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Eine Eigentümlichkeit kapitalistischer Verhältnisse ist, dass auch ihre Gegner ihren Zwängen nicht entraten können. Als einst Arbeiter begannen, die Maschinen zu zerstören, die ihre einzige Ware, die Arbeitskraft, dem Preisverfall auslieferten, handelten sie vernünftig und wahnsinnig zugleich. Vernünftig, denn sie konnten nicht darauf hoffen, dass ihnen durch die krisenhafte Fortentwicklung auf einer höheren Stufe und mit höheren Bildungsstandards wieder ein Auskommen zugeteilt würde.
Sie durchschauten die Konkurrenz, die ihnen Maschinen bedeuteten, die wussten instinktiv, dass bald die ersten unter ihnen verhungern würden, obwohl die Maschinen doch ein Mehrfaches produzierten und doch ihre Körper und die ihrer Kinder nur in härteren, barbarischeren Schichten zugrunde richteten.
Unvernünftig, weil diese Maschinen ihre Befreiung von der barbarisch harten Körperarbeit bedeuten konnten und ihre kurzfristige Zerstörung mitnichten die Arbeiter befreite. Heute gelten die Maschinenstürmer als Exponate naiver, verkürzter und lächerlicher Kapitalismuskritik schlechthin, obwohl sie im falschen Ganzen doch auch nicht wesentlich unvernünftiger oder wahnsinniger handelten, als beispielsweise Gewerkschafter, Banker, Schnäppchenjäger oder Hausbesetzer. Sie alle suchen den bestimmten Vorteil und setzten damit nur allgemeine Zwänge fort oder geben sie nach dem Recht des Stärkeren an Schwächere weiter.
Als Prinzen und Gräfinnen den Bauern Englands den Boden unter den Füßen wegbesetzten, weil sie darauf Schafwolle zu produzieren gedachten, kümmerten sie traditionelle Rechtsbestände ebenso wenig wie die Hausbesetzer des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Legitimationsbasis war das Recht des Stärkeren verbrämt mit Modernismus: das Objekt produzierte nicht auf der Höhe der Zeit. Provozierend war die Privatnutzung des Landes für die Subsistenz der Kleinbauern, wo doch die Welt nach Schafwolle verlangte; Skandal für die Hausbesetzer ist der Leerstand noch halbwegs bewohnbaren Materials bei bester Marktlage.
Sie handeln gewieft wie nur ein Immobilienmakler, wenn sie Schwachstellen im Immobilienmarkt aufspüren, ihr eigenes Potential prüfen, das Marktrisiko, den Mietpreis, die Zahl der Mitinvestoren – und dann zum kollektiven Raub des Objektes sich entscheiden. Allein ihre Masse und die Wertlosigkeit des Objekts können in bestimmten ökonomischen, lokalen und gesellschaftlichen Konstellationen bewirken, dass ihr Raub folgenlos bleibt, sogar honoriert wird als ursprüngliche Akkumulation.
Ursprüngliche Akkumulation war von je her rasch vergessen, wenn das Kapital sich bestimmungsgerecht vermehrte. Niemand käme heute noch auf die Idee, Nachfahren von Adel und Klerus zu enteignen. Diebstahl war demnach nie ein eindeutig verurteilter Akt. Als dauernde Aneignung von in Waren geronnener Lebenszeit durch die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ist sie Grundbestand der Produktionsweise. Diese systematische Nähe bürgerlicher Produktionsweise zum Raub, den Diebstahl im Eigentum, ahnen Hausbesetzer und sie versuchen, das Risiko einer Ahndung ihrer Tat ökonomisch zu erhöhen, um ihren Diebstahl nachträglich zu legalisieren – sie haben die geschichtliche Erfahrung verinnerlicht, dass das gehen kann. Entglasungen, Brandstiftungen und Krankenhausrechnungen von Polizisten müssen nur teurer sein als der Gewinn, der aus der Räumung gezogen werden kann.
Hausbesetzungen haben in Krisenzeiten eine rationale Funktion als mehr oder weniger unpolitischer Mundraub – aus der Zeit der Wirtschaftskrise der Weimarer Republik ist das Bild der besetzten Häuser in Berlin bekannt, auf dem Naziflaggen und rote Fahnen nebeneinander wehen. In Deutschland ist dieser Notstand zwar wieder etwas öfter gegeben, wie etwa in der Berliner Eisfabrik, aber von Linken werden oder bleiben Häuser in aller Regel nicht mehr besetzt, weil man sonst erfrieren würde. Ginge es nur um Wohnungsnot oder Antifaschismus, man könnte in Bernburg oder Neustadt/Sachsen jedes dritte Haus für einen Bruchteil der Prozesskosten der jüngsten Ausschreitungen erstehen, es sich in herrlicher Landschaft recht gemütlich machen, und die Nazis quasi schon dort konfrontieren, wo sie wohnen.
Die Glorifizierung des Hausbesetzertums als allgemein subversive Strategie fordert letztlich eben jene Ellenbogenmentalität ein, die am Kapitalverhältnis kritisiert wird. Die hypothetische Situation eines totalen Sieges der Hausbesetzerbewegung impliziert nicht die Aufhebung von Eigentumsverhältnissen, sondern des Rechtsstaates, die Niederlage der Schwächsten, die fortan in den elendesten Außenbezirken und Plattenbauten wohnen müssen, weil die stärksten Autonomen die Bestlagen erobert haben. Die Aneignung von Häusern ist die Affirmation, nicht die Abschaffung des Eigentums, wie es die Besetzer so häufig behaupten.
Dass sie ihr Stück vom Kuchen, mitunter auch die ganze Bäckerei haben wollen, sei ihnen gegönnt. Aber nur mit einiger Weltfremdheit könnte man die besetzten Häuser als Keimzellen definieren, an denen etwa die vom Marxismus vorgeschlagene aufgeklärte Expropriation der Expropriateure in den Fabriken vorbereitet und geübt wird. Sobald das Eigenheim erobert ist, kommen notwendig die Sorgen, die jeder Bausparer und Ratenzahler und jeder Immobilieninvestor mit seinem Häuschen hat: Wie hält man diesen in den 50-ern oder noch früher verbrochenen Klumpatsch nur instand, wie drückt man die Energiekosten ohne zuviel zu investieren? Wer versetzt die Heizkörper, schafft neue an, isoliert die Heizkörpernischen und Rolladenkästen, setzt neue Fenster ein, isoliert die Fassade oder Innenräume fachgerecht, tauscht uralte Wasser- und Stromleitungen aus, isoliert das Dach oder wenigstens die Geschossdecke, beseitigt die Wärmebrücken, regelt die Brandschutzversicherung und befüllt die neue Scheitbefeuerungsanlage oder den Grundofen? Und wie drückt man aus eigenem Interesse die Löhne der Handwerker, der Ingenieure, die Solarkollektoren entwerfen, der Arbeiter, die die Türklinken aus gebürstetem Edelstahl herstellen?
An solchen Folgekosten scheiterte so mancher Hauskauf und so manche Hausbesetzung. Die Renovierungsbedarf ganzer verelendeter Stadtteile – man denke an die fachbewerkten denkmalgeschützten Studentenslums der Marburger Oberstadt – werden in der Ideologie von der Gentrifizierung einfach veredelt zur Kultur, die Investitionskosten wegretuschiert. Tatsächlich sind die Renovierungskosten eines Hauses in Stadt, Speckgürtel und Land weitgehend identisch, während die Mieten und Grundstückspreise exorbitant divergieren. In beiden Fällen lohnt es sich kaum noch, irgendetwas in Häuser zu investieren, wenn nicht eine lückenlose Vermietung das Risiko zumindest berechenbar macht. Das Zielobjekt zahlloser Rentner und ihre prospektiven jugendlichen Erben ist die Mietwohnung in der westdeutschen Großstadt, eine halbwegs bezahlbare Einheit mit beherrschbaren Folgekosten und bleibendem Gebrauchswert für Familienmitglieder. In der Gentrifizierungsideologie werden solche Marktmechanismen in den üblen Willen und böse Absicht von „Spekulanten“ und „Investoren“ personifiziert. Man will nicht an den Mietkosten spüren müssen, wie wenig man in der Produktionssphäre als Äquivalent für seine in Waren transformierte Lebenszeit erhält, und dafür nimmt man dann Abstriche am Komfort und erhebliche Energiekosten in Kauf. Die Form der Verelendung wird zur Rebellion verklärt.
Hausbesetzer haben in Hamburg die Rote Flora in einer historisch günstigen Situation mit dem Recht des Stärkeren gewonnen. Man gönnt ihnen und den anderen Hausbesetzern der Wendezeit ihre expropriierte Bleibe von Herzen. Kritische Theorie weigert sich, jenen Störungen der verkehrten Ordnung in den Arm zu fallen, die selbst zumindest noch ein Bewusstsein von der Verkehrtheit haben oder deren Eigeninteresse in einem ungleichen Klassenkampf rational nachvollziehbar bleibt. Wenn aus den äußerst beschränkten Möglichkeiten aber eine große Ideologie von Freiräumen, Anti-Gentrifizierung und der „Buntheit“ einer womöglichen Revolution in Naherwartung gemacht wird, verdient das Kritik.
Im Fall der Roten Flora kaufte ein Investor in den 1990-ern für 350.000 DM das damals schon besetzte Haus mit zahlreichen Auflagen von der Stadt, darunter die Verpflichtung, alles beim Alten zu lassen. Warum die damaligen Besetzer vorher den Mietvertrag mit der Stadt platzen ließen, warum sie nicht selbst die Summe zusammentrugen und noch etwas drauflegten, ist Gegenstand von Spekulation. Heute jedenfalls wird der Kaufwert der roten Flora laut Eigentümer zwischen 9-20 Millionen Euro veranschlagt, wohl weitere 9 Millionen haben die Besetzer in mehr als 20 Jahren Dauerbetrieb durch Veranstaltungen, tägliche Kundschaft, Mieten eingenommen oder gespart.
Der von den deutschen Linken vorgeschützte Notstand, die moralische Überlegenheit ist vom bürgerlichen Egoismus durchtränkt wie der des Eigentümers auch. Beide spekulierten auf Risiko, beide versuchen nun, ihren Preis in die Höhe zu treiben. Das in Politik maskierte Vorgehen ist von anderen Orten hinlänglich bekannt, routiniert und erprobt. Einem provozierten Eingreifen der Polizei gegen eine Demonstration folgen provozierte Reaktionen oder umgekehrt. Wer auch immer begonnen hat: dass sich die Autonomen überhaupt darauf berufen, nach 40 Jahren Erfahrung im politischen Kampf in eine Straßenschlacht ohne eigenes Zutun und gegen den eigenen Willen hinein „provoziert“ worden zu sein, zeugt von ihrer Lust an der Provokation. Sie machten sich so berechenbar, wie das die Einsatzleiter für ihre opake Strategie schon voraussetzten.
Unabhängig von den jüngsten Unruhen: Wie an zahllosen linken Institutionen, die einmal ihre Vervielfachung und Ausbreitung bedeuteten und dann in Agonie erstarrten, ist auch in der Roten Flora ein linker Nationalismus entstanden. Historische Parallele ist das Ausbleiben der Weltrevolution und die Zwangslage der Sowjets, sich vorerst als Sozialismus in einem Land zu arrangieren. Horkheimer nannte das in seinem Vortrag mit dem harmlosen Titel „Die Zukunft der Ehe“: „linker und rechter, in Wahrheit identischer Nationalismus“.
Der eigene Kiez, ohne den wähnt man sich heimatlos und verloren, weil echter Klassenkampf ausbleibt. Hier wird eigenes Recht durchgesetzt bis in die intimsten Bereiche des Strafrechtes – Vergewaltiger erhalten Hausverbot, aber keine Anzeige, weil man nicht mit der Polizei kooperieren will. Wer mit nacktem Oberkörper Schlagzeug spielt, wer einer Frau einen Drink zuviel spendiert, wer schlechte Polemik schreibt, wer einmal aufgefallen ist ohne den Schutz des Kollektivs, erhält ebenfalls Hausverbot – Exil von der linken Scholle als schlimmste vorstellbare Einheitsstrafe für wiederum alles vom Schwerverbrechen zu Bagatellen der Devianz. In der neugeschaffenen heilen Welt wird das Wohlfühlen zum obersten Prinzip gemacht, wo man einst notorisch unzufrieden sein wollte und in den Räumen lediglich Basen für die weitere Ausbreitung sah. Solche Verhältnisse reproduzieren Kulturindustrie in den linken Räumen: Fun regiert und Miesepeterei oder was über verordnete, zuschauergerechte prüde Sexyness hinausgeht wird ausgeschlossen. Wenn es gar zu langweilig wird, hängt man Schilder auf, dass hier theoretisch dauernd „sexuelle Übergriffe“ (und dazu zählt dann so ziemlich alles, was unter […] definiert sein will) passieren könnten – wohliger Grusel der sexuell Frustrierten über Verbotenes, Tabuiertes, der den Morden und Vergewaltigungen im Feierabendkrimi der Berufstätigen gleichsieht.
Anstelle von Refugien von alternativen Praktiken und Horten der Liberalität entstanden linke Assessment-Center höherer Ordnung, in denen die gewinnen, die erfolgreich durch alle Plena sich quälen und Zwänge und Redeverbote am erfolgreichsten internalisierten.
