen Revolution gegen das DDR-Regime ist heute die kalte Schulter alles, was demokratische Revolutionäre von Deutschland und Europa erwarten dürfen. Die Stille ist das schlechte Gewissen Europas. Eine seit Urzeiten akzeptierte Diktatur in Weißrussland und eine heraufziehende in Russland, ein sich faschisierendes Ungarn und die Barbarei zwischen antiquierten Monarchien des Nordens, mafiösen Staatsrackets im Süden und xenophoben Abschiebefetischisten der Mitte – Europa hat jeden Anspruch verloren, sich überhaupt glaubwürdig zu äußern und es will ja auch niemand mehr etwas glauben oder nicht glauben wollen, wo man doch Entertainment hat.

Im Land, das sich für die Bastion des Fortschritts hält, wird die Höhe von Minaretten diskutiert und es werden Suren auf ihre Gewalttätigkeit hin analysiert, akribische Abschiebepläne müssen täglich aufs Neue erstellt werden, und unbedenkliche Dioxinmengen fürchten die Arbeitenden mehr als die Rente mit 67. Zurückgeblieben ist Europa auf dem höchsten Stand der technischen Möglichkeiten, ein wandelnder Anachronismus, der gefährlicher ist als alle maroden Diktaturen der arabischen Staaten. Der Liebesentzug, der die tunesischen Revolutionäre trifft, ist ein finaler Ausdruck der offenen Kumpanei Europas mit den verlässlichen Diktatoren Afrikas.

Wenn ein Fernsehkommentar die Stimmung nach der Flucht Ben Alis mit der Assoziation “wie bei einer Fußball-WM” beschreibt, ist der Verfall des kulturindustriell abgetöteten Bewusstseins am Endstadium angelangt. Im Stande der Meinungsfreiheit zensieren sich Nachrichten um jede Information, die auch nur andeutungsweise ein nationales Interesse übersteigt oder gar den Geist fordern würde. Südlich der europäischen Union hört die Meinung auf und fangen andere Kulturen an. Die tunesische Jugend tut gut daran, sich an den USA zu orientieren. Deren Präsident immerhin pries den Mut der Revolutionäre, während aus Paris “Kenntnisnahmen” zu vernehmen waren und Deutschland Flugzeuge für seine Urlauber organisiert.

Die beliebte Formel, dass eine Entwicklungsdiktatur noch besser sei als ein Wahlsieg von Islamisten, klingt hohl aus einem Europa, in dem Faschisten stabil und expandierend die Parteienlandschaft prägen und von staatstragenden Parteien Islamisten als kultürliche Eigenheiten beweihräuchert und hofiert werden. Fast jede Woche reisen Mitglieder des deutschen Bundestages auf Staatskosten nach Iran, um dem Regime ihre unbedingte Dialogbereitschaft zu beweisen. Europa hat mit seiner Unterstützung von Diktaturen nur geklärt, dass es einer gewählten islamistischen Diktatur ebenso wenig entgegenzusetzen hätte wie es in der Vergangenheit und aktuell gewählten Faschisten in Europa entgegenzusetzen hatte. Im Antlitz der tunesischen Revolution wird Europa seine eigene Katatonie zurückgespiegelt.

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Das “Hinterland-Magazin” des bayrischen Flüchtlingsrates hat die jüngste Ausgabe Afrika gewidmet. Dabei liest man manche interessante Meinung und leider auch einigen Unfug. So wird im Artikel “Panafrikanismus reloaded” vom “Arbeitskreis Panafrikanismus München” eine Neuauflage des Panafrikanismus vorgeschlagen, die im Prinzip die gleiche Leier des dagewesenen auflegt und nicht ohne alte Helden auskommt. Da wird das Loblied auf Kwame Nkrumah gesungen, der einst Ghana in die Unabhängigkeit geführt habe. Wie groß Nkrumahs Verdienst daran tatsächlich war, ist umstritten. Dass er das Land Goldküste nach dem alten Königreich Gana benannte war schon Ausdruck einer Großmannssucht, die sich im späteren Verlauf seiner Herrschaft ausprägte. Im Rahmen der “Unification”, das Hauptargument aller späteren afrikanischen Diktatoren, wurden Gewerkschaften aufgelöst und Jugendorganisationen zu staatstreuen Spitzelsystemen umfunktioniert. In der “Hinterland” wird dies einfach verschwiegen:

“Nkrumah war ein unermüdlicher Streiter für die Befreiung des ganzen afrikanischen Kontinents von geistiger Sklaverei, politischer Fremdherrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung. Durch seine Bemühungen wurde die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute AU) gegründet. Nach Meinung Nkrumahs ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit nur durch die Einheit aller afrikanischen Länder möglich. Auf dem Gründungstreffen der OAU 1963 sagte er: „Die afrikanische Einheit ist in erster Linie ein politisches Königreich, welches nur durch politische Instrumente erreicht werden kann. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Afrikas wird ausschließlich innerhalb dieses Königreichs stattfinden und nicht andersherum.“

Wie ein solches Königreich funktioniert wurde spätestens 2009 in Ghana noch einmal demonstriert: Von einigen finanziell hörig gemachten Chiefs und Königen wurde Muama Gaddafi, der Diktator Libyens, zum “König von Afrika” gekrönt. (1, 2) Die demokratische Mehrheit Ghanas wählte indessen den westlichen Antagonisten zum Popstar, Sexsymbol und virtuellen Präsidenten Afrikas: Barak Obama.