Zwei Textsammlungen kommen zu ganz ähnlichen Schlüssen und seien ausdrücklich empfohlen:
„So sah das zynischerweise auch der damalige Berliner Kripoleiter Schenk: „Es ist doch prima, wenn die jungen Leute sich dabei handwerklich in sinnvoller Weise betätigen: Da lernen die was – und kommen nicht auf dumme Gedanken.““
http://www.squatter.w3brigade.de/content/geschichte/die-hausbesetzerbewegung-ost-berlin-teil1
„Politniks aus Autonomen und Antiimpkreisen profilierten sich großmäulig und propagierten den Revolutionären Häuserkampf gegen den Imperialismus.“
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Mein Beitrag zum 2. Ethnographischen Filmfestival Marburg. Die Bildqualität ist zu entschuldigen, es ist ein Zufallsprodukt, das nur aufgrund eines gewissen ethnographischen Wertes gerettet wurde.
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Jean Rouch filmte in seinem Meisterwerk „Les Maitres fous“ unter anderem eine Demonstration in Accra, Ghana. Die Protestierenden waren Prostituierte, sie forderten höhere Löhne ein.
Im heutigen Frankreich haben Prostituierte diese Freiheit nicht mehr. 2003 hatten die Konservativen Prostituierte mit Strafen bedroht, wenn sie Freier anwerben. Die Sozialisten schaffen das gerade ab zugunsten des schwedischen Modells, nach dem die Freier bestraft werden.(1) In den protestantischen und sozialdemokratischen Staaten Schweden, Norwegen und Island ist Prostitution jeweils für Freier illegal, Island untersagt selbst das Strippen.(2) Finnland diskutiert aktuell das schwedische Modell, in Deutschland agitiert die Illustrierte „Emma“ dafür.
Dass man nicht die Prostituierten, sondern die Freier bestrafen müsse, das erscheint den einfacher gestrickten Philanthropen schon wie ein gewitzter Kniff, um etwas richtig zu rücken. Tatsächlich verschleiert das nur die Aggression auf die Prostituierten. Die Folge ist die gleiche: Prostituierte können ihr Geschäft aufgeben. Das schwedische Modell ist etwas gerechter, dafür wohl ungleich effektiver als das konservative in der Unterdrückung der Prostitution im eigenen Land. Letztlich geht es um ihre Abschaffung oder zumindest Verschiebung – nach Deutschland und in die Peripherien, wo man dann wiederum den Anstieg der Prostitution skandalisiert.
Prostitution beruft sich auf das Recht, die eigene Arbeitskraft frei zu verkaufen. Dieses Recht ist eines der Kernbestände liberaler Demokratie. Nun gab es von je her Einschränkungen: Kinderarbeit wurde verboten. Die Zustände in den britischen Kohleminen, in denen Kinder wegen ihrer Größe in den besonders niedrigen Schächten eingesetzt wurden, die Kinderarbeit in Webereien sind bei Engels beschrieben. (Natürlich findet Kinderarbeit nach wie vor statt in den Peripherien, für Baumwolle, Kakao, Fussbälle und Teppiche) Bei der Kinderarbeit ist der zentrale Konflikt die Unmündigkeit. Ein kleiner Mensch kann diese Arbeiten nach wie vor ausüben, auch wenn sie ihn zugrunde richtet und er weniger Gehalt erhält, als vorher das ebensogroße Kind. Nicht die individuell zerstörerische Wirkung von Arbeit interessiert die Gesellschaft, sondern die gesellschaftliche. Mündigkeit ist durch das Verbot der Prostitution Minderjähriger in allen EU-Staaten gegeben. Die Prostitution hat darin etwas den anderen Berufen voraus, die teilweise schon mit 15 erlernt werden dürfen, ab 17 darf man sich in der Bundeswehr härtestem Drill und Lebensgefahr aussetzen, Zeitungsaustragen dürfen schon sehr kleine Kinder, Schauspielern die kleinsten.
Minderjährigkeit und direkter Zwang sind bei jeglicher Arbeit, auch bei der Prostitution illegal. Das Verbot der Zwangsarbeit fokussiert aber nicht auf den Zwang an sich, sondern auf die Vermitteltheit des Zwangs. Abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse gelten als die natürlichen, hinzunehmenden Voraussetzungen der freien Selbstausbeutung, auch wenn darunter Zwänge wie Hunger, Tod und soziale Isolation gefasst werden müssen.
In der Prostitutionsfeindschaft will man von vermittelten Zwängen nichts mehr wissen. Bordelle, die ihre Ausbeuter fraglos haben, sind aber in ihrer grundsätzlichen Vermitteltheit des Zwangs nicht zu unterscheiden von den Baustellen oder Fabriken, in denen sich Männer wie Frauen aus „freien Stücken“ zugrunde richten dürfen. Das Ziel der Prostitutionsfeinde ist daher stets die Verschleierung der strukturellen Gleichheit der vermittelten Ausbeutung. Diese Verschleierungstaktik bedient sich zweier Strategien: Statistik und Spezifik.
Statistik soll suggerieren, dass der Notstand in der Prostitution so akut ist, dass in der Rechtsgüterabwägung das Recht auf freien Verkauf der eigenen Arbeitskraft unter den Tisch fallen kann. Wenn erst die Vorherrschaft unmittelbaren Zwangs, also Zwangsprostitution, in der Prostitution nachgewiesen ist, ist das Gewissen der puritanischen Philantropen für den Angriff auf die nur vermittelt erzwungene Prostitution gereinigt. Der Verweis auf die prinzipielle Möglichkeit der emanzipierten Prostitution, die von ähnlichen ausbeuterischen Verhältnissen und Marktzwängen geprägt sein wird wie jede andere Arbeit, kann angesichts der Statistik und Drastik der Ausbeutung in Extremfällen jederzeit als zynisch denunziert werden. Wen kümmern die wenigen Edel-Escorts, die Gelegenheitsprostituierten, die masochistischen Fetischisten in ihren jeweiligen hetero- und homosexuellen Ausprägungen, wenn die Abschaffung ihrer Rechte Andere aus so extremer Sklaverei befreit. Die Legitimationsform ist die gleiche wie bei der Abschaffung bürgerlicher Freiheiten für die Terrorismusbekämpfung oder die Aufhebung des Datenschutzes zur Bekämpfung von Kriminalität: Notstand.
Das zweite, emotionalere Standbein der Prostitutionsgegner ist die Spezifik. Prostitution ist demnach verwerflich, weil sie grundsätzlich „andere“ Arbeit ist, weil sie die Geschlechtsteile involviert. Wenn die gleichen Geschlechtsteile lebenslang auf Bürostühlen oder Kassiererinnenstühlen eingequetscht werden bis Hämorrhoiden, Stressinkontinenz und Frühableben wegen Bewegungsmangel eintreten, gilt das als weniger skandalös als die berufsmäßige Penetration oder Masturbation. Bandscheibenvorfall und Hexenschuss – notwendige Folgen moderner Arbeitsverhältnisse – fügen extremsten Schmerz zu und können lebenslange Verkrüppelung bedeuten. Dennoch werden sie als Berufskrankheiten toleriert, einkalkuliert und akzeptiert. Was die Arbeitswelt mit der Psyche von Menschen anstellt, ist täglich zu beobachten. Penetrationen hingegen gelten als barbarisch und nicht hinnehmbar. In einer solchen Trennung sind Sexualtabus wirksam, hochidealisierte Vorstellungen von „normaler“ Sexualität, die sich kopfschüttelnd gegen die Vorstellung richten, Sex mit womöglich täglich oder mehrfach täglich wechselnden Geschlechtspartnern sei etwas Erstrebenswertes oder auch nur annähernd Auszuhaltendes. Und selbst die freieste Gelegenheitsprostitution, die sich ihre Kunden ohne ökonomische Zwänge aussuchen kann und für die gebotene Schönheit, Zeitaufwand und Seriosität einen Gegenwert einfordert, wird dem Verbot anheim fallen. Es geht den Prostitutionsfeinden nicht um Gewalt oder Zwang, sondern um die Existenz der Idee von Prostitution.
Der Neid auf diese Möglichkeit, sich mittels Sex dem übrigen Verwertungszwang zu entziehen, tritt in der Abwertung zutage. Das insgeheime Begehren auf solcherarts vereinte Bedürfnisbefriedigung – Sex, Nahrung und Obdach – wird mit Kastrationsdrohungen wie Vergewaltigung und sei es als Voraussetzung solcher Perversion verdrängt. Eine Frau, die solch unnatürliche Lust an Sex hat, oder die ihn akzeptieren kann, müsse zwangsläufig als Kind sexuell misshandelt worden sein. Statistik trumpft hier wiederum auf, schafft Mehrheiten. Warum aber die sexuelle Gewalt in der Kindheit zur Prostitution führt, ob sie vereinzelt nicht auch Coping bedeutet, ob sie eine für das Individuum gelungene Kompromisslösung für innere Spannungen und Ambivalenzen darstellt, warum diese Prostituierten mitunter Sex und partnerschaftliche/familiäre Nähe trennen wollen – solche differenzierenden Überlegungen fallen dem autoritären paternalistischen Schutzdrang anheim, der aus traumatisierten Opfern von sexueller Misshandlung in der Kindheit ewige Kinder und ewige Opfer machen muss.
Prostitutionsfeinde wirken mit an der Durchsetzung von „normalem“ Sex als gesellschaftlichem Standard. Tabuiert werden lustvoller Sex mit älteren, „hässlichen“, behinderten oder reichen Männern, weiblicher Exhibitionismus, Masochismus und Narzissmus, Nymphomanie, zwanghafter Sex, Sex als Verrichtung.
Sex für Geld wird verboten, Sex und Geld für sich bleiben aber legal und jeweils glücksverheißend. Das ist nichts anderes als ein Inzesttabu, das vor allem auf weibliche und Homosexualität abzielt. Lust an Sex für Geld – diese Phantasie bleibt jungen Männern vorbehalten. Die dürfen von den zahllosen Liebhaberinnen spinnen, mit denen sie womöglich täglich Sex haben würden, während die noch dafür zahlen. Normiert werden Frauen, denen die narzisstische Befriedigung, ihre Begehrenswertigkeit tatsächlich in Geldform oder in der Zahl der Freier – als Tauschwert – aufgerechnet zu sehen, versagt wird.
Tatsächlich verschleiert die Prostitutionsfeindschaft einfach ihren bürgerlichen Egoismus, der hinter der groß aufgemachten Moral der Schwarzers und der sozialdemokratischen Feministen steckt. Das Prostitutionsverbot mag sich gegen die Rechte der freiwilligen Prostituierten richten, aber es scheint als der billigste Weg, Zwangsprostitution einzudämmen. Man beschneidet ein Grundrecht in der Absicht, Ausgaben für Polizei, Sozialarbeit, Gerichte zu sparen, die die mühsame Differenzierungsarbeit vornehmen. Die Beschaffungsprostitution durch die Legalisierung von Drogen aufzuheben wagt indes keine der sozialdemokratischen Regierungen. Auch bleibt offen, wie die Zwangsprostitution nach dem Verbot der Prostitution effektiv bekämpft werden soll, wenn doch bislang schon wenig Erfolge gegen Menschenhandel erzielt werden.
Die schlechter gestellten Prostituierten kommen zumeist aus Staaten, in denen Prostitution illegal oder stark reglementiert ist. Nicht die Legalität erzeugt unfreie Prostitution und Menschenhandel, sondern Armut. Armut erst steigert die Unlust, die notwendig ist, um herkömmliche Moralvorstellungen zu überwerfen, was teilweise dann als Befreiung erlebt werden kann. Für Frauen, die in der Heimat auch nur der Tausch lebenslanger Dienerschaft gegen ein paar an die Eltern gezahlte Ziegen oder Geld erwartet hätte, neben einem Leben in Unbildung und Armut, ist die freie Prostitution in Europa allemal das kleinere Übel. Solange die EU dabei zusieht, wie an ihren Außengrenzen ein failed state nach dem anderen entsteht, solange sie Bürgerkriege ignoriert, die Millionen in die Flucht treiben, solange Tausende an den Außengrenzen in den Tod getrieben werden, solange syrische Flüchtlinge ihre Nieren und Töchter verkaufen müssen, um zu überleben, solange braucht kein EU-Staat zu denken, er würde mit einem Prostitutionsverbot etwas gegen Menschenhandel unternehmen und solange wohnt der Prostitutionsfeindschaft immer auch die Abwehr des Fremden inne.
Ein weiteres Moment der bürgerlichen Egoismus ist die primitive Akkumulation an den Prostituierten. Die Prostituierte hat eine Sonderstellung im Arbeitswesen: Sie besitzt ihr zentrales Produktionsmittel selbst und bringt es von Natur aus mit. Sie ist partout nicht zur doppelt freien Lohnarbeit zu bringen. Diese Möglichkeit, aus sich selbst Wert zu erzeugen, ohne die Vermittlung von Produktionsmitteln, die ihr nicht mehr gehören, zieht Neid auf sich. Man entzieht ihr dieses Produktionsmittel und gibt vor, das zu ihrem Besten zu tun – tatsächlich stößt man sie in die Abhängigkeit der doppelt freien Lohnarbeiterin, zwingt sie an die Kassen und Förderbänder.
Wo die Ehe historisch akzeptierte Tauschform von Waren und Sexualität ist, noch nicht allzulange die Mitgift und der Brautpreis abgeschafft wurden, kann gegen den Erwerb von Sex auf dem freien Markt nichts Inhaltliches sprechen. Entleert wird unter den vorherrschenden Produktionsbedingungen beides: Arbeit und Sexualität. „Echte“, „befreite“ Lust gibt es wohl nur noch in Inseln, zu tief hat sich das Tauschverhältnis ins Privateste eingegraben. Der Versuch, die wahre Liebe unter freien Individuen auf Kosten der freien Frauen in der Prostitution zu bewahren verdirbt schon wieder die Freiheit dieser Individuen, die für die wahre Liebe erst Voraussetzung wäre, die sich nicht an Besitzidealen wie Treue oder Sexualität aufrichtet, sondern an Hingabefähigkeit und Solidarität.
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„In the ages of Muslim, Christian and indigenous slavery, many African men were castrated to serve as eunuchs. In colonial racist regimes African men were forbidden to mate white women. Not few were abused for medical experiments in the twentieth century – even in the USA, the Tuskegee syphilis experiment denied treatment to 399 poor black men until 1972[1]. Racism has always paired with sexual aggression. Today, African men take part in a mass-experiment by the WHO and UNAIDS[2] and African doctors, who all promise to eradicate HIV through circumcision – the force is less brutal but far more effective than ever. Global health agencies and local authoritarian structures pressurize and bribe men into sacrificing a part of their genitals. […]“
See full text at:
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Western media tend to shroud their clients in innocent confusion about the „complicated“ situation on the ground. The following collection is a mere summary aiming to shed at least some light on Syria. The main question seems to be, how strong Al-Qaida actually is (or how weak the secular forces are).
A report from Bassam, an FSA Soldier says:
„You can only deal with al-Qaida by force. They are very strong, very organized. They have strategic thinking and very good supplies. If they stay like this they are going to take over all of Syria.
Al-Qaida is the one thing that will unite Syrian people after the revolution, because all of the Syrians will want them out – those who are now with the regime and those who are against the regime.
Nobody likes these people. We will have to fight them to get them out. After the regime falls there will have to be a new military formation to confront these radical movements. […] The Syrian situation is very simple. Assad is the problem. For eight months we were protesting and there was no al-Qaida. But when you let stuff reach this level, this is what happens.“
http://beta.syriadeeply.org/2013/09/state-secular-rebel-fighting-force/#.Ui2X_380jms
And because Jihadists know that, they attack other groups. Their panic in the face of US-Airstrikes (now suspended) and their fear from Assads overthrow through other rebel-groups vitiate those insisting on a conflict „Al-Qaida vs. „secularist“ Assad“ in Syria:
http://www.aljazeera.com/news/middleeast/2013/09/201391417428835847.html
„The Supreme Military Council, promoted by Western and Gulf backers as an umbrella of moderate groups boasting hundreds of thousands of fighters, is being increasingly challenged by thousands of jihadists and foreign fighters, who have flocked to war-torn Syria to fight Assad’s regime. […] Echoing the fears of jihadist groups that other rebel groups may turn their arms against them – especially if Assad’s regime falls – al-Qaeda’s leader Ayman al-Zawahiri said in a video recording released on September 11 the „Sahwat the US is trying to create in the Levant will be destroyed – God willing“. He urged armed Islamist groups not to „reconcile with secularists and enemies of Islam in any way“.“
This paper contains an elaborate profile of the rebel-factions on the ground:
http://www.arab-reform.net/empowering-democratic-resistance-syria
And just recently another study is explicit about numbers:
„Opposition forces battling Bashar al-Assad’s regime in Syria now number around 100,000 fighters, but after more than two years of fighting they are fragmented into as many as 1,000 bands.
The new study by IHS Jane’s, a defence consultancy, estimates there are around 10,000 jihadists – who would include foreign fighters – fighting for powerful factions linked to al-Qaeda..
Another 30,000 to 35,000 are hardline Islamists who share much of the outlook of the jihadists, but are focused purely on the Syrian war rather than a wider international struggle.
There are also at least a further 30,000 moderates belonging to groups that have an Islamic character, meaning only a small minority of the rebels are linked to secular or purely nationalist groups.
The stark assessment, to be published later this week, accords with the view of Western diplomats estimate that less than one third of the opposition forces are „palatable“ to Britain, while American envoys put the figure even lower. […] As well as being better armed and tougher fighters, ISIL and Jabhat al-Nusra have taken control of much of the income-generating resources in the north of the country, including oil, gas and grain.“
One would think, that even a front of 15.000 to 20.000 fighters should get some attention or support. And included among the „islamist“ numbers are those, who just joined because they needed arms and steady supplies. Also have a look at this call for aid for the FSA:
http://www.cnn.com/2013/09/06/opinion/barfi-syria-opposition-guide/index.html?c=&page=1
And the town of Yabroud remained peaceful, outside Assads grip, with one third Christian population and staving off Al-Qaida. Indeed a model of what could have happend, if the West had supported the rebels more early and killed Assad:
But what is it all about? If you like to have the letters big and the pictures bigger, here is a history of the onflict in 55 pictures:
http://www.buzzfeed.com/hnigatu/55-pictures-that-explain-why-the-us-might-bomb-syria-this-mo?bffb
UNHCR reports 4 Millions of refugees inside Syria, 2 Millions managed to escape into adjacent states. Meanwhile Germany offers to take 5000, Austria 500, while Sweden vowed unrestricted asylum for more than 8000 Syrian refugees:
http://www.unhcr.org/522495669.html http://www.dw.de/sweden-opens-doors-to-syrian-refugees/a-17072567
The extent of destruction of Syrian urban areas through artillery and aircraft can be witnessed by this collection of satellite-pictures, a sickening sight:
http://world.time.com/2013/03/15/the-destruction-of-a-nation-syrias-war-revealed-in-satellite-imagery/
Several sources say Napalm was used by Government forces, another event involves white phosphorus:
http://www.policymic.com/articles/61637/shocking-footage-from-syria-captures-innocent-children-with-napalm-like-burns http://israelmatzav.blogspot.de/2012/12/syria-using-white-phosphorus-bombs-on.html
„Le Monde’s reporters visited eight medical centers in the eastern part of the Ghouta region and found only two where medical directors said they had not seen fighters or civilians affected by gas attacks. In Nashibiyya, doctors said they had admitted up to 60 cases from the Otaiba front in a single day, March 18.“
http://shortlink.org/Chemicalwarfare
About August 21. 2013 chemical weapons attack: US-Governemnt Assessment on Syria:
http://de.scribd.com/doc/164270521/USG-Assessment-on-Syria
The German intelligence „Bundesnachrichtendienst“ confirms Assads responsibility for Chemical Weapon use due to high plausibility analysis and intercepted phone-calls:
French intelligence confirms Assad as perpetrator of chemical attack, says samples tested for Sarin positive:
http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-23928871
And while it has been confirmed now over and over again, Human Rights Watch added some nice maps and sketches:
http://web1.hrw.org/content/syria-government-likely-culprit-chemical-attack
„The UN report blamed both government and rebel forces for carrying out murder, torture and rape, but said the intensity and scale of the crimes committed by the state outweighed those committed by opposition fighters.“
http://news.sky.com/story/1099138/syria-france-has-proof-chemical-weapons-used
A rumor produced by the Syrian government media claims Sarin gas containers to be found among rebels.
The so-called source was said to be a turkish raid. Ankara disclaimed this rumor later on. It nonetheless went viral and spams the net:
In the meantime it was found true, that Great-Britain companies provided Sodium fluoride, a chemical essential for the production of Sarin to Syria after the conflict has started:
Russia clings to claiming the use of Chemical weapons by rebels. The 100-pages report is not online so far, but the main argument seems to be, that the Sarin-samples from Aleppo are „dirty“, which leads Russia to the conclusion, that it is homebrew-Sarin and not military chemical grade weapon. The argument was regarded as invalid, as Syrian government forces might have had used old stocks or even produced dirty mixtures by purpose. The character of the chemical does not exclude government troops as the culprits:
http://www.mcclatchydc.com/2013/09/05/201269/russia-says-it-has-compiled-a.html#.UiyApH80jms
Russian masterminds of course don’t want to loose their face (they really think, they still have one to loose) and therefore they produce tons of bogus evidence and theories. „The Interpreter“ analyzes portions of the most toxic fallout produced mostly by RT:
http://www.interpretermag.com/russian-media-conspiracy-theories-and-reading-comprehension-issues/
A good summary on the chemical weapons industry in Syria:
http://www.nti.org/gsn/article/syria-has-grown-chemical-arsenal-iranian-aid-leaked-us-cables/
Another testimony by a chemistrist working for the chemical industry in Syria, recorded by Al-Jazeera:
„The chemist explained that during the two-year conflict, the regime has experimented with mixing different gases – like sarin and tear gas – in order to create a mélange of symptoms that would make the cause hard to identify. […] It is not known exactly when chemical weapons production in Syria began. The chemist said that all infrastructure and equipment to produce the nerve agent sarin was provided to Syria by what was then West Germany. As for VX, the chemist said that Syria in the 1990s used the expertise of Armenian specialists trained in the Soviet Union before its collapse.“
http://www.aljazeera.com/indepth/features/2013/05/2013523155639566436.html
The German support of Assads chemical industry is well-known:
„Major German pharmaceuticals, chemicals, and machine-building companies helped Syria to establish its modest and well-dispersed production facilities, some with the support of official „Hermes“ export credits from the German government. In addition to Schott Glasswerke, which continues to export licensed goods to Syrian chemicals plants, special mixing vats, high temperature furnaces, hot isostatic presses (HIP) and sophisticated machine-tools have been shipped with German export licenses to Syria’s Scientific Research Council (CERS) by Ferrostaal, Carl Schenck, Leifeld, Weber GmbH, and other major German companies. It is not believed that these shipments were illegal under German law.“
http://csis.org/files/media/csis/pubs/syriawmd.pdf
http://www.tagesschau.de/inland/chemikaliensyrien100.html
And of course, we won’t forget the German „little“ helpers of Saddam Husseins WMD-Industry (German):
http://www.wadinet.de/analyse/iraq/bagdad-connection.htm
On Intervention
Jerusalem Post says, Israel and Iran watch Syria, Israel might attack Iran on its own, if Assad goes unpunished:
Syrian Local Coordination Comitees warns from limited, timid response, says: „Any strike to the regime must aim to paralyze, with attention and precision, its Air Forces, artillery, and missiles arsenal, being used continuously against civilian areas, with an impact not far from that of Mass Destruction weapons. A strike must also priotorize civilians and their safety, rather than being at their cost.“
http://networkedblogs.com/OF6Xp
A victim of iraqs use of chemical weapons against civilians is wary of international instruments (German):
http://blog.strafverteidigervereinigungen.org/?p=290
Henryk M. Broder discards the calls for „evidence“, says various genocides are still „disputed“, still no evidence in the case of „Reichstagsbrand“ (German):
Syrian journalist calls for obliterating Assads airforce (German):
http://www.taz.de/Syrische-Redakteurin-ueber-Militaereinsatz/!122736/
And now, two years after the conflict started and turned into a ghoulish war, people start to organize protests against „the war“, of course to veto any intervention, as things are so difficult and Al-Qaida could prosper and what and what. Have a look at an average rally and who supports it:
https://medium.com/syrian-uprising/77f4a0071da9
And while Al-Qaida in Syria protests against US-Airstrikes, as they know, the regime is their safest bet of staying in Syria as long as they can and the longer the more recruits, their british friends offer themselves as human shields:
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4426822,00.html
Smart and experienced in Western naivety as Putin is, he dealed out the easiest way to continue helping Assad (after tons of arms and vetoed sanctions): through choosing the least dangerous punishment for the war-crime of using chemical weapons. Getting the C-weapons „internationally controlled“ – this is something that was promised by Russia and US since August 2012 and in december a raid against a C-weapons base was reported to have taken place – apparently through Russian special forces. Thanks to the israeli Airforce, Assad could not produce A-bombs with North-Coreas assistance so far. Whatever happens to the C-Weapons, the western appeasement front is cheering after Putins „offer“, as there seems a way of staying out of the conflict without loosing ones face (loosing more lives in Syria does not matter to them, neither does loosing Syria to Al-Qaida), And as could be expected, also Assad was relieved and cheering, immediately accepting the „offer“. As the Times of Israel writes, such a move will let Assad win – maybe without chemical weapons.
http://www.huffingtonpost.com/2013/09/09/obama-syria-chemical-weapons_n_3896093.html
http://www.haaretz.com/news/middle-east/1.546035
http://www.timesofisrael.com/winning-without-chemical-weapons/
And if someone really, really wanted to believe against all odds and realities, Putin could have had a weak moment or soft spot for mankind or was just wise enough to assist preparing a military intervention for the west (securing the C-Weapons BEFORE things get really messy, saving the money for about 14000 troops with boots on the ground to secure the stockpiles), s/he might have lived with his head in the sand the past two years:
http://www.timesofisrael.com/putin-shipping-assad-more-weapons-to-crush-rebels/
The better informed people smell a rat in Assads noble offer. But also more and more people detect, that Kerrys idea of crippling Assads airforce as a punishment is just naive about the necessary consequences: Assads fall and a turmoil, in which chemical weapons are to be secured by a foreign intruder or by a reliable and strong enough unified rebel force, which seems not to be at hand at the moment despite comparably strong secular factions among the FSA.
„Any disarmament plan would lock U.S. officials into dealing routinely with his government and give them a stake in its survival for as long as the process takes (which Assad will therefore be sure to drag out). On top of this, he is now demanding that Washington stop arming Syrian rebels as a quid pro quo. Other demands and provisos are sure to follow.“
http://www.fpri.org/articles/2013/09/beware-syrians-bearing-gifts
Not to talk about possible pogroms and ethnic cleansing against Alawites or Christians. Genocidal violence has not been mentioned by any western power as a trigger to get involved – despite the experience in ethnic cleansing in Yugoslavia. The German government and all parties ruled any intervention – under no circumstances. Which is nothing less than announcing to condone ethnic cleansing if it should happen/continue.