Die Parole “Africa Unite” ist eine der Eliten und Afroromantiker. Der Mehrheit auf der Straße sind bereits die Nachbarregionen suspekt oder unbekannt, manche halten ihren Landstrich für ganz Afrika und Europa für ein Nachbarland. Sie wissen zudem genau, was sie von einer Regierung eines geeinten Afrika zu erwarten hätten: noch mehr Korruption. In Diskussionen mit Panafrikanisten auf Kongressen werden vor allem “Wir”-Formeln gewälzt und autoritäre Charaktere durchdekliniert. Von einer Emanzipation der Individuen liest man wenig, es geht um “our culture” und “Tradition”. Diese Parolen dichteten Afrika immer dort ab, wo es am reaktionärsten war und am lautesten hört man sie von jenen, die am meisten von der Ablenkung eines Klassebewusstseins hin zu einem nationalistischen panafrikanistischen Antiimperialismus und traditionalistischem Bauchpinseln und Zeremonienhubern profitieren. Ein wirklich fortschrittliches Afrika wird nicht geeint sein, sondern ein diversifiziertes, in dem Verschiedenheit ohne Angst möglich sein wird. Und dafür wiederum geben nicht wenige Staaten Afrikas Grund zur Hoffnung.

Ein anderer Artikel mit dem Titel “Arm, krank, abhängig” täuscht ebenfalls über Realitäten hinweg. Richtig wird noch darauf verwiesen, dass Afrika nicht arm sei, sondern “verarmt”. Zu gut bekannt ist Nigerias Absturz von einer der größten Ökonomien der Welt zu einer pauperisierten Brutstätte von Gewalt und Korruption. Leider folgt die übliche Verschwörungstheorie:

“Die Massenmedien berichten nicht, worum es in vielen Konflikten wirklich geht, weil das die westliche Gesellschaft moralisch erschüttern würde. Es wird Krieg geführt, damit die Industrie weiter produzieren kann, damit die Waffen weiter verkauft werden, damit ihre Bevölkerung zur Arbeit gehen kann, damit ihre Bevölkerung zufrieden bleibt. So verhindert man Unruhe bei sich, damit man weiter regieren kann, oder um im kleinen Kreis, zum Beispiel der G8, die Welt weiter zu regieren. Es wird kaum berichtet, dass es im Kongo Kindersoldaten und -soldatinnen geben muss, damit die Kinder hier Handys tragen können. Die Hutu und Tutsi haben nicht ohne Grund gegeneinander gekämpft, aber es wird nicht über die Mitverantwortung der Regierungen in Deutschland, Frankreich, Belgien und der UNO geredet.”

Ein solcher Jargon macht noch jede afrikanische Gräueltat zum Agenten westlicher Interessen. Das entmündigt Afrikaner auf eine perfide Art und Weise: die Intelligenz und Kreativität, die für jene bösen Taten nötig ist, wird ihnen abgesprochen und den verschwörerischen Weißen zugeschlagen, die naive Afrikaner zu solchen entsetzlichen Taten regelrecht ausbilden müssten. Dieses naivisierte Bild Afrikas ist nicht weniger rassistisch als das jenes, das die Konflikte dort auf die Hautfarbe zurückführt: es blendet die Fähigkeit zur extremen Aggression aus, entmenschlicht AfrikanerInnen zu passiven, Befehlsempfängern westlicher Verschwörungszentralen. Kein Kind “muss” zum Kindersoldat werden, damit “die Kinder hier Handys” haben. Abgesehen davon hat virtuell jeder Afrikaner und auch viele ihrer Kinder ein Mobiltelefon. Der Rohstoffreichtum bedeutet eben nicht Afrikas Fluch, weil die westlichen Demokratien ihr perfides Spiel damit treiben würden (was sie unbestritten auch taten und tun in ihrer Kollaboration mit afrikanischen Diktatoren), sondern weil Rohstoffe ohne angeschlossene Industrie eine starke Verteilungstendenz bedingen und staatliche Strukturen sowohl stärken als auch korrumpieren und dies erst recht, wenn die Einheits- und Harmonieideologie so stark ist wie in Afrika. Leider ist mit der Parole des Informationszeitalters und dem gleichzeitigen Fokus auf Rohstoffe wie Erdöl außer Acht geraten, was Marx und andere als wesentliche Grundlage für die Wertschöpfung herausstellen: Die Hinzufügung menschlicher Arbeitskraft zu Rohstoffen. Und die funktioniert gerade im Informationszeitalter über Industrien. Das immerhin hatte Nkrumah noch verstanden. Die historisch und logisch aus den Industrien hervorgehenden Gewerkschaften waren ihm zuviel des Guten.

 

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Einer der banalsten Sätze Adornos, der auf die eigene Banalität schon reflektiert, ist “Den­ken und Han­deln so ein­zu­rich­ten, dass Ausch­witz nicht sich wie­der­ho­le, nichts Ähn­li­ches ge­sche­he.” Aus diesem Satz wird gerne ein “Imperativ” gemacht, auf den man sich berufen muss, als könne es das eigene Denken eines jeden nicht selbstständig ohne Nennung des großen Namens zustande bringen. Erneut sei erwähnt, dass es sich nicht um den “kategorischen Imperativ Adornos” handelt, wie häufig in Unkenntnis des Textes die Phrase gedroschen wird, sondern dass Adorno diesen Imperativ als einen von Hitler der Welt aufgezwungenen benennt. Adornos explizit nicht philosophischer Satz zeichnet kein hohes Abstraktionsniveau aus, sondern das Einfachste.  Keinerlei Bildung oder Ausbildung sollte es bedürfen, um einen solchen Schluss aus der Erfahrung der Shoah zu ziehen. Ihn affirmativ zu zitieren ist ähnlich dümmlich wie eine Definition von Freiheit aus dem Lexikon zu zitieren oder einen wunders was großen Philosophen zur Benutzung eines Alltagsgegenstandes herbeizurufen. Das Zitat verweist vielmehr auf einen rituellen Charakter einer Beschwörung, als könne die Nennung schon ein allgemeines Bewusstsein schaffen, das zur tatsächlichen Verhinderung beitrage.

Ähnlich verhält es sich mit der vielberufenen “Singularität des Holocausts”. Dass sich hier etwas grauenvoll Besonderes, ein für allemal Hervorstechendes ereignete, merkten auch und gerade die Ungebildeteren. Gegen Leugner und Relativisten war diese Phrase als Therapeutikum angedacht. Den Eliten heute dient der zur Phrase geronnene Satzbaustein  eher zur Verblindung gegen tatsächlich Besonderes gegenüber Ähnlichem und Anderen und als immunisierenden Merksatz zum getrosten Weitermachen wie bisher.

In einem Artikel über Rwanda schrieb ich:

Jegliches Kategorisieren und Vergleichen droht angesichts der absoluten Barbarei in Rationalisieren abzugleiten. Auschwitz wird sich nicht wiederholen, es hat sich nie wiederholt und es war immer schon ein Teil eines noch größeren Grauens.
Dass jedoch nichts irgend Ähnliches geschehe ist gleichsam der Kern des von Adorno nur mühsam ausformulierten kategorischen Imperativs der Menschheit nach Hitler. In Ruanda zeigten moderne Demokratien zum wiederholten Male, dass sie nicht in der Lage noch Willens sind, Völkermorde zu verhindern. Jedes Fazit erübrigt sich.

Dieses Ähnliche geschah zu oft, als dass man sich die Nichtbeschäftigung damit mit dem Verweis auf die Singularität von Auschwitz erspart. Dieser Singularitätsfetisch führt letztlich dazu, dass Todeslager wie Sobibor oder die Massenerschießungen im weiteren Osten nicht mehr als Teil der industriellen Vernichtung gedacht werden, die Auschwitz zum Inbegriff des Grauens – und selbst dieses Wort ist zu schwach für das Namenlose – machte. Paradox gegen die “Singularität” steht die vollmundige Forderung “Never Again”, die von Überlebenden vorgetragen noch äußerstes Recht hat, 2010 aber nur noch abgeschmackt klingt. Auschwitz konnte sich nicht wiederholen. Ähnliches hat sich  zu oft ereignet: In Kambodschas Lagern, in denen Millionen von Intellektuellen und Städtern  tatsächlich dem gleichen Prinzip der Vernichtung durch Arbeit ausgesetzt waren, das in Deutschland nicht erst ersonnen wurde und auch im jungtürkischen osmanischen Reich schon als instinktives Verfolgungswissen gegen Armenier verwendet wurde. In Litauen wurden 95% der Juden von einer hasszerfressenen Gemeinde an Ort und Stelle ermordet. Sehr Ähnliches geschah in Ruanda, wo Nachbarn zu Mördern wurden und nun Überlebende mit Mördern Tür an Tür auskommen müssen. An der Weiterentwicklung von Techniken der Folter und dem Verschwindenlassen, die in Südamerika genozidale Diktaturen prägte, hatten geflohene Nazis entscheidende Anteile. In Asien bedurfte es keiner Nazis, um die gleichen Techniken zu erfinden und zu verfeinern. Allen Opfern schlägt das zuallererst identitäre “Never again” ins Gesicht. Die magische Formel ist ein neurotisches Prinzip, das Realität durch Wiederholung des Spruchs abdrängen will. Der Satz dient nicht mehr dazu, mahnend an den Holocaust zu erinnern und ihn erst ins Geschichtbild zu rücken, sondern er hat die fatale Konsequenz, das inzwischen geschehene Ähnliche auszuklammern, als sei es nie geschehen. Die Parole ist nur der Gärschaum eines ganz unreflektierten Wunsches nach dem Gutseinkönnen. Wo sie erklingt, muss man sich die ernsthaftesten Sorgen machen, dass hier keinerlei echte Widerstandskraft zu erwarten ist, die über die Parole hinaus zu handeln und zu denken weiß.