And because the question of israels position is crucial to some of its friends and enemies: Israel has ever been hostile to Assad and as Michael Oren says, it does not prefer Assad to Al-Qaida:
““The initial message about the Syrian issue was that we always wanted [President] Bashar Assad to go, we always preferred the bad guys who weren’t backed by Iran to the bad guys who were backed by Iran,” he said. […] Still, the greatest danger to Israel is by the strategic arc that extends from Tehran, to Damascus to Beirut. And we saw the Assad regime as the keystone in that arc. That is a position we had well before the outbreak of hostilities in Syria. With the outbreak of hostilities we continued to want Assad to go.”
And Israeli hospitals treat Syrians (against repressions from forces loyal to Assad) as a result of the total collapse of the Syrian medical system:
http://www.thetower.org/hazards-syrians-seeking-care-israel/
http://www.thetower.org/nahariya-western-galilee-hospital-syria-wounded/
Meanwhile the interest of the West in – at least – assisting the refugees hits a record low. One should think, that someone would call for an active transfer of at least 1 Million refugees into the European Union. But nope – just business als usual. Donations for refugees are collected by the following organisation recommended by WADI (German):
(to be updated)
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In einer Passage sympathisiert Adorno mit der politischen Paranoia: Erst die geschichtliche Realitätsprüfung entscheide, was Wahnsinn und was begründete Einsicht in den vorherrschenden Wahnsinn gewesen sei. „Cui Bono?“ fragen die politischen Skeptiker heute, und kommen offenbar zum Schluss, dass Rebellen Giftgas eingesetzt hätten gegen eigene Kämpfer und Zivilisten, um einen Militärschlag zu provozieren und damit den Nutzen der Aktion einzufahren. Solche Gedanken, so ehrlich muss man sein, wären gar nicht allzu abwegig. Erfahrungen mit solchen djihadistischen medialen Inszenierungen haben westliche Medien vor allem in Gaza und der Westbank sowie Libanon gemacht – natürlich ohne etwas daraus zu lernen.
Das „cui bono“ ist berechtig – und Unsinn zugleich. Wäre Assad sich sicher, dass die Rebellen Giftgas einsetzen, er würde eine sofortige Untersuchung selbst einfordern, um sich die Unterstützung des Westens zu sichern. Das wäre ein Lotteriegewinn für seine Herrschaft, den er sich nicht entgehen lassen könnte: Er als Garant der Sicherheit gegen Djihadisten mit Giftgas. Munitionsbehälter, Abschussstandorte und weitere Spezifikationen ließen selbst bei einer raffinierten Fälschung ziemlich eindeutige Ergebnisse zu.
Das Szenario einer Fälschung wäre aber entweder: Es gab gar kein Giftgas und man hat Kleinkinder und andere Protagonisten entweder vergiftet oder – dann müssten es begnadete Kinderschauspieler sein – in den Symptomen trainiert und dann einen einzigen Film ohne Schnitte und Fehler produziert sowie hunderte Personen zu falschen Zeugnissen überredet, was ein für Verschwörungen unmögliches Maß an Indiskretion provoziert. Oder es gab, wie das Ärzte vor Ort sagen, tatsächlich Giftgas, das man aufwändig erwarb, schmuggelte, nach Damaskus (und nicht etwa in eine der grenznahen Städte) schaffte – und dann haben die Djihadisten aus unerfindlichen Gründen das Drehbuch und eine gute Kamera vergessen, so dass nur kurze, vom propagandistischen Standpunkt aus dilletantische ungeschnittene Sequenzen mit Kleinkameras gedreht wurden.
Stünde man wirklich im Zweifel über die Urheberschaft oder die Art des Angriffs, so wäre die richtige Antwort ein scharfes Ultimatum an Assad: Sofortigen Zugang zu der Stätte, unverzügliche Untersuchung der Vorwürfe, öffentliche Analyse des Filmmaterials. Natürlich klangen die diplomatischen Worte unendlich weicher: Die Vorwürfe seien so entsetzlich, dass sie gut geprüft werden müssten, so Westerwelle. Der Adressat der diplomatischen Mahnung ist nicht Assad, sondern jene, die die „ungeheuerlichen“ Vorwürfe erheben. In dem Fall ein paar Ärzte und Augenzeugen vor Or, die ihr bestes taten, um Patienten zu versorgen, zu filmen und tote Tiere einzusammeln.
Dass Frankreich und die USA ebenfalls kein solches Ultimatum erheben, das ihnen die Legitimation verschaffen würde, zeigt, dass es ohnehin jeder weiß und dass man ganz gute Einblicke in das Geschehen vor Ort hat. Die Beweise für Giftgaseinsätze hatten Israel, Frankreich und Großbritannien das gesamte letzte halbe Jahr über gesammelt und vorgetragen. Man kann sich einigermaßen sicher sein, dass die israelischen Institutionen unter Geheimdienstarbeit nicht Donutessen und Internetüberwachung verstehen, wenn es um eventuell frei flottierende Chemiewaffen im Nachbarland geht. Und man darf sich sicher sein, dass sie nicht leichtfertig Assad der Option einer mit Chemiewaffen ausgerüsteten Al-Qaida-Front am Golan zähneknirschend vorziehen würden.
Es gibt deshalb eine andere Geschichte, die wahrscheinlicher klingt als die Verschwörungstheorie, die sich an der Frage aufhängt, warum Assad ausgerechnet jetzt Giftgas einsetzen sollte, wo UN-Inspektoren im Lande sind. Mehrfach hat Assad angedroht, Israel zur Strafe für jede westliche Intervention anzugreifen – und doch toleriert, dass die IDF sich um syrische Raketentransfers an die Hisbollah „kümmert“. Nun aber rücken Elitetruppen der FSA auf Damaskus vor, die unter anderem von Israel und den USA in Jordanien trainiert wurden. Gleichzeitig trudeln mit ein paar Monaten Verspätung doch noch UN-Kontrolleure ein, die sehr wahrscheinlich noch einmal bestätigen werden, dass Assads Truppen C-Waffen eingesetzt haben. Es wäre dann ohnehin alles verloren für Assad, also spielt er den „mad dog“. Nicht nur den obligatorischen Raketensturm der Hisbollah, sondern sogar einen Giftgasangriff auf Israel oder generell einen Gaskrieg droht er damit implizit an. Der dreiste Giftgaseinsatz gegen die Rebellen wäre in diesem Sinne ein makabres Telegramm an die westliche militärische Intelligenz, die er sowohl an seine C-Waffen-Arsenale als auch an seine eigene Skrupellosigkeit erinnert. Saddam Hussein hat eine ganz ähnliche Drohung mit C- und B-Waffen offen ausgesprochen und damit zumindest Israel von der Beteiligung im zweiten Golfkrieg abgehalten. Und Assads Vater erhielt sich wie Hussein durch Giftgas an der Macht. Gar nicht ausgemacht war und ist, ob eine internationale Reaktion erfolgt. Sudan etwa hat Giftgas gegen Nuba eingesetzt ohne je Konsequenzen zu tragen. Genauso wahrscheinlich ist, dass sich Truppenteile schon gar nicht mehr in der Kontrolle Assads befinden und Giftgas einsetzen aus situativem militärischen Kalkül.
Im Dezember 2012 ging übrigens eine Meldung durch die Presse, dass ein russisches Spezialkommando in einer konzertierten Militäraktion ein Chemiewaffenlager gesichert und evakuiert habe, das ins Zentrum eines Angriffs von Rebellen geriet. Man darf also begründete Zweifel haben, dass Rebellen überhaupt an gut bewachte und von Russland geschützte Chemiewaffen gelangen konnten. Möglich wäre lediglich ein Transfer von C-Munition aus irakischen oder postsowjetischen Altbeständen. Wieso diese dann nicht gegen Truppen des Regimes eingesetzt werden, wenn doch mehrfach Fronten der Rebellenfraktionen aufgerieben wurden, wieso also die Rebellen erst jetzt, ein halbes Jahr nach den ersten Meldungen einen solchen Angriff „vortäuschen“ sollten, solche Gedankenketten zu konstruieren bedarf einiger Kühnheit.
Wahrscheinlicher ist, dass man eigentlich genau weiß, dass dieses diplomatische Desaster mit seinen 100.000 Toten eine Menge Schuld und Fragen nach Verantwortung erzeugt hat. Das Festbeißen an den unwahrscheinlichsten Erklärungen, die Haarspaltereien, sollen darüber hinwegtäuschen, dass dieser Krieg, Chemiewaffen hin oder her, ein Ende haben muss, dass die Ära Assad ein Ende haben muss. Zum politischen Sachverstand gehört aber auch die Einsicht, dass die Elimination Assads den Krieg nicht beenden wird und dass dann erst recht eine bewaffnete Exekutive die Sekten auf Abstand halten muss. Vor dieser kostenintensiven „jugoslawischen“ Lösung – vom Gaskrieg ganz abgesehen – schreckten wohl vor allem die USA zurück, wo auch McCain weiß, dass Frankreich und England politisch vielleicht einen Monatskrieg aus der Luft durchstehen können, aber sicher nicht die gerade aus Afghanistan vor den Taliban geflohenen Truppen in einen neuen Dauerkrieg gegen den Djihadismus schicken werden. Dafür Obama die Schuld zu geben, ist eine Personalisierung der gesellschaftlich hegemonialen Ideologien über internationale Politik.
Schuld trifft unter anderem jene, die noch vor einem Jahr – mitunter in vorgeschützter Besorgnis um Israel, das es freilich damals schon besser wusste – Assad halten wollten, um neue Al-Qaida-Fronten und einen Bürgerkrieg zu verhindern. Solche politische Dummheit wird von keinem internationalen Tribunal geahndet werden.
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Siehe auch: „Vorsprung durch Identifizierung – Die Kaperfahrten des Sören P. unter Käptn Assad„
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Geschichte wiederholt sich nicht und schon gar nicht als Farce. Diese Erkenntnis stammt aus dem „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ von Karl Marx – auch wenn sein einführender ironischer Spottvers auf Hegel stets noch als Standpunkt zitiert wird. Möchtegerngeschichtsphilosophen behaupten dann, Marx hätte ernsthaft die Wiederholung der Geschichte gepredigt – und sei es als Farce. Was sich Marx zufolge wiederholt ist die Unfähigkeit von Revolutionären, das spezifische Neue ihrer Situation zu erfassen und wirklich revolutionär zu werden – stattdessen, so Marx, befleißigen sie sich mit „weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen“, berufen sich auf tote Vorbilder und veraltete Rezepte und bereiten so ihr eigenes Zurückfallen hinter das Neue, Besondere vor. Was sich ebenfalls wiederholt, so die spätere Erkenntnis Freuds, ist der Wiederholungszwang der Menschen, der ihre Unfähigkeit, Geschichte aus freien Stücken zu gestalten erklärt.
Nun unterstützen in Ägypten bürgerliche Revolutionäre den Militärputsch und kein Widerstand regt sich, wenn Muslimbrüder zusammengeschossen werden. Für die westlichen Leit-Ideologen und ihre Medien ist das eine enervierende Situation, mit der sie nicht zurecht kommen. Sie kokettieren daher auch mit der Angstlust vor der Wiederkehr des Regimes Mubarak und vor einem Bürgerkrieg wie in Syrien, von dem man allerdings auch schon wusste, dass er „wie Vietnam“ oder eben alle anderen Bürgerkriege so sei.
Einige wenige Demokraten haben zu Beginn des sogenannten arabischen Frühlings die Revolten und Revolutionen verteidigt gegen die konservativen Elegien, dass man nicht wissen könne, was danach komme und daher besser mit einer Militärdiktatur am Gängelband fahre als mit unberechenbaren Volksmassen. An der Verteidigung der Revolten ist festzuhalten: Der Islamismus war ein Produkt der Diktaturen, keine von ihnen hat ihn wirksam bekämpft, alle boten ihm und dem staatsdoktrinären Antisemitismus Brutbetten. Die Revolten wurden initiiert von bürgerlich-demokratischen Elementen und erst später von Islamisten gekapert. Der Islamismus ist immer noch ein Produkt der Diktaturen – in Qatar, Saudi-Arabien, Iran, um nur die drei mächtigsten zu nennen – wenngleich zweien davon die Muslimbruderschaften noch zu demokratisch sind. Ohne das Versprechen auf eine antisemitische Diktatur, auf das Kalifat ohne Juden, wäre der Islamismus kein Islamismus, sondern nur eine Art islamisches Pendant zur Christdemokratie.
Die Darstellung des Putsches als undemokratisch und als Wiederkehr der Militärdiktatur war für westliche Medien zu verführerisch. Aus den Muslimbrüdern wurden Revolutionäre und Demokraten, aus den Militärs Diktatoren, bevor sie überhaupt als solche sich erweisen konnten. Das spezifische Neue an der Situation wurde zensiert zugunsten der bewährten und erprobten Erfolgsstory. Wer sich mit der Weltgeschichte des Putsches auseinandergesetzt hat, hätte da schon widersprochen: Putsche waren und sind in der Peripherie, insbesondere in Südamerika, mal bürgerlich, mal faschistisch gewesen – als Form lassen sie sich kaum reduzieren auf die faschistische Militärdiktatur. In Ägypten war der Putsch eindeutig von demokratischen Argumenten und Mehrheiten getragen. Dieselbe Tamarod-Bewegung, die der Armee die Legitimation für den Putsch verlieh, sammelt aber jetzt Unterschriften für den Krieg gegen Israel – weil durch den Friedensvertrag und US-Militärhilfen angeblich der Krieg gegen Djihadisten auf dem Sinai verhindert würde.
Wie auch immer man zum Putsch und Tamarod steht: Jeder mit Sachverstand konnte beobachten, wie Mursi und seine Muslimbruderschaft während ihrer Herrschaft in Riesenschritten auf ihr Ziel hineilten: Den Scharia-Staat. Das Weblog Thinktankboy fasst das in seiner exzellenten Kritik zusammen:
Mursi ließ kurz nach der Wahl neben der exekutiven auch die gesamte legislative Macht vom Militärrat auf sich selbst übertragen. Ende 2012 setzte er die Judikative außer Kraft und ermächtige sich selbst, jedes Gerichtsurteil blockieren zu dürfen und gleichzeitig verbot er den Richtern, die von ihm erlassenen Dekrete anzufechten. Die von den Muslimbrüder verabschiedete schariakonforme Verfassungsreform machte Frauen und Menschen nicht islamischer Religionen zu Menschen zweiter Klasse. Nach der reformierten Verfassung dürften beispielsweise Kopten kein Alkohol trinken, waren Frauen nur halb so viel wert wie Männer und galten die wenigen Schiiten Ägyptens als vom Glauben Abgefallene, die den Tod verdienten. Im März 2013 legten die Muslimbrüder Einspruch gegen eine UN-Resolution ein, in der Gewalt gegen Frauen verurteilt wird, denn laut Muslimbrüder müsse die Möglichkeit einer Ehefrau, zu verreisen, zu arbeiten oder ein Verhütungsmittel anzuwenden von der Zustimmung des Ehemannes abhängig sein und Töchter hatten laut der ägyptischen Verfassung nicht dieselben Erbrechte wie Söhne. In der mittlerweile außer Kraft gesetzten Mursi-Verfassung wurde „auch die “Beleidigung” oder der “Missbrauch” aller “religiöser Botschaften und Propheten“ unter Strafe gestellt, wobei allerdings beispielsweise ein Atheist bereits zuvor wegen kritischer Stellungnahmen über den Islam und das Christentum zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte.
Der Terror auf dem Sinai eskalierte, ebenso die Angriffe auf Kopten und Frauen. Man darf hier keinem Trugschluss aufsitzen: Wenn ägyptische Militärs sagen, dass sie getan hätten, was Deutschland 1933 hätte tun sollen, ist das keine demagogische Polemik, sondern wahr. Nicht, weil Geschichte sich wiederholt, sondern weil die Muslimbruderschaft eine nationalsozialistische Organisation ist. Sie pflegt den gleichen eliminatorischen Antisemitismus, die gleiche maximalistische Weltherrschaftsmanie, den Todeskult, den der Ableger Hamas hinreichend popularisierte, vom Hass auf Frauen und Sexualität ganz zu schweigen. Sie selbst hatte die Chance, sich zu reformieren und als das zu erweisen, was ihr eigenes Selbstbild ist: Eine demokratische religiös-konservative Bewegung, die man als Demokrat gerade noch tolerieren kann. Alle ihre Aktionen liefen aber auf einen faschistischen Gottesstaat am Nil hinaus.
Wenn nun die Muslimbrüder demonstriert haben, so gewiss nicht für Demokratie und Freiheit, sondern für ihren Führer Mursi, für das religiöse Gefängnis, für einen islamischen Faschismus. Ihre Demonstrationen waren von Gewalt auf Exekutive und Minderheiten begleitet. (1, 2, 3) Über die Art und Weise ihrer vorläufigen Zerschlagung braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben: nicht nur erwartbare Unprofessionalität sondern ganz professionelle Polizeigewalt und Sadismus waren beobachtbar.(4) Die Muslimbruderschaften aber haben das Blut eingeplant, sie wollten Opfer und haben in Sachen djihadistische Medienmanipulation langjährige Erfahrung – Pallywood lässt grüßen. Ihre Demonstrationen prägte jene bewährte Mischung aus Provokation bis hin zu Heckenschützen hinter menschlichen Schutzschilden und dem Präsentieren von fast zwangsläufigen Opfern (Märtyrern) für die Kameras. Als letzte wollten die Muslimbrüder eine unblutige Beilegung der Krise. Ohne erheblichen Todeszoll zu gehen hätte ihre Ehre verletzt. Daher auch die Angriffe auf Polizeistationen und Kopten.
Mit ihren „Reformen“ ruinierten sie Ägypten noch in der Zeit ihrer Herrschaft:
Die Währungsreserven waren innerhalb eines Jahres von über 30 Milliarden auf 14 Milliarden Dollar gesunken. Wegen dem jährlichen Außenhandelsdefizit von 36 Milliarden Dollar war leicht auszurechnen, dass Mitte 2013 kein Weizen mehr aus dem Ausland bezahlt werden kann und die Hungersnot sich ausweiten würde. Mursi stand vor der Pleite, nachdem die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds gescheitert waren. Der Wirtschaftszweig Tourismus liegt am Boden. Welcher Tourist will schon an nach Geschlechtern getrennten Stränden das Meer genießen.
Todesopfer durch Terror und ökonomische Krisen waren schon im Plan der Muslimbrüder enthalten. Das und die antiliberale Ideologie unterscheidet sie wesentlich von jenen freundlichen Chinesen, die auf dem Platz des himmlischen Friedens für Freiheit demonstrierten und von Panzern zermalmt wurden. Um das scheinbare Paradox aufzulösen: Für das Recht der Muslimbrüder auf demokratische Wahl, Parteienbildung und friedliche Demonstrationen haben auch die bürgerlichen Revolutionäre gestritten. Hätten die Muslimbrüder und -Schwestern nur diese Rechte erstritten und wahrgenommen, man hätte sie gegen den desaströsen Konservativismus verteidigen müssen, der die Diktatur einer islamistischen „Demokratie“ vorzog (und eine solche einem völlig unberechenbaren Markt). Die Muslimbruderschaft selbst blies zum Angriff auf die demokratischen Rechte der Frauen und bürgerlichen Revolutionäre – sie selbst hatten und haben es in der Hand, diesen Angriff abzubrechen und sich zurückzuziehen. Diese Situation ist neu.
Für den Westen hat sich nichts geändert. Hier wiederholt sich seine Indifferenz, sein Unvermögen sich klar auf die Seite der Demokraten zu schlagen, sein Widerwille gegen echte Solidarität, sein Wunsch nach stabilen Märkten und sei es auf Kosten der Demokratie, seine Unfähigkeit, komplexere Zusammenhänge zu analysieren. Diese Elemente strahlen auf die Vorgänge im arabischen Raum aus und stärken die islamistischen und reaktionären Elemente an allen Fronten. Nicht einmal im eigenen Augiasstall kann Europa den Faschismus eindämmen, und die USA dämmern immer noch in ihrem Rausch aus längst verblassendem Einfluss und heimischem Schieferölboom, der eher zu mehr Desinteresse an arabischen Belangen als zu mehr Mut führte. Mit islamischen Diktaturen hat man immerhin Erfahrung. Bigott ist nicht, nach den (mehrheitlich antisemitischen) bürgerlichen Revolutionären gegen die Militärdiktatur nun den Militärputsch zu unterstützen – bei aller gebotenen Kritik und allem begründeten Misstrauen. Bigott ist die Ankündigung westlicher Politiker, nun die Militärführung wegen der Niederschlagung des faschistischen Aufstandes mit Sanktionen zu bedrohen. Keine einzige Sanktion stand im Raum, als Mursi die oben angeführten Angriffe auf Leib und Leben von Frauen, Kopten und Demokraten ausführte. Somit bleibt auch das Hauptproblem westlicher Demokraten nicht die Situation in Ägypten, sondern die antidemokratische Tendenz IN den westlichen Demokraten und Demokratien selbst.
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Ein Interview auf Radio Corax:
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Der Videomitschnitt stammt aus/von dem „Café Palestine“ in Freiburg, das laut einem Bericht von Henryk M. Broder einklagen möchte, dass es nicht mehr „Café Judenhass“ genannt werden darf. Ich trete natürlich dafür ein, es weiter Café Palestine zu nennen.
„Cafe Palestine Freiburg hat zwischenzeitlich einen Anwalt beauftragt, der “Achse des Guten” eine Unterlassungserklärung zukommen und diese bis am 10. Juli unterschrieben zurück senden zu lassen. Gleichzeitig wurde der Blog aufgefordert, die Bezeichnung “Cafe Judenhass” aus dem Internet zu entfernen.“
Das Video ist eine exzellente Studie über Antisemitismus und „Völkerfreundschaft“.
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Eine Karikatur geistert durchs Netz, publiziert von der Süddeutschen. Zuerst gefunden habe ich sie bei http://twitpic.com/d0d5f1:

Diese Karikatur mit so einer Unterschrift ist bösartigster Antisemitismus. Das muss jedem Redakteur heute klar sein und bedarf keiner weiteren Analyse oder Klärung. Eine Zeitung, die unkritisch so ein Bild publiziert und so untertitelt, gehört geschlossen.
Der Zeichner hat offenbar nichts von dieser Verwendung gewusst:
„Ich bin entsetzt«, sagt Ernst Kahl. Der Künstler hat durch Anrufer erfahren, dass eine seiner Zeichnungen am Dienstag in der »Süddeutschen Zeitung« in einem Kontext erschienen ist, der Dieter Graumann von »fast schon ›Stürmer‹-Niveau« sprechen lässt.“ http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16410
Schlamassel Munich hat ein wenig recherchiert und dem „Stürmer von 1949“ zwei weitere antisemitische Karikaturen nachgewiesen: http://schlamassel.blogsport.de/2013/07/03/242/
Das Simon-Wiesenthal Zentrum äußert sich:
„Further, the characterization of the Jewish State as a ravenous Moloch – an idol to whom children were sacrificed – is a blatant anti-Semitic canard. The attempt to mention a Jewish critic of Israel is a failed fig leaf that neither justifies nor covers up the hate masquerading as political commentary,“ Cooper added.
Und derweil stellt sich Hannah Franziska Augstein, Schwester von Jakob Augstein und Tochter von Rudolf Augstein, die ein wissenschaftliches Buch über den Rassismus im 18. Jahrhundert schrieb, die Frage, ob „ein gehörntes Monster antisemitisch“ sei:
„In der Großen Konferenz der Süddeutschen Zeitung wurde heute über das Bild auf der Seite „Das Politische Buch“ diskutiert. Manche meinten, das sei geschmacklos, antiisraelisch. Andere fanden daran nichts auszusetzen.“
Offenbar geht die Courage bei denen, die das geschmacklos fanden nicht weit genug, den Hut zu nehmen. Und offenbar ist deren Kritik völlig irrelevant, solange andere daran nichts auszusetzen haben. Anscheinend hat sich auch im ganzen Produktionsprozess bis hin zum Drucker und Auslieferer keiner gefunden, der über etwas politische Bildung verfügt. Weiter schreibt Augstein:
„Ernst Kahls gehörntes, hungriges Monster hat mit den antisemitischen Klischees nichts zu tun. Man muss das Bild zusammen mit der Bildunterschrift anschauen.“
Genau das haben wir ja getan und das ist auch das Argument der Jüdischen Allgemeinen: OHNE die Bildunterschrift wäre die Zeichnung Kahls, der gerne Monstrositäten beim Essen malt, nicht antisemitisch.
Augstein erklärt uns ihre Perspektive:
„Da heißt es: „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde betrachten das Land als einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.“ Also: Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen.“
Das ist eine windelweiche Argumentation, die merkwürdigerweise nie auftaucht, um den pluralistischen Charakter des jüdischen Staates Israel zu unterstreichen. Sondern ausschließlich, wenn es darum geht, Israel zu dämonisieren, ohne gleich Antisemit sein zu müssen. Besorgt ist Augstein nun allemal, aber gewiss nicht um Juden oder Israel, sondern um den schönen Artikel, der das Opfer eines Missverständnisses geworden sei:
„Nachdem das Bild aber zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen. Denn es soll ja über den Artikel diskutiert werden, nicht über die Bebilderung. Der Text von Heiko Flottau über zwei Israel-Bücher, deren Autoren für die Demokratie in Israel fürchten, lohnt das Lesen und die Debatte.“
Eines kann man Hannah Franziska Augstein versichern: Es gab und gibt keinerlei Missverständlichkeiten in dieser Kombination von Untertitel und Bild. Es ist unmissverständlich antisemitisch.
Lizas Welt hat sich die Süddeutsche geschnorrt und arbeitet das Ganze nochmal am Text auf, in weitaus besserer Qualität als hier geschehen und kommt zu identischen Schlüssen:
„Was aber, wenn da jemand in Augsteins Beritt Flottaus Beitrag gar nicht miss-, sondern im Gegenteil völlig richtig verstanden, in der Bildunterschrift präzise zusammengefasst und – so viel Demagogie genehmigen sich Judenfeinde nun mal – unter hinterhältiger Instrumentalisierung eines keineswegs israelfeindlichen Künstlers pointiert bebildert hätte? Was also, wenn da jemand einfach etwas zu offensiv mit dem Common Sense der Süddeutschen Zeitung umgegangen wäre und ausgeplaudert hätte, was die »Israelkritik« in Wahrheit speist, gebe sie sich auch noch so sehr als »Furcht« um den »demokratischen Charakter Israels« aus? Honi soit qui mal y pense.“
http://lizaswelt.net/2013/07/03/das-arschgeweih-des-feuilletons/
Henryk M. Broder benennt in der Welt das Phänomen der Nichtpathologie der Antisemiten, das man genausogut „nichtantisemtischer Antisemitismus“ nennen könnte:
Aber es gibt Grenzüberschreitungen, deren Urheber so unheilbar gesund sind, dass sie nicht einmal merken, was da in ihnen rumort. Es ist der Sieg des Es über das Ich. Der Antisemit denkt nicht, es denkt in ihm.