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In Ghana’s Northern-Regions’  multi-ethnic landscape seven settlements still differ more than any other from the rest: They are a ghetto for mostly elderly women but also younger ones and men who were accused of perpetrating witchcraft-crimes. Most popular is the perception of a witch leaving her sleeping body behind and meeting with other souls of witches in the bush to cannibalize human souls, preferably those of relatives. Sickness and death are commonly related to witchcraft and accusations are often backed by dreams that are believed to serve as a nexus to the spiritual world. While treated differently in many regions and circumstances, malicious witchcraft is a capital offense in most areas of Ghana and therefore lynchings, harrassments, evictions and torture are likely to happen to those who fall victim to a witchcraft-accusation. Those who escape lynching are brought to shrines for an ordeal or run away to the cities and the settlements for witch-hunt-victims.

For more than ten years Yaba Badoe, a Ghanaian writer and film-maker, has been visiting the so-called “witches-home” at Gambaga, which is maybe the oldest and surely the most famous site where about 80 women accused of witchcraft seek refugee. Gambaga is not a remote rural area – it is a minor Ghanaian city with excellent roads to the urban Hot-Spot Tamale. The town has an internet-cafe, electricity, a regional prison, schools, a post-office and two simple guesthouses. The countryside is bushland with its beautyful red and green hills and giant rocks shattered around. The settlement for witch-hunt-victims is not only an asylum: Women are sentenced to exile from their homes in protective custody by the Gambarrana, a traditional, yet powerful chief. Badoe interviewed women accused of witchcraft to uncover their stories. For a woman in an area of Ghana that is sexist to the bones, it is especially remarkable that she was able to reach the chiefs permission to interview him and film the chickens ordeal.  This ordeal is the final authority for many oracles throughout Africa. Once a case is brought to the chief of Gambaga, he demands a fee and a chicken. The fowls throat is cut and it is thrown away. If it does not die with its’ wings upturned, the ordeal proves the womens guilt – she is now exorcised of the supposed witchcraft spirit, she has to drink a potion, she is shaved and she has to testify her deeds. If the ordeal “proves” the innocence of the woman, she might be terrified enough to stay nonetheless. If she stays, she is obliged to work on the farms of the chief before she can work on a small field of her own, if she not entirely depends on the help of relatives or the solidarity of her mates in the camp. Should she want to leave the camp finally, she has to pay “reimbursement” for her stay. This “reimbursement”, as Badoe has investigated, has risen to an insane amount of 100 UsD.

When I visited the camp for 14 days in 2009 I was not permitted to see the ordeal and I did my best to disgruntle the chief who is notorious for his mood swings. His vain is easlily piqued while money pleases him to liberalness. Badoe managed to command his respect through her long-term observation. She proves, that documentary is possible in this highly ambivalent field and that it becomes professional mostly through time invested and intimacy towards the subjects. Badoes’ work is investigative but by no means neutral. Her canny humanist approach does not hide the subject behind “realism” and at the same time refrains from binary oppositions. Her thesis  could be read as she says in the documentary: “To be born as a woman is to be born under a shadow of suspicion.” This suspicion is always enforced by the role of male authorities like the Gambarrana who states: “Women have their own witchcraft. Can you tell who’s a thief? That’s how witchcraft is.”

Badoes number of more than a thousand women condemned of witchcraft who live in northern Ghanas’ camps for witch-hunt-victims is vague. In fact it is now clearly more than 2500 and up to 4500 people who are living in seven settlements for witch-hunt victims, mainly at Tindang/Gnaani and Kukuo/Bimbilla.  Unknown numbers go to the cities or to distant regions. But all of them suffer while some have agency and options beyond common stereotypes of victims. Badoe does a great job portraying the agency of the women. And agency is enhanced drastically by media and foreign interest. But agency is limited as soon as the stigma is concerned. As one victim states: “In the same way fire burns, I am a witch.” There is up to no defense against the chiefs’ verdict. The chief sees himself as a philanthrope while he profits from the women through forced labour, ritual-fines, “reimbursement” and fame for overpowering “evil witches”. Badoe makes his fragile ego visible.

Her insightful documentary brings the victims of witch-hunts and their emotions closer to the audience. The beautyful colours of Northern Ghana – dark faces in front of sunflooded clay-huts, red dust and dry wood, the pied clothing – foil the dull pressure put on individuals as a result of fears of witchcraft. Light is grateful in Ghana: Every face is a scarred sculpture, every hut an environment. The impressive monumentalism of the aesthetics of primitive modes of livelihood is treated with self-evidence. Badoe is far away from exploiting this environment, though she does not deny its aesthetics  – her way of filming escapes exotistic, neo-romantic artwork as much as the lurid, over-engineered realism that is in vogue. It focuses on the story to tell and the understanding of the audience, it raises questions instead of answering them.

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Von der sehr wahrscheinlich homophoben Farbe der Beschimpfung, die ein französischer Spieler verlautbart haben soll, als sein Trainer ihn zu mehr Leistung ermahnte, einmal abegesehen sympathisiere ich aufs äußerste mit der Idee des Streikes gerade in diesem Sport. Dieses patriotische Idyll an seinen Widersprüchen zu zerbrechen und in Klassenkampf aufgehen sehen kann jeden Freund Marx’scher Theoreme nur in gehässige Fröhlichkeit stimmen.