[…] So weit wie die „Süddeutsche Zeitung“ ist bis jetzt noch keine bürgerliche Zeitung in Deutschland gegangen. In dieser Karikatur tritt „Israel“ an die Stelle des „Juden“, die „Süddeutsche Zeitung“ setzt dort an, wo der „Stürmer“ 1945 aufhören musste.
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Asylsuchende hatten das harmonistische Bayern schon vor einiger Zeit verstört, als sie ihre Münder zunähten. Wer den Stellenwert des Essens in dieser Region kennt, weiß, welche unbewussten Ängste und Aggressionen das auslösen muss. Das gemeinsame Mahl wird in der Psychoanalyse als eine der ältesten Institutionen zur Unterdrückung von Aggressionen bewertet. Dagegen zu verstoßen – zum Beispiel aufgrund anderer Speisegebote – fördert archaische Aggressionen zu Tage.
Die Empörung, mit der Hungerstreiks in Deutschland bedacht werden, verweist auf diese unbewusste Gemengelage. In Berlin und in Würzburg (Welt) gab es bereits Hungerstreiks von Flüchtlingen. Gestern wurde der Hungerstreik in München abgebrochen. Mit Fürsorglichkeit wird auf einmal nicht gegeizt:
„Dass eine schwangere Frau in den Hungerstreik geht und damit ihr Ungeborenes gefährdet, muss sofort beendet werden, hier sollten sich alle einig sein“, forderte Haderthauer. „Es ist keine schwangere Frau an dem Hungerstreik beteiligt“, erklärte anschließend einer der Unterstützer.“ (Welt)
„Ude ließ keinen Zweifel, dass der Krisenstab von Stadt und Staatsregierung Tote in München verhindern will: „Der absolute Vorrang gebührt dem Schutz von Leib und Leben“, sagte er.“ (taz)
Dabei wird verschwiegen, dass Ärzte nach der bindenden „Declaration of Tokio“ der „World Medical Association“ gar keine Zwangsernährung vornehmen dürfen. Dort heißt es in Artikel 6:
„Where a prisoner refuses nourishment and is considered by the physician as capable of forming an unimpaired and rational judgment concerning the consequences of such a voluntary refusal of nourishment, he or she shall not be fed artificially. The decision as to the capacity of the prisoner to form such a judgment should be confirmed by at least one other independent physician. The consequences of the refusal of nourishment shall be explained by the physician to the prisoner.“
Und in der Declaration of Malta on Hunger Strikers steht:
„Physicians need to satisfy themselves that food or treatment refusal is the individual’s voluntary choice. Hunger strikers should be protected from coercion. […] Physicians or other health care personnel may not apply undue pressure of any sort on the hunger striker to suspend the strike. Treatment or care of the hunger striker must not be conditional upon suspension of the hunger strike.“
Allemal verschoben wird die Aggression der Asylpolitik, die Flüchtlinge vom prall gefüllten gemeinsamen Tisch mit billigsten Essenspaketen und drakonischen Strafen auf Verletzung der Residenzpflicht wegdrängt. Wenn deutsche Behörden traumatisierte Flüchtlinge, die in Gefängnissen gefoltert wurden, hier wieder in trostlose Gefängnisse stecken, dann ist das angesichts des aktuellen Standes der Traumaforschung mehr als nachlässig, es ist der mehr oder weniger systematische Versuch, Menschen in Selbstmorde zu treiben oder, was offener artikuliert wird, mit aller Gewalt und unter Billigung der regelmäßigen Suizide wegzuekelen. Während in allen europäischen Staaten menschenleere Peripherien entstanden sind, beispielsweise aus Ostdeutschland umso mehr Leute wegziehen, je mehr man dort glaubt, dass das Boot voll sei, währenddessen sperren Deutsche Flüchtlinge in Baracken und belegen sie mit Berufsverbot und Gefängniskost. Diese Aggression wird zur Wohltätigkeit noch umgelogen in den deutschen Köpfen. Der absolute Vorrang gebührt in der mörderischen Flüchtlingspolitik gewiss nicht dem Schutz von Leib und Leben.
Altväterlich versuchen Mitverantwortliche für diese Situation, die Aktion zu psychiatrisieren und zu verniedlichen. „Ude und Herrmann äußerten starke Zweifel, ob sich alle von ihnen darüber klar gewesen seien und ob sie nicht instrumentalisiert worden seien.“ (Zeit)
Sehr klar war auch der SPD, wen und was sie instrumentalisierte mit ihrer Flüchtlingspolitik. Ausgerechnet die Achse des Guten schwadroniert aber von spezifisch deutscher Übersensibilität: „Die Organisatoren des Hungerstreiks wissen um die Dialektik im Herzen der deutschen Bestie: Die Hebelwirkung der moralischen Erpressung ist umso größer, Trauma und Schuld sei Dank.“
Natürlich stürzen sich die Konservativen sofort auf linke Prosa: „Schon beim Hungerstreik von Asylbewerbern vorm Brandenburger Tor in Berlin war schnell klar geworden, dass sogenannte deutsche „Unterstützer“ ein Aktions-Drehbuch in der Tasche hatten.“ (AchGut)
Mit solcher Marktschreierei kann man wahrscheinlich FAZ-Leser darüber hinwegtäuschen, dass Flüchtlinge nun einmal keine anderen Unterstützer gefunden haben in Deutschland und dass, wie berechtigt ein Anliegen auch sein mag, gewiss kein Konservativer oder Liberaler irgend ein „Aktions-Drehbuch“ in der Tasche hat, zumindest keines, in dem die Flüchtlinge gut weg kommen.
Die Unterstützer und Organisatoren der Aktion hätten sich natürlich besser Louis Lecoin zum Vorbild genommen, dessen Hungerstreik in Frankreich zur Legalisierung der Kriegsdienstverweigerung führte. Oder jenen großen Hungerstreik von Häftlingen, der 2008 in 39 deutschen Gefängnissen durchgeführt wurde. (Telepolis)
Haderthauer und ihre Klientel hätte das aber auch nicht gekümmert: „Hierzulande ist Politik nicht erpressbar, wir leben in einem Rechtsstaat, wo man sich nicht durch Hungerstreiks eine Vorzugsbehandlung erzwingen kann.“ (SPON)
Für Behördengänge gibt es aber auch in Deutschland allemal Interventions- und Beschleunigungsmöglichkeiten, zu denen auch die vergessene Form der Petition zählt. Man hätte sich weniger Erpressbarkeit gewünscht, als vor 20 Jahren nach Pogromen und Terror von Neonazis das Recht auf Asyl abgeschafft wurde. (Das Erste) Wenn in Italien Flüchtlinge ihre Baracken anzünden, dann hat man dafür schon deshalb kein Verständnis, weil das Anzünden von Flüchtlingsbaracken in Europa ausschließlich durch Neonazis zu erfolgen hat.
Die deutsche Gesellschaft hat unterm Primat des Harmonismus jegliche ernstere Konflikte abgeschafft. Daher wünscht man sich in allen globalen Konflikten auch nichts mehr als „Verhandlungslösungen“, jeder Unternehmer gibt sich routiniert beleidigt über Streikende, die „Verhandlungsangebote“ ausgeschlagen hätten. Selbst Abschiebungen werden noch zum Wohl des Flüchtlings mit Handschlag und „Alles Gute in der Heimat“ vom berufsmäßig mitfühlenden Abschiebebegleiter abgeschlossen. Und wohl nur aus Fürsorge wurde ein recht deutscher Witz von der Berliner Polizei sehr ernst genommen: Keiner soll hungern, ohne zu frieren.
In dieser Kultur der zensierten, passiven oder kollektiv sanktionierten Aggression erscheint es überbordend und deplaziert, wenn mit dem Leben bedrohte Flüchtlinge ein so radikales Mittel wie den Hungerstreik wählen. Dass sie sich nicht an der Kasse vordrängeln möchten, sondern um den Unterschied zwischen vegetieren und leben, fressen und essen, Gefangenschaft und Freiheit, Asyl und Tod kämpfen, das können saturierte Bayern niemals verstehen. Daher ist die zynische Rede von der „Vorzugsbehandlung“ primär projiziertes Unbehagen über die eigene privilegierte Position und Abstiegsangst. Die wird in den Flüchtlingen ohnehin bekämpft, gerade die Dimension des Hungers aber versetzt die zu beispiellosem Wohlstand gekommenen Bauern in den Großstädten in Angst und Schrecken.
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Das kapitalistische Glücksversprechen kommt mitunter in der Werbung zur größten Ehrlichkeit:
Wer täglich alles [sic!] gibt, hat auch eine kleine [sic!] Pause verdient. Mit Erasco Heisse Tasse. Die schmeckt und gibt neuen [sic!] Schwung. So viel Zeit muss sein.
Wer bei soviel Zeit und Schwung noch Kraft hat, „kräftig“ umzurühren, der wird mit 0,15 l „Inhalt“ für „alles“ entschädigt, das er gegeben hat. Und der „neue“ Schwung maximiert sein Verwertungspotential.
„Guten Appetit!“
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Margot Käßmann schreibt in einer Art Wort zum Sonntag unter dem drohenden Titel „Wir Weltverbesserer“ (Die Zeit 2013/17: 66):
Ich blicke anders hin, habe die Bergpredigt im Sinn, die ganz andere Prioritäten setzt als Ruhm und Glamour.
Den sie selbst genießt. Nun muss man das pflichtgemäße Volksbetüttern einer Berufspredigerin nicht in den Rang der Kritikfähigkeit heben. Es lässt sich an der Predigt Käßmanns aber doch etwas Akutes ablesen. Zunächst erhebt sich natürlich Einspruch gegen diesen Satz: Glanz und Glamour, das ist exakt der Gestus der Bergpredigt. Vor seinen Fans steigt Jesus auf die Bühne, also den Berg, gibt den Fans ein fettes Feedback: Er spricht sie allesamt selig, denn das ist im Eintrittspreis inbegriffen. Und dann wirds blutig im Moshpit:
28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.
Was passiert aber, wenn man das Augenausreißen befolgt? Man kommt zumindest in veritable aporetische Großküchen des Luzifers:
22 Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. 23 Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!
5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Käßman wollte nun sicher nicht theologisch die Bergpredigt diskutieren, sondern sie agiert hier ganz als Handlangerin des Kapitals: Den austauschbaren und unbedeutenden Anhängseln der Produktionsverhältnisse hämmert sie noch einmal ein, dass es gut ist, unbedeutend zu sein, dass sie in Wahrheit selig seien und nicht die Reichen und Berühmten.
Zu Geld sind diejenigen, die Jesus nachfolgten, nicht gekommen. In den Seligpreisungen steht auch nicht, dass Geld glücklich macht.
Eine faux frais, war doch der Protestantismus bekannt dafür, als Erwerbsethik das Wohlgefallen Gottes im Reichtum abzubilden. Wenn sie nun Josef Ackermann scheinheilig als Negativbeispiel hinstellt, weil der mit 2 Millionen Jahresgehalt nicht zufrieden ist, dann lügt sie sich über den gesamten Protestantismus hinweg, der den Reichen eben jenen Reichtum als Zeichen göttlicher Zuwendung definierte, während er als Pietismus den Armen traditionsgemäß die Lust als Sünde austrieb. Die Lüge wird um so durchsichtiger, als sie einen reichen Bischof, also einen Katholiken, in den USA anführt, dessen Jahresgehalt 3 Millionen Dollar gewesen sei. Diese Summe wird sie mit dem unter dem Artikel angepriesenen Büchlein für 17,99 rasch beisammen haben. Aber wer will so kleinlich sein, das ist unabhängig von ihrem eigenen Einkommen Kulturkampf. Kulturkampf aber gerade zum Wohlgefallen der kapitalistischen Reproduktion:
Du kannst aus der Spirale der Dauererschöpfung ausbrechen und der Last der Erwartungen entgegenkommen. Halte an, entschleunige, überlege neu, was du mit deinem Leben anfangen willst. Das ist gut für dich und für die, mit denen du lebst.
Wie die Astrologiespalten hat Käßmann hier gewiss nicht das Prekariat als Adressat, sondern das bürokratische Kleinbürgertum. In der Wette auf dieses Publikum kann sie sich auch erlauben, das Prekariat zu verhöhnen, das eben die Wahl zur „Entschleunigung“ gar nicht hat oder für diese mit Elendsverwaltung in Arbeitsagenturen verachtet und bestraft wird. Von Streik und Klassenkampf will sie partout nicht sprechen. Jeder ist sein eigener Ausbeuter, gottgegeben das Klassenverhältnis:
Der Bauplan der Welt leitet sich ab aus der Hoffnung auf ein Miteinander von Starken und Schwachen.
Dazu passt dann auch die süffisant empfohlene Politik mit dem Einkaufskorb, die nur jene noch ausüben können, die vom Ausbeutungsverhältnis schon privilegiert wurden und nun mit Porsche Cayenne vor dem Aldi stehen. Vom Leben bleibt das Sterben:
Sterbende sind kein Tabu, und der Tod ist kein hoffnungsloser Fall – wagen wir, darüber zu reden. Wie will ich sterben? Wie können Sterbende in Würde begleitet werden? Das sind Themen, denen wir nicht ausweichen dürfen.
Käßmann schlägt aus dem Tod noch Sinn, natürlich nicht ohne auf die kirchliche Industrie mit dem Bestseller Tod zu schielen. Nachdem sich die Frage nach dem „ob“ offenbar schon erledigt hat, wird das „wie“ angeblich zur Wahl – als würde jemand freiwillig die Wahl treffen, allein und elend in einem heruntergewirtschafteten Hospital zum Rhytmus der eisernen Lunge zu verrecken. Wenn die Kirchen das Leben schon nicht geben können, und an den Verhältnissen nicht rütteln, so bleibt ihnen nur der Tod. Oder die Liebe? Die sieht bei Käßmann so aus:
Liebe ist nicht statisch. Wer sich darauf einläßt, macht sich verletzbar. Aber es lohnt sich, in sie zu investieren, damit wir das Gewebe stärken, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Da geht es um Familie, Ehe und Partnerschaft, aber auch um Vertrauen und Freundschaft.
Investmentfonds Liebe zur Erhaltung der harmonistisch vergifteten Gesellschaft, der religiös vertuschten Ausbeutungsverhältnisse. Was sagt eigentlich die Bergpredigt zur Ehe?
Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.
Just so charming, isn’t it. Der Kitt, den Käßmann abliefert, ist für die Produktionsverhältnisse gedacht, nicht für die Individuen. Die sollen am Recht nicht rütteln und doch die errungene Freiheit verteidigen.
Es gibt kein „Die“ und „Wir“, sondern nur „Uns“ in unserem Land, unserer Welt. Hier können wir in einer Vielfalt von Kulturen und Religionen leben, wenn wir das Recht achten und die errungene Freiheit verteidigen.
Das ist so konformistisch und nicht einmal eine Revolte, das spottet jeder aufrichtigen katholischen Befreiungstheologie. Selbst Käßmanns Anhänger klagen offenbar über die offensichtlichen Widersprüche ihres affirmativen Gerechtigkeitskonzepts:
Bei einem Vortrag über Gerechtigkeit fragte mich ein Zuhörer: „Frau Käßmann, seit 30 Jahren engagiere ich mich jetzt, aber irgendwie wird alles immer schlimmer. Woher soll man denn die Hoffnung nehmen, dass es besser wird?“
Und was gibt ihr die Käßmann? Durchhalteparolen mit Prophet Elia: Der Weg ist lang und so weiter. Und aber auch ein wenig Konsum als Ersatz für das verlorene Glück:
Ja, es gibt Ermüdung, weil wir alle nicht mal eben schnell die Welt retten werden. Wir brauchen Zeiten für uns selbst, in denen wir Kraft schöpfen.
Reproduktionszwang vergiftet Muße zur Freizeit. Und was hat Käßmann den Verwalteten anzubieten?
Im Glauben, im Gottesdienst, beim Pilgern und Schweigen können wir Kraftquellen erschließen. Wir dürfen uns auch Gutes tun!
Wo noch Widerständigkeit in den Menschen überlebte, werden sie hier komplett zur Batterie zugerichtet, in der irgendwelche verborgenen Ressourcen noch „erschlossen“ und vernutzt werden sollen. Das ist noch nicht der Gipfel, der Gipfel der Ekelhaftigkeit ist es, diese in Selbstausbeutung Erschöpften noch einmal in die kirchlichen Pilgerindustrie zu hetzen und ihre letzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen kontrollieren und ausbeuten zu wollen und das dann als „sich Gutes tun“ zu verkaufen wie der Kaffee, der die meisten doch viel eher bei der Arbeit hält als ihnen die idyllischen Ruhepausen der Cappucino-Werbung zu gönnen.
Was Käßmann in jeder Faser ausschließt, ist Widerstand.
Zum Frieden gehört der Mut, Konflikte gewaltfrei zu lösen – im persönlichen Umfeld wie in internationalen Konflikten. Waffen sind keine Lösung, sondern das Problem. In den Seligpreisungen entwirft Jesus eine Kontrastgesellschaft, die für uns Provokation und Leitfaden sein kann, auch im politischen Handeln.
Das sagt ein Nachkomme einer Gesellschaft, die nur durch Waffengewalt aufgehalten werden konnte. Solcher Pazifismus nach dem Nationalsozialismus ist die Befürwortung des Nationalsozialismus, der zynische Spott über die sich für „unsere Freiheit“ opfernden alliierten Soldaten, denen man hier noch zurät, sie hätten noch mehr Wangen hinhalten und noch mehr Menschen ins Gas schicken lassen sollen. Den aggressiv-pazifistischen Deutschen lässt sie ein Lichtlein tragen, als wüsste sie nicht genau, wer in der biblischen Mythologie der Lichtträger ist:
Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Käßmann zündet hier wohl eher ihr kleines Lichtlein an, um gewaltig über die schlechten Werke hinwegzublenden. Wer bezeichnete bekanntermaßen sich und die arischen Deutschen in der Geschichte als „Lichtbringer“ im Kampf gegen „lichtscheues Gesindel“? Man kann dieser „Lichtbringerin“ jedenfalls nur ihr eigenes Kraut empfehlen:
Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!
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Eigene Referate sind möglich nach Voranmeldung. Wir bitten darum, bis zur Veranstaltung folgende Filme nach Möglichkeit OMU gesehen zu haben:
https://www.facebook.com/events/597624490265622/
– First Blood (aka Rambo I)
– The Green Mile
– Apocalypse Now Redux
– Pans Labyrinth
– Atarnarjuat the Fast Runner (Livestream möglich)
– Top Gun
– The Happening
– I hired a Contract Killer
– Die Entdeckung der Currywurst
– 4 Minuten
– The Master (Nigeria. Gekürzte Version: http://www.youtube.com/watch?v=0KqesD2JU88&wide=1)
Ein PDF-Reader geht den Teilnehmern zu. Die Quellenangaben der OBLIGATORISCHEN TEXTE sind:
– Kulturindustrie. In: Dialektik der Aufklärung, Adorno/Horkheimer. Fischer Verlag.
– Das Spektakel des Anderen. In: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4: Stuart Hall. Argument Verlag.
– „Dreams are made like this“ – Hortense Powdermaker and the Hollywood Film Industry. Jill B.R. Cherneff. Via JSTOR.
-„Damsel in Distress“: https://www.youtube.com/watch?v=X6p5AZp7r_Q
Weiter empfohlen für die intensive Einarbeitung:
– Alles falsch: Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie. Braunstein, Dittmann, Klasen (Hg.) 2012. Verbrecher Verlag
– Adorno. The Culture Industry. Selected Essays on Mass Culture. Bernstein (Hg) 1991. Routledge.
– Part IV: Hollywood. In: Stranger and Friend. The Way of an Anthropologist. Hortense Powdermaker. W.W. Norton & Company.
Eine Veranstaltung der Aktiven Fachschaft Soziologie Marburg
(http://www.fachschaft-soziologie-marburg.de/)
Um an der Veranstaltung teilzunehmen, bitten wir um Anmeldung unter: filmworkshop.fssoziologie@gmail.com
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Man kann darüber streiten, wie vergeblich die Mühe ist, Beiträge in Zeitschriften zu kritisieren, die wie ihre Tante „Bahamas“ alles, aber keine Diskussionsforen sind, und die im Zuge dessen auch keineswegs Kritische Theorie machen, sondern Publizistik.
Zur Beschneidungsdebatte, deren politisches Fazit jeden Säkularismus in Deutschland wie auch in den mit Argusaugen auf den Westen blickenden arabischen neuen Staaten auf Jahre hinweg kalt gestellt hat, muss man eigentlich nichts mehr schreiben. Gleich vier Autoren sehen sich trotzdem ein Jahr, nachdem kritische Positionierung relevant und riskant gewesen wäre, dazu gezwungen, irgendwas Äquidistantes, materialistisch angehauchtes über Recht, Staat und Nation zusammenzuzimmern. Das alles kann man selbst nachlesen, wenn man es noch der Bedeutung verdächtigt. Hier geht es nur kurz um das gröbste Missverständnis, das jenseits der Beschneidungsdebatte relevant ist, weil es einen grundfalschen Begriff von Psychoanalyse voraussetzt:
Dies geschah ungeachtet des Umstands, dass der Islam im Verlauf der Diskussion auch von den Beschneidungsgegnern immer wieder dafür gelobt wurde, dass die Beschneidung hier relativ spät vorgenommen wird und man sie vielleicht nur noch ein paar Jährchen weiter zu verschieben bräuchte, damit sie der Forderung genüge trage, die Beschneidung in einem Alter freier Entscheidungsfähigkeit durchzuführen.
Dass allerdings eine bereits entwickelte Reflexionsfähigkeit und gemachte Schmerzerfahrungen eine Beschneidung in höherem Alter verglichen mit einer im Säuglingsalter durchgeführten ungleich angstvoller und damit auch schmerzhafter machen, liegt jedoch auf der Hand (5).
Anders als bei der jüdischen Beschneidung des Säuglings dürfte die Beschneidung nach dem einmal entfachten ödipalen Konflikt ihrerseits direkt durch die dann mit einer Beschneidung unvermeidlich einhergehende Kastrationsdrohung motiviert sein. Bei der Säuglingsbeschneidung müsste die Kastrationsangst allerdings ausbleiben. (Leo Elser, Polemos #5)
In der Fußnote heißt es:
Nicht bestritten ist damit, dass auch Säuglinge Schmerzen empfinden können. Schmerzen sind aber ihrerseits immer auch durch Individualität und Erfahrung vermittelt, weshalb sich die Qualität des Schmerzes nicht rein empirisch (z.B. durch Beobachtungen der Gehirnströme o.ä.) feststellen lässt.
Wir wissen nicht, welche Säuglingsforschung Elser hier einbezieht, und müssen uns wie er auf das Moor der Einfühlung, der Introspektion und Logik wagen. Elsers Herleitung lautet:
Kastrationskomplex plus Beschneidung ist gravierender als Oralität plus Beschneidung. Warum? Weil „mehr Individuum“, „mehr Reflexion“ möglich sei, also „mehr Angst“, bzw. qualitativ anderer Schmerz.
Das beinhaltet eine Verkehrung der psychoanalytischen Befunde, dass alle Erfahrungen auf früheren aufruhen, durch diese hindurch gefiltert werden. Der Säugling ist nicht einfach weniger erfahrungsfähig als das Kleinkind, sondern die Erfahrungen des Säuglings sind essentieller Grundstein der Erfahrungswelt des Kleinkindes, Störungen in der oralen Phase wirken auf das Gelingen beispielsweise der Triangulierung zurück. Wenn ein Säugling am 8. Tag seines Lebens unsägliche Schmerzen erleidet, die ihn in die Schockstarre zwingen, dann hat er nach diesem Tag bereits ein Achtel seines postnatalen Lebens Schmerzen erlitten und kann noch nicht einordnen, ob diese jemals wieder aufhören werden, er muss auch befürchten, diese jederzeit wieder zu erleiden. Erst im Lauf der Zeit lernt der Säugling, Versagungen zu tolerieren und Triebregungen aufzuschieben oder zu sublimieren. Das junge Kind kann bereits symbolisieren, er kann einordnen und er kann auch getröstet werden durch Sublimierungen und die Versicherung, dass es nun eben vorbei sei. Das bedeutet: Die Beschneidung im Säuglingsalter ist keineswegs weniger angsterzeugend als die im Knabenalter.
Noch falscher ist, durch die frühe Beschneidung nicht den Kastrationskomplex aktualisiert zu sehen oder wie Niklaas Machunsky in islamische Beschneidung als Inzestverbot und jüdische Beschneidung als Unterwerfung unter ein Gesetz zu trennen. Würde man diese doch sehr naive Auffassung wirklich zu Ende denken, wäre zuerst einmal der gesamte Kastrationskomplex des Mädchens hinfällig. Das ist bekanntlich gar nicht kastriert, missversteht sich aber genau so und beschuldigt die Mutter für den vermeintlichen Defekt oder vermutet eine Strafe für eine unbekannte Tat.
Der beschnittene Junge wird jedoch darüber hinaus immer ein Bewusstsein davon haben, dass er tatsächlich eine Narbe trägt, dass er in einer grauen Vorzeit für irgendein ihm unbekanntes Vergehen kastriert wurde. Spätestens bei der Beschneidung von Brüdern, Söhnen oder anderen Verwandten wird diese Frage akut. Nicht zu wissen, wer dieser unbekannte Kastrator war, wofür man bestraft wurde, das dürfte dann doch ungleich angsterzeugender sein, als eine Konkretion der Ängste vor sich zu sehen, die man wenigstens Zeit seines Lebens hassen darf. Die Konkretion von Ängsten wurde übrigens in der psychoanalytischen Märchenforschung Bettelheims respektabel, unter der logischen Voraussetzung, dass sie im Märchen auch bleibt.
Auch die jüdische Beschneidung ist gegen den Inzest gerichtete Kastrationsdrohung. Gesetz als psychologische Instanz, als gesellschaftlich sanktioniertes Über-Ich ist gemeinhin in der Psychoanalyse gar nicht denkbar ohne die Internalisierung der kastrierenden Vater-Instanz.
Das Judentum als religiöser Kanon beinhaltet immerhin einige Regelungen, die zumindest nahelegen, die aggressiven Aspekte des Rituals weitgehend in den Schein der Zärtlichkeit, der Integration und der Homoerotik zu kleiden. Das entspricht der Doppelgestalt aller Beschneidungsinitiationen, wie sie Theodor Reik beschreibt: homoerotische Zärtlichkeit und Aggression/Kastration. Es bleibt aber intendiert als aggressiver Akt, als verstümmelnde Kastration, die sich spätestens dann als Traumatisierung ausweist, wenn sie um jeden Preis am eigenen Kind wiederholt werden muss. Dem wirklich komplizierten Sachverhalt stellen sich alle Autoren nicht oder allenfalls als Illustrationsmaterial elegischer Staatstheorien: Dass die Beschneidung nun einmal archaisch und barbarisch ist, obwohl genau das die Antisemiten den Juden als Wesenszug anlasten – natürlich nur, um im zweiten Atemzug die modernsten Errungenschaften wie gerade den bürgerlichen Rechtsstaat als jüdische Erfindung zu verdammen und sich mit Tradition und Barbarei zu identifizieren.