Die feudalen Reste deren sich die kapitalistischen Organisationsweisen bedienen sind im Fußball mehr als präsent. Der Trainer als deligierter Intellekt, der seine entgeisteten Maschinen auf dem Platz organisiert. Die Spieler, die unter ständigem von den Maoisten abgeschauten Rapporzwang stehen, über die immer gleichen Befindlichkeiten nach Sieg und Niederlage zu räsonieren und Besserung zu geloben. Das Environment des Stadions, in dem infernalischer Lärm, Verletzungsgefahr und klimatische Bedingungen die Fabriken des 19. Jahrhunderts aufleben lassen. Die Torprämie, die den Akkord der Spieler durchsetzt. Und eine gehässige Öffentlichkeit, die jede Druckstelle der Ware, die sie gekauft hat, aufs eifersüchtigste bekrittelt.

Dass nun ein Vorarbeiter dieses Systems, ein ideeller Gesamtpatriot, in seinem Narzissmus gestört wurde, hat weitreichende Konsequenzen für das Gesamtsystem.

„Was hier passiert“, sagte Valentin, „ist ein Skandal, für den Verband, für die Jugend, für die französische Mannschaft und das gesamte Land.“ Valentin hatte im Gegensatz zu den Spielern offenbar erkannt, dass das Drama von Knysna ein katastrophales Licht auf ganz Frankreich werfen würde.

Ein gewisser französischer Sozialist verwandelt sich in diesem Licht in eine stalinistische Kanaille, die den Einzelnen den höheren Idealen unterordnet:

Der sozialistische Politiker Jérôme Cahuzac bot derweil eine gewagte politische Interpretation des Werteverfalls im Fußballermilieu: der Präsident sei schuld, denn das Klima, das in der Nationalmannschaft herrsche, sei jenes, das Nicolas Sarkozy im ganzen Land hervorgerufen habe: „Es ist der Individualismus, der Egoismus, das Jeder-für-sich, und der einzige Maßstab des menschlichen Erfolges ist der Scheck, den jeder am Ende des Monats kassiert.“

Dabei ist die Fahndung nach dem “Verräter” in der Mannschaft, der die Schimpfworte weitergeleitet hatte, noch das stalinistischste und abstoßendste an der ganzen Geschichte und Abbild der Fahndung nach Streikbrechern in herkömmlichen Streiks. Bemerkenswert ist dennoch, dass das Team den Entlassenen nicht zugunsten von zu erwartenden Torprämien im Stich lässt, sondern zu einer darüber hinausgehenden Solidarität GEGEN die Nation und zu erwartende Schecks in der Lage ist.

Wie sehr dieser Bruch mit dem Gesetz die nationalistischen Massen irritiert ist in den Kommentarzeilen nachzulesen, die die Meldungen begleiten. Da findet die neue deutsche Innerlichkeit ihr grenzübergreifendes Äußeres. Eine kleine Partitur wird im Folgenden gereiht:

Der liberale Bildungsbürger mit Ressentiment schiebt alles auf die Bildung:

“Meine Güte! Es geht um fußball! Um ein Spiel!

Da sind keine Politiker oder Könige oder Präsidenten der Nationen auf dem Spielfeld, die ihr Land repräsentieren sollen. Die sollen Fußball spielen und fertig. Und wenn einem mal der Gaul durchgeht und er in der KABINE einen unflätigen Satz raushaut – was soll’s. Sind eben Fußballer. Wahrscheinlich ebenso aus den bildungsfernen Schichten wie die, die bei uns in den Vereinen spielen. Was will man da erwarten?”

Dabei wäre gerade von gebildeten Leuten zu erwarten, dass sie eine gut pointierte Beleidigung an Ort und Stelle plazieren können und nicht “innere Reichsparteitage” abhalten, wie sich eine Reporterin den Gemütszustand in einem unter Druck gesetzten deutschen Fußballer in einem genialen Kurzschluss vorstellte. Dass sie also zu Streik und Solidarität mindestens so gut in der Lage sind wie das von ihnen bespottete Proletariat.

Ein Holzfuxx vertritt die deutsch-nationalistischen, wenngleich frankophilen Schlußstrichzieher:

“Frankreich so der Lächerlichkeit preiszugeben, hat die “Grand Nation” wirklich nicht verdient. Die FIFA sollte einen Schlußstrich setzen und die französische Mannschaft aus dem Wettbewerb ausschliessen. Den Namen “Nationalmannschaft” hat sie nicht mehr verdient. Eine Schande für alle anderen Fussballspieler der Nation.”

Die französische Bildungsministerin spielt ganz volkspädagogisch die autoritäre Geige:

Die Bildungsministerin Valérie Pecresse warf im Laufe des Tages die Frage auf, wie man eigentlich von jungen Leuten noch erwarten wolle, ihre Lehrer zu respektieren, wenn sie Anelka sähen, der seinen Trainer beleidigt.

Hierzulande sind die Lehrer eher umgeben von ethnopluralistischen, streikfeindlichen Dorfnazis, die sich auf Blogs wie diesem hier tummeln:

“Die französische “Nationalmannschaft” ist ein Witz, ein Schlag ins Gesicht für jeden authochtonen Franzmann. Unsere “deutsche” Mannschaft ist aber auch nicht viel besser – ich fühle mich nicht von Moslems wie Özil repräsentiert ! Ich hab den Serben ihren wohlverdienten Sieg gegen unser islamisiertes Multikultiteam deshalb auch von ganzem Herzen gegönnt ! Serbien ist so ein kleines Land, und doch brauchen sie anscheinend keine importierten “Talente”, um erfolgreich zu sein ! Und schon gar keine Moslems !!!”

Oder einen “kamille”:

“der zum Is lahm konvertierte Anelka zeigt sein wahres Gesicht. Keine Spur von göttlicher Inspiration oder frommen Lebenswandel. Die Religion des Friedens scheint eher ein Sammelbecken für gestörte Afrikaner zu sein (Tyson, Jackson, Clay)”

Die Kakophonie breche ich mit Kommentar aus Frankreich ab:

“Sie haben die Träume ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Fans zerstört”, teilte die Sportministerin mit. Auch Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, eine ehemalige Synchronschwimmerin, verurteilte den Trainingsboykott der Spieler am Sonntag: “Auch ich habe die Nationalfarben getragen, ich bin erschüttert.”

Zumindest auf diese Erschütterung des deutschen, französischen und sozialistischen Patriotismus in seinen Grundfesten trinke ich heute abend ein Glas Merlot!

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In der IZPP erschien just mein neuer Artikel mit dem Titel:

Somatisierte Geister – Über Leckagen und medial vermittelte Krankheitskonzepte im ghanaischen Film

Über Kritik und Anregungen freue ich mich.

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Das Hafenstädtchen Haradheere, bislang eine Piratenhochburg, wurde nun von der Hizbul Islam, einer mit den Al-Shahaab-Milizen konkurrierenden Al-Quaida-nahen Gruppierung eingenommen. Vorher sah es laut Wall-Street-Journal dort so aus:

The residents of Haradheere enjoy a far more permissive lifestyle than those in militant-controlled parts of the country. Men and women can be seen walking together in the streets, or chatting in black mirrored cars bought with pirate ransoms. Women aren’t required to cover their heads as they do in other parts of Somalia, and beer and whiskey—taboo in other places—flow freely. Men can gather to chew qat, the popular narcotic, without fear of censure.

Man ist nun überrascht, zu hören, dass Hizbul Islam regelrecht in die Stadt gebeten wurde. Sie waren immer noch das kleinere Übel:

Al Shabaab overran a nearby town last week, unnerving the pirates. The Haradheere pirates had long paid taxes on their ransoms to al Shabaab to keep the group at bay. But last week, pirates in Haradheere said they would no longer pay those taxes, prompting a standoff between the two groups. [...] Some admit they pay about 15% of their takings to militants to allow them to operate in peace, but most have no interest in aligning themselves further with the fighters.

[...]

On Sunday, members of the group Hizbul Islam, driving pickups mounted with heavy guns, moved into the town of Haradheere. As the militants arrived, the pirates fled, piling into Toyota Camrys and Land Cruisers to escape potential clashes.

“We have to leave this town—those who behead people meaninglessly have arrived,” said Farah Ganey, a Haradheere pirate, in a telephone interview.

Es erscheint mir immer noch völlig unbegreiflich, wie total sich eine Öffentlichkeit zu nennende Mehrheit im Westen gegen solche Vorgänge derart immunisiert. Jemand, der bei einem Einbruch oder Kindesmisshandlung 110 wählen würde, um den nächsten Polizist mit Dienstwaffe herbeizurufen murmelt dann angesichts derartig menschenverachtendem Racket-Unwesens etwas von “mehr Entwicklungshilfe” und Fehlern der Vergangenheit. Die versprengten AU-Truppen können derweil froh sein, wenn sie überhaupt noch auf einen Abflug hoffen dürfen. Fast ganz Mogadishu wird wieder von den Islamisten kontrolliert. Eine Entsatzung dürfte wieder einmal der zweifelhaften äthiopischen Armee überlassen bleiben.

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Auf Ghanaweb.com wurden die Siedlungen für Hexenjagdflüchtlinge zur Diskussion gestellt. Unter den Kommentaren findet sich dann in diesem dankenswerterweise unzensierten Medium der obige Kommentar. Das ist die offenste Übernahme von antisemitischem Repertoire in Hexereivorstellungen, die mir bislang begegnet ist. Da mittlerweile die Siedlungen bekannt gemacht wurden, um auf die Probleme der Frauen aufmerksam zu machen, stellen solche Randgruppen eine nicht zu vernachlässigende Bedrohung für die knapp 4000 Hexenjagdflüchtlinge dar, die sich in Nordghana in den sieben von mir besuchten Schutzhaftsiedlungen mit Mühe und Not über Wasser halten.

Ghanaweb.com published an article about the settlements for witch-hunt victims. The comment above was postet and can be read thanks to the uncensored board. It is the most open adaption of anti-Semite aggression to witchcraft notions that I ever met. Due to the publication of the settlements locations for public knowledge about the issue these aggressive minorities could pose a threat for the 4000 victims of witch-hunts who already bear utmost hardship in the seven settlements for witch-hunt victims in northern Ghana.

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Nicholas D. Kristof spießt in einem kurzen Artikel über den Alltag in der Demokratischen Republik Kongo die Widersprüchlichkeit der Nothilfe auf: “Orphaned, Raped and Ignored.”