Jan Huiskens begründet in der Prodomo mit viel Adorno, Marx und Schmalz, „warum außerdem die Juden mitsamt ihren Bräuchen gegenüber allen „Kinderschützern“ und sonstigen Staatsfetischisten verteidigt werden müssen.“ Das ist martialischer Heroismus, der hohl klingt, weil er längst mit dem staatlichen Konsens konform geht. Die selbsterklärte Avantgarde der Kritischen Theorie folgt damit den poststrukturalistischen Beschneidungsverharmlosern, sie gibt sich lediglich etwas mehr Mühe, Adorno selektiv zu lesen und Staat raffiniert, aber ganz undialektisch von Gesellschaft zu trennen, was ihnen darauf hinausläuft, im Recht des Kindes gegen das Kollektiv den Volksstaat der Nationalsozialisten zu bestimmen. Das setzt zwar ganz hahnebüchene Relativierungen und Kategorienfehler voraus, weist aber ebensowenig Empathie für jüdische oder muslimische Kinder auf wie die Gesetzgeber.
Jan Gerber hat in seinem eigenwilligen Beitrag leider auch nicht viel Bereicherndes hinzuzufügen, er wiederholt eigentlich das prüde Ressentiment gegen das historisch vermutlich erste, wenngleich reichlich verkrampfte gesellschaftliche Gespräch über die Verwundbarkeit männlicher Genitalien:
Aller Rhetorik vom Wohl der Kinder, den „Lehren aus der Geschichte“ oder dem säkularen Staat zum Trotz war die Beschneidungsdebatte damit vor allem eins: die publizistische Variante eines traditionellen Schwanzvergleichs. (Jan Gerber, Polemos #5)
Man fragt sich, warum er trotz dieser Einsicht daran teilnimmt.
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Der Spiegel ließ in der Ausgabe 8/2013 eine tendenziöse Rezension der israelischen Dokumentation „The Gatekeepers“ mit einem Zitat eines ehemaligen israelischen Shin-Bet-Chefs einleiten: „Wir sind ein grausames Volk geworden.“ Das klingt in Deutschland, dem Land der Ritualmordlegenden, gleich doppelt fetzig: ein Kronzeugenzitat mit israelischem Persilschein und allem Geheimdienst-Pipapo.
Fürs neue Cover (13/2013) genierte dann wirklich nichts mehr. „Das ewige Trauma – Der Krieg und die Deutschen“. Ein mitleidserweckend zersauster Soldat blickt uns klagend an, hinter ihm ein Flüchtlingsstrom und, Kitsch komm raus, das Brandenburger Tor, um wirklich sicherzustellen, dass hier Deutsche nach Deutschland fliehen und nicht etwa Juden nach Shanghai. In der unteren Bildhälfte dann Farbe: Ein Foto, das aus der Ferne betrachtet vormarschierende GI-s zeigen könnte, ein Blick ins Heft legt aber nahe, dass es Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sind. „Verwundete Nation“ titelt ein Beitrag im Heft: „Immer wieder arbeiten die Deutschen das Trauma der NS- und Kriegszeit neu auf – und bleiben eine verwundete Nation. Der Psychiater Hartmut Radebolt analysiert das „Erschrecken über uns selbst“.“ Dann noch einmal: „Die Wunde der Vergangenheit“ als Schlagzeile.
Was soll aber am Trauma ewig sein in einem Land, dem Franz Josef Strauss 1969 versicherte: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Ausschwitz nichts mehr hören zu wollen?“ Zur selben Zeit, in dem der erste und einzige Aufstand gegen die ungebrochene nazistische Hegemonie in der Demokratie von ein paar tausend pubertierenden StudentInnen organisiert werden musste? Ein aktueller FAZ-Leserbrief beklagt, dass vor allem Deutsche Opfer der Nazis gewesen seien, eine Verwandte sei als Krankenschwester an die Front versetzt worden, weil sie gegen Euthanasie war. Wenn das so massenhaft so war, dann wundert doch die friedliche Stille und Eintracht sehr, in der Deutschland über 20 Jahre lang wieder aufgebaut wurde. Nota bene, damals waren weite Teile beispielsweise des hessischen Landtags in der NSDAP gewesen, inklusive Justizministerium, weite Teile der Bürokratie wurden niemals entnazifiziert, Grundstein für den späteren Erfolg der nationalsozialistischen Terrorwelle. Paradox war: Schuld im eigentlichen psychologischen Sinn empfanden fast ausschließlich Opfer und jene, die gescheitert waren in ihren mal verzweifelten, mal dilletantischen Versuchen des Widerstandes. Hätte Strauss gewonnen und wären die pubertierenden Studierenden nicht irgendwann doch erwachsen und mitunter erschreckend kompromissbereit geworden, man könnte noch viel ungestörter die traditionelle deutsche Wundversorgung betreiben: Kriegerehrenmäler, Kameradentreffen, SS-Vereinsabende.
Überlebende Altnazis und Opfer heute wissen genau, was sie mit dem „ewigen Trauma“ assoziieren sollen: den NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“. Und genau auf diese den meisten wohl eher unbewusste Assoziation baut der Spiegel-Titel: Das „ewige“, weil narzisstische Trauma ist den Deutschen „der ewige Jude“, jene Juden, die als Überlebende und Nachkommen an die Verbrechen, zumindest aber an Feigheit, Mitmachen, Zusehen erinnern.
Im Spiegel heißt es auch nicht „Die Deutschen und der Krieg“. Das würde Kriegsschuld suggerieren. „Der Krieg“ ist vorangestellt, um die Suggestion von etwas äußerlichem, abstrakten zu bewahren, das unter anderem eben auch über die Deutschen gekommen sei und von dem sie sich immer noch nicht erholt hätten. Die beschworene Wunde erscheint nun nicht bedrohlich, weil sie die paradoxesten Reaktionen inklusive für alle möglichen Minderheiten bedrohlichen Wiederholungszwang zeitigt, sondern weil sie angeblich heute die gebotene Effizienz der Bundeswehr blockiert, die ausnahmsweise Demokratie und Freiheit verteidigen sollen. Dieser Effizienzverlust durch nationales Trauma schadet also wiederum nur: den Deutschen.
Das neueste Cover ist sicher kein Testballon und keine Aberration. Der Spiegel ist spätestens seit der Augstein-Affäre auf Trotz-Kurs und muss sich in jeder Ausgabe seiner neuen, selbsterteilten Definitionsmacht über den Antisemitismus vergewissern. Das Cover ist Ausdruck eines kühlen, marktorientierten Opportunismus, der mit viel bewährtem Schmalz und ins Detail berechneter und erprobter Manipulation die bestehende Popularität einer Fernsehserie ausbeutet. Die explizite Botschaft, dass man sich offenbar für gar nichts mehr schämen muss und damit ökonomisch (und militärisch) Erfolg haben wird, das vereint Spiegel und Strauss. Verwandt ist das allemal mit der Auslöschung jedweden rationalen und irrationalen moralischen Bedenkens durch den berüchtigten nationalsozialistischen „Anstand“: Dass man wie Himmler die Erschießungsgräben besichtigt und hinterher meint, „anständig“ geblieben zu sein, was für Himmler bekanntermaßen bedeutete, ein paar Schwindelanfällen wegen der vielen Leichen getrotzt zu haben.
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Ein deutscher Film, so lautet das Gesetz, bedarf entweder eines Mörders oder eines Eigenheims, das gegen ökonomische Kalamitäten verteidigt werden muss. In „Ausgerechnet Sex“ darf das Häuschen dann auch mal eine millionenschwere Villa in Münchens Speckgürtel sein. Die gesetzlich vorgeschriebenen zwei Kinder, natürlich gemischgeschlechtlich und mindestens ansehnlich, verlieren tragischerweise den lieben Vater.
Die Mutter sieht sich vor fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestellt, um den Kindern die Privatschule und das Designertraum-Schlösschen zu erhalten: Soll sie ein paar edle Vasen, Gemälde und die Dunstabzugshaube verkaufen, um die irrsinnigen Schulden von 84,000 Euro zu bezahlen? Oder überwindet sie ihre Prüderie und führt die Pornofirma des Gatten weiter, der seinen sauren Broterwerb vor ihr verheimlichte? Müssen gar die Kinder ins Elend der öffentlichen bayrischen Schulen abrutschen? Die logischste Alternative, das fürstliche Anwesen zu verkaufen und sich auf einer Karibikinsel zur Ruhe zu setzen, steht natürlich nicht zur Debatte – die arme reiche Frau hat das sich selbst zeugende Kapital zu neuem Elan zu motivieren und muss dafür ihre Verklemmung überwinden.
Die Verklemmung besteht nur oberflächlich in antiquierten Vorstellungen von einer Einheit von Liebe und Sex, die sie daran hindern, entspannt bei Pornoproduktionen zuzusehen. Für den Produktionsprozess ist sie so überflüssig wie sonst nur der europäische Adel. Als Legitimationsplattform für die Herrschaft dient die „Familie“, zu der die Belegschaft mutiert. „In meiner Firma wird niemand ausgebeutet“ protzt die Chefin mit der Luxus-Villa. Sogar die Oma putzt in dem „Familienbetrieb“ und ist ganz versöhnt mit dem Klassenunterschied innerhalb der Familie.
Die Erbin will sich des Produktionsprozesses inklusive Schwiegermutter bemächtigen und träumt von ökologisch korrekten Pornos mit künstlerisch-amourösem Wert, sprich: Mehrwert. Der Geschmack des knallharten Marktes droht sich dann auch nach Fehlschlägen durchzusetzen, würde die Unternehmerin nicht doch ihre einzige Leistung liefern: eine Marktlücke entdecken. Die besteht in den sexuellen Wünschen von anderen, noch reicheren Frauen. Deren angehäuftes Kapital kann gar nicht mehr selbsttätig vershoppt werden, so dass ein eigener Privatporno mit dem galanten „Roy das Rohr“ interessantes Ersatzbedürfnis wird. Die geniale Managerin „erfindet“ den „Freundschaftspreis“ von 1500 Euro für ein komplettes Filmchen. Was da nach den Produktionskosten noch für die Darsteller bleibt, spottet wahrscheinlich noch dem durchschnittlichen Prostituiertenlohn. Immerhin: Bei der ersten Konsumentin ist „alles noch ganz knackig“.
Unter dem sozialen Druck von Moralaposteln (und vor allem aus ästhetischen Skrupeln) wird so aus der Pornofirma, in der vormals Befreundete und verheiratete Schönheiten vor der Kamera Sex hatten, ein Edelbordell, in dem die Darsteller fortan Privatpornos für reiche Scheidungsanwältinnen drehen müssen. Das wird abgefeiert als Rettung der Firma, als moralisch integrer Fortschritt, als Zugeständnis an die Puritaner an der Privatschule und als privatfamiliäre Versöhnung mit der eventuell doch zu freizügigen, renitenten Tochter und dem überkeuschen Sohn.
Natürlich handelt die Leiterin im Interesse der Angestellten. Geldprobleme hat natürlich nicht nur die Unternehmerin, aber sie hat die drastischsten. Das ist Krisenbewältigung a lá Deutschland, mit ein paar halbgezeigten Brüsten und Lederröckchen verziert. Da darf zwangsliberal dann auch der seit neuestem für den deutschen Film obligatorische Transvestit auftreten – wie immer nur, wenn er körperlich schwach ist und beim Joggen ohnmächtig wird. Natürlich gibt es auch einen fahrradbehelmten Spießer, der Pornos verabscheut und seinen Kredit zurückfordert. Und es gibt einen schmierigen Jung-Regisseur, der einem Schneewittchen von 17-Jähriger nachsteigt und die Filmproduzentin ganz abscheulich erpresst – was die darüber furchtbar Empörte natürlich nicht davon abhält, ihre KundInnen gleich Dutzendweise mit den produzierten Privatpornos zu erpressen. Das alles ist so flach wie ein Papier, aber raffinierte Ideologie.
„Ausgerechnet Sex“ ist der nicht mehr ganz neue Versuch, das Adelsdrama zu renovieren. Das hineingeschleuste Marktprojekt ist gar nicht unzeitgemäß: Neben der ganzen deutschen Ideologie wird die reiche Frau als Freierin hoffähig gemacht. Die traditionelle ökonomische Rolle des Mannes, der sein überschüssiges Kapital im Puff ausgeben darf und soll, wird von zwei Seiten in die Zange genommen:
Zuerst wird sichergestellt, dass hier wirklich alles freiwillig und nicht etwa aufgrund ökonomischer Zwänge geschieht, die für weibliche Prostitution wie für jede Lohnarbeit typisch sind. Alle Pornodarsteller und –darstellerinnen arbeiten natürlich aus purem Spaß an der Freude, Arbeit ist Lust oder Show.
Nachdem die neobourgeoisen Frauen ihre vom 50-er-Jahre-Patriarchat angefressene ökonomische Position endlich revolutioniert haben, wird ihnen angeraten, ihre Sexualität zu liberalisieren, nach dem Modell der Männer zu verfahren, und ebenfalls auf die sexuellen Unkosten zu kommen, die der Arbeitsprozess und der Rückstand echter gesellschaftlicher Liberalität mit sich bringt – das alles natürlich ohne den Ludergeruch eines gewöhnlichen Bordells, hier ist pornographischer Sex käuflich, privat und politisch korrekt. Unmoralisch daran ist die perfide Leugnung von Ausbeutung in der Produktion, die hier noch larmoyant zum Leid und Wehe der Firmeneignerin umgelogen wird, mit der dann alle Beteiligten noch sich identifizieren dürfen.
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