Mitleid, sagen Adorno und Horkheimer, ist ungerecht: Es ist immer zu wenig. Der fromme Wunsch, alleine das Abwerfen von Hilfsgütern werde irgendwo einen Menschen für den Westen einnehmen, ist ein feiger. So wird nichts riskiert und man bleibt den Opfern so fern es nur geht. Der Mut zum Konflikt, zur Konfrontation und letztlich zum Kompromiss fehlt. Der kompromisslose Pazifismus, wie ihn die Linkspartei propagiert, ist äußerste Ignoranz gegen die Opfer eines frei rotierenden Racketterrorismus. Rassismus ist nicht nur, wenn Skinheads einen Afrikaner in der Berliner U-Bahn verprügeln. Rassismus ist auch, mehr als 4 Millionen Tote schulterzuckend zu ignorieren, nur weil sie in Afrika  und nicht etwa in Unterfranken oder der Schweiz ermordet wurden.

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Man kann von JournalistInnen kaum erwarten, dass sie über ethnologisches Fachwissen verfügen. Dass sie ihre Quellen prüfen allerdings schon. “Fett-Mafia in Peru: Menschen getötet, Fett an Kosmetikindustrie verkauft!” Der Bericht von BILD gewohnt faktisch, man glaubt den Aussagen eines Polizeioffiziers.”Grausige Mörder in Peru: Fett von Leichen verkauft!” titelt es vom Vorarlberg, hier ist man allerdings schon professioneller und stellt die Geschichte in Zweifel. “Handel mit Menschenfett in Peru: Dutzende Menschen verschwunden!” Die taz bringt die Schuld der Europäer ins Spiel, weil in ihrer narzisstischen Ideologie keine noch so perfide Verschwörung der Welt ohne die hervorragende Genialität und Letzschuld der Europäer bestehen kann.

Heute wurde bekannt, dass es sich bei dem Bericht um eine Ente handelt, die der dortige Polizeikommissar verbreitete, weil er damit Ermittlungsprobleme übertünchen wollte. EthnologInnen und SüdamerikanistInnen ist diese spezielle modernisierte Ritualmordlegende lange bekannt. Michael Taussig etwa erwähnt sie in seinem Buch über den Tiu-Kult der Bergarbeiter in Bolivien. Im Volksmund sind es Hexen oder andere spirituelle Übeltäter, die Blut oder Fett der Opfer aussaugen. Die erfahrenen Schrecken der Versklavung durch ganz reale Oligarchen rationalisierte den sehr speziellen Spiritualismus der Anden heraus und hinterließ einen international durchschlagskräftigen Mythos. Prinzipiell wäre eine solche Perfidie der mafiös orchestrierten Nachfragedeckung möglich und in Punkto Grausamkeit auch gar nichts besonderes in der Geschichte Südamerikas. Dass von hunderten von Varianten dieses Mythos gerade die eine ihren Weg in die internationale Presse fand und diese blamierte, ist wohl vermittelt durch die Autorität eines Polizisten und die tatsächliche Mordserie. Ungeklärt bleibt, wieso man afrikanischen urban legends nicht nachgeht, nach denen Kriminelle ihren Opfern das Blut aussaugen und dann an die Weißen verkaufen. Vielleicht weil sich diese Mythen dann doch wieder zu sehr mit der Realität vermischen, in denen Schwarzmärkte für menschliche Körperteile florieren, weil man sich von diesen magische Profitmaximierung verspricht. In Lagos oder Südafrika werden regelmäßig verstümmelte Leichen gefunden, denen man Genitalien, Blut oder Körperteile entfernte. Für Südafrika beläuft sich die Schätzung auf über hundert Ritualmorde pro Jahr. Diese Realität ist vermittelt mit dem sehr tiefen Glauben der Menschen an die magischen Kräfte solcher Rituale – Vorstellungswelten übersetzen sich in Taten, die jene Vorstellungswelten reproduzieren. Den Verzweifelten und den von Gier und Angst um ihren Erfolg Geplagten bietet sich das Menschenopfer als einziger Weg ins Glück an, wo man Reichen grundsätzlich jenes Verbrechen unterstellt. Reichtum ohne Menschenopfer ist kaum mehr vorstellbar und das evangelikale Christentum tut sein Bestes, diese Vorstellung von Wohlstand durch das universale (und damit ungleich sparsamere) Opfer eines Gottessohns zu stärken. Solche Magie entspricht im wesentlichen auch derjenigen, die meint, man könne Wohlstand produzieren, indem man Flüchtlinge im Mittelmeer ertränkt.

Nachtrag: Die taz gibt sich in der Richtigstellung souverän als habe sie das Märchen von Anfang an nicht geglaubt -  und als hätte es  in der taz keine reißerische Schlagzeile zum Thema gegeben.

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Die Hexe von Gushiegu. Wie afrikanischer Geisterglaube das Leben der Asara Azindu zerstörte. Von Gerhard Haase-Hindenberg, 2009. Wilhelm Heyne-Verlag München, 288 Seiten.

Als ich im Mai 2009 in Gambaga ankam, sprach der Leiter des dortigen „Gambaga-Outcast-Home-Projects“, Simon Ngota, noch in höchsten Tönen über den Schauspieler und Reisejournalisten Haase-Hindenberg. Anders als viele andere Journalisten, die alle paar Wochen in Gambaga anlanden, um nach drei Tagen ihre reißerische Story mit pittoresken Bildern im Kasten zu haben, forschte Haase-Hindenberg dort für mehrere Monate und entschied sich letztlich, eine Biographie eines einzelnen Opfers einer Hexenjagd zu schreiben. Daraus wurde ein überaus treffsicheres Buch, das sich darüber hinaus sehr spannend liest.

Haase-Hindenberg lässt in Abschnitten seine reale Hauptprotagonistin Asara Azindu autobiographisch in der Ich-Perspektive sprechen. Dann geht er wieder über in den Stil des auktorialen Erzählers. Diese Hybridform gelingt ihm erstaunlich glatt und wirkt nie anmaßend. Haase-Hindenberg schafft es, sensibel, feinsinnig und mit viel Hintergrundwissen ein differenziertes Bild der Gesellschaft in Nord-Ghana zu entwerfen – weit entfernt von Exotismus, Afrika-Kitsch und Betroffenheitsliteratur.

Die vor zwei Jahren gestorbene Asara Azindu erlitt ein Schicksal, das in seinen Grundzügen dem zahlreicher Frauen in Afrika und darüber hinaus ähnlich ist. Sie wurde aus für sie zunächst undurchsichtigen Gründen der Hexerei beschuldigt. Ein Mob verwüstete ihren Laden, brandschatzte ihre Lehmhütte trachtete ihr nach dem Leben. Der Chief in Gushiegu schritt ein und rettete ihr das Leben. Sie entkam nach Gambaga, zum dortigen landesweit bekannten Ghetto für Hexenjagdflüchtlinge. Um die 80 sind es noch, nachdem ein Projekt kontinuierlich Versöhnungsarbeit leistete und über 15 Jahre hinweg 500 Frauen neu ansiedelte oder in ihre Herkunfts-Dörfer brachte. Meistens mit Erfolg, mitunter mit schlimmen Folgen.

Jenes Projekt unter der Leitung Simon Ngotas schaffte es letztlich auch Azara Aziedu zu ihrer Familie zurück zu bringen, die nie an die Hexereivorwürfe glaubte. Asara Azindu hielt das Ganze für ein Komplott. Dann hatte ein Kind in der Nachbarschaft einen Unfall und verbrühte sich den Körper. Sie wurde von der Mutter des Kindes erneut der Hexerei beschuldigt, ihr Stigma hatte der Aufenthalt in Gambaga nur verfestigt. Sie traute den Beschwichtigungen des Chiefs und der Familie nicht und flüchtete nachts zurück nach Gambaga, wo sie bis fast an ihr Lebensende blieb, geschwächt und krank, von der Hilfe einer Enkelin abhängig. Kurz vor ihrem Tod ging sie erneut zurück – die Nachbarin entschuldigte sich nach den Vermittlungsbemühungen für die Anklage. Im Kreise ihrer Familie starb sie wohl nicht zuletzt an den Folgen der Entbehrungen im „Hexen“-Ghetto von Gambaga.

Die Widersprüche der realen Protagonistin sind gerade das seriöse Moment bei Haase-Hindenbergs biographischem Roman. Asara Azindu ist keine heroische Identifikationsfigur. Sie beschuldigte selbst andere im „Hexen“-Ghetto der Hexerei und brauchte lange, bis sie sich vom Prinzip der Hexereianklage verabschiedete. Um sie herum errichtet Haase-Hindenberg eine intime Sozialstudie.

Da ist der Einfluss neuer Waren auf den fragilen Binnenmarkt – Haase-Hindenberg vollzieht die Folgen nüchtern nach, ohne in die im Genre der Afrikaliteratur üblichen Klagen über den vorgeblich so zerstörerischen Einflusses des Weltmarktes einzustimmen. Die erfolgreiche und ehrgeizige Händlerin Asara Azindu war bereits als Mangohändlerin selbst Teil dieses Weltmarktes. Als sie dann den neu eingeführten, billigeren Reis aus Thailand kostete, befand sie ihn für besser als den ghanaischen. Da ist auch die misogyne Kultur in Nordghana, in der Frauen als Heiratsobjekte und Prestigegüter getauscht werden. Wer dann trotz der dauernden Diskriminierung noch ökonomisch erfolgreich ist oder sich nicht wie üblich vor dem Ehemann beim Wasserreichen hinkniet, bekommt Probleme. Da ist der Chief in Gambaga, eine widersprüchliche Person, die von den Hexenjagden einen guten Profit abschöpft und zugleich für die Sicherheit der zu ihm gebrachten Frauen garantiert. Dem gegenüber steht das Bild des damaligen Chiefs in Gushiegu, der Hexenjagden generell kritisch gegenüber steht – aber nicht mit seinem Ältestenrat zu brechen wagt und daher stets Kompromisse eingeht.

Was davon erfunden ist und was nicht ist nebensächlich – für jeden, der vor Ort lebt oder forschte ist klar: es könnte alles genau so gewesen sein. Eine sehr kritische ortskundige Lektüre wird kleine Fehler finden – an der Qualität des Buches kann kaum gerüttelt werden. Es ist für alle und aufgrund der sehr guten Verständlichkeit und der Stringenz der Darstellung ganz besonders für Jugendliche und potentiell in dieser Gegend Engagierte zu empfehlen.

